Verhandlung am Landgericht Traunstein

Kidnapping: Das Urteil für die Angeklagten steht

+
  • schließen

Traunstein/Altötting - Der Prozess um zwei kuriose mutmaßliche Entführungen entwickelte sich zur Hängepartie. Jetzt wurde ein Urteil gefällt, mit dem nicht alle Beteiligten zufrieden sein dürften:

UPDATE, 16:35 Uhr

Die Frage, ob die Entführung des Geschäftsmannes nach Tschechien nur inszeniert war, beantwortete das Gericht mit einem klaren "Jein".

"Die Verbrüderung (des Angeklagten K. und des mutmaßlichen Opfers) von Anfang an glauben wir überhaupt nicht. Nicht in Ansätzen", so der Vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel. Man gehe davon aus, dass die Verbrüderung im Auto stattgefunden habe. Konkret heißt das: Das Gericht ist davon überzeugt, dass das Opfer gewaltsam ins Auto verfrachtet worden war, der Anruf bei dessen Geschäftspartner (wegen des Lösegelds) war hingegen von Entführer und Opfer (später im Auto) verabredet worden.

Der Hauptangeklagte K. wurde deshalb wegen Raubes (des Autos) in Tateinheit mit Freiheitsberaubung (das ins Auto Zerren) und versuchter räuberischer Erpressung (der Anruf bei dem Geschäftspartner des Opfers) zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt.

Wegen der ersten mutmaßlichen Entführung sprach das Gericht K. frei. Die Einlassungen K.'s seien weniger fehlerbehaftet und schlüssiger als die des mutmaßlichen Opfers, so der Richter. Einen Beweis für die erste Entführung sieht das Gericht deshalb nicht.

Der Mitangeklagte L., der das dabei geholfen hatte, das zweite Opfer ins Auto zu zwingen, wurde wegen Raubes und Freiheitsberaubung zu drei Jahren Haft verurteilt. Das Gericht sah allerdings keinen Nachweis dafür, dass L. etwas von den Plänen K.'s und des Entführten wusste, den Geschäftspartner des Entführten zu schröpfen.

Der Mitangeklagte D. wurde wegen Beihilfe zum Raub zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre.

"Wir hatten einen sehr, sehr außergewöhnlichen Prozess zu führen", fasste der Vorsitzende zusammen. Richter Zenkel machte kein Geheimnis daraus, dass das Gericht gerne das zweite mutmaßliche Entführungsopfer im Zeugenstand gesehen hätte.

UPDATE, 14 Uhr: 

Alle Prozessbeteiligten erklärten sich damit einverstanden, auf die Vernehmung der tschechischen Zeugen zu verzichten. Nach einigen persönlichen Angaben der Angeklagten und der Verlesung der Bundeszentralregisterauszüge hielten Anklage und Verteidigung ihre Plädoyers. Die Ausführungen hätten kaum unterschiedlicher sein können.

Staatsanwältin Julia Fetschele zeigte sich überzeugt davon, dass die Angeklagten von den beiden mutmaßlichem Opfern Geld "herauspressen" wollten. Das erste Opfer habe glaubwürdig dargestellt, was sich zugetragen habe. So habe der Mann Details erwähnt, die man sich nicht einfach so ausdenken könne. Bei der zweiten mutmaßlichen Entführung seien die Einlassungen des Hauptangeklagten K. nicht glaubwürdig. Fetschele kritisierte "Widersprüche in der Aussage". Weil die Tatbeiträge zudem ineinandergriffen, seien alle drei Angeklagten Mittäter.

Entsprechend hoch fielen die Anträge der Staatsanwältin aus. Für den Hauptangeklagten K. beantragte Fetschele eine Haftstrafe von sieben Jahren und acht Monaten. Für die mutmaßlichen Mittäter L. und D. forderte Fetschele sechs Jahre und sechs Monate beziehungsweise fünf Jahre und vier Monate Haft.

Der Verteidiger des Hauptangeklagten K., Rechtsanwalt Michael Adams, verwies darauf, dass nach seiner Einschätzung das erste mutmaßliche Opfer, das in Kiew entführt worden sein soll, sehr wohl Schulden bei K. hatte. Es sei also um ein Wiederbesorgen und Eintreiben "berechtigter Forderungen" gegangen. Die Aussagen des mutmaßlichen Opfers enthalten für Adams Widersprüche. So soll eine schwangere Komplizin den Mann mit einer Pistole bedroht haben - zwei Tage vor der Entbindung. Adams hält dies für unglaubwürdig, kommentierte das Aussageverhalten des mutmaßlichen Opfers mit den Worten: "Da passt doch irgendetwas nicht." Der Verteidiger plädierte bei Tatkomplex eins auf Freispruch, hält maximal eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Körperverletzung für denkbar.

Zur zweiten mutmaßlichen Entführung, bei der ein vermeintlich oder tatsächlich reicher Geschäftsmann bis nach Tschechien verschleppt worden sein soll, ist Adams überzeugt, dass das mutmaßliche Opfer "mit im Boot", die Entführung also fingiert war. So habe es eine Pinkelpause und einen längeren Aufenthalt in einem Einkaufszentrum gegeben. Adams fragte, weshalb das mutmaßliche Opfer keinen Fluchtversuch unternommen habe. Sogar bei der Polizeikontrolle habe der Mann nicht versucht, auf sein Schicksal aufmerksam zu machen. "Hohes Gericht, es passt alles nicht", so der Verteidiger. Für Adams liegt beim zweiten Tatkomplex ein versuchter Betrug durch eine fingierte Entführung vor. Der Verteidiger beantragte, eine etwaige Haftstrafe zur Bewährung auszusetzen. Sein Mandat ist seit einem Jahr in Untersuchungshaft, Adams sprach von einem "erheblichen Lerneffekt" durch die Inhaftierung.

Der Verteidiger des Mitangeklagten L., Rechtsanwalt Hans Bense, verwies ebenfalls auf Ungereimtheiten, wie etwa darauf, dass nach Angaben der tschechischen Polizei das mutmaßliche Entführungsopfer sein Handy bei der Polizeikontrolle bei sich hatte. "Das ist schon sehr merkwürdig", so Bense. Der Verteidiger bezweifelt zudem, dass sein Mandant auf der Fahrt nach Tschechien auch nur ein Mitwisser einer etwaigen Straftat war: "Für ihn war es tatsächlich nur ein Ausflug nach Tschechien." Bense beantragte deshalb einen Freispruch.

Der Verteidiger des Mitangeklagten D., Rechtsanwalt Hanns Barbarino, sprach von einem "abstrusen Sachverhaltsgeschehen". Auch Barbarino äußerte Zweifel, wie viel sein Mandant tatsächlich gewusst habe. Der Verteidiger hält bei D. höchstens eine Verurteilung wegen Beihilfe zum einfachen Raub (des Autos) für denkbar. Barbarino beantragte einen Freispruch und - im Falle einer Verurteilung - eine Bewährungsstrafe von maximal eineinhalb Jahren.

Das Gericht hat sich nun zur Beratung zurückgezogen.

UPDATE, Montag, 10.30 Uhr

Die tschechischen Zeugen, die den russischen Geschäftsmann aus den Händen der Entführer befreit haben sollen, sind nicht vor Gericht erschienen. Am Morgen hatte das Gericht ein Schreiben der tschechischen Staatsanwaltschaft erreicht - in tschechischer Sprache und auf Freitag datiert. Unmittelbar vor der Verhandlung hatte die Übersetzerin, die eigentlich für die vier geladenen tschechischen Zeugen als Dolmetscherin hätte fungieren sollen, das Schreiben übersetzt.

Im Zeugenstand verlas die Übersetzerin anschließend den Brief. Demnach könne die als Zeugin geladene Übersetzerin aus Tschechien nicht erscheinen, weil sie sich einen Beinbruch zugezogen habe, so die Auskunft des tschechischen Staatsanwalts. Er selbst und die beiden Polizeibeamten hätten zu der Sache nichts hinzuzufügen - werden also auch nicht als Zeugen erscheinen. Der Staatsanwalt verwies darauf, dass man die Protokolle der Vernehmung in der Tschechischen Republik den deutschen Behörden zugeschickt habe. "Daher bitte ich, auf deren Inhalt Bezug zu nehmen", so der Staatsanwalt. Zum mutmaßlichen Entführungsopfer, das in Tschechien vernommen worden war, gab der Staatsanwalt die Auskunft, es gebe eine "verwirrende Beschreibung" bezüglich seines Auftretens. Dass der Mann Opfer einer Entführung geworden war, sei aber möglich.

Der Übersetzerin, die das Schreiben verlesen hatte, war das Verhalten der geladenen Zeugen offensichtlich unangenehm. "Ich habe andere Erfahrungen gemacht. Normalerweise kommen die Zeugen sehr zuverlässig", so die Dolmetscherin.

Der Vorbericht:

Bereits seit Dezember müssen sich drei Männer vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Traunstein für zwei mutmaßliche Entführungen verantworten. Nach zwei sogenannten Zwischenterminen findet am Montag, 9. Februar, endlich wieder ein "richtiger" Verhandlungstag statt. Auch das Urteil könnte dann fallen.

Reifenpanne und leerer Tank

Die drei Angeklagten sollen am 17. Februar einen reichen russischen Geschäftsmann nach Altötting gelockt und von dort aus bis in die Tschechische Republik verschleppt haben. Ihr mutmaßliches Motiv: Lösegeld in Höhe von zwei Millionen Euro. Nach einer Pannenserie, unter anderem sollen die Männer mit einer Reifenpanne und einem leeren Tank zu kämpfen gehabt haben, stoppte schließlich die Polizei das Trio. Offenbar hatten die drei Männer das Handy des mutmaßlichen Opfers nicht ausgeschaltet, konnten so geortet werden.

Bereits im November 2013 soll zudem der Hauptangeklagte K. einen 61-jährigen deutschen Geschäftsmann unter einem Vorwand nach Kiew gelockt und dort ebenfalls entführt haben. Dieses Opfer soll selbst geflohen sein, beide mutmaßlichen Entführungen misslangen also.

Wie reich ist das zweite Opfer wirklich?

Im Laufe der bisherigen Verhandlung kamen immer wieder Zweifel auf, ob sich tatsächlich alles so zugetragen hatte. Der 33-jährige russische Geschäftsmann etwa soll nach der mutmaßlichen Entführung nicht seine Ehefrau, sondern einen Geschäftspartner verständigt haben. Dies sagte zumindest jener Geschäftspartner vor Gericht. Zudem gab der Zeuge an, dass das mutmaßliche Entführungsopfer immer wieder in Zahlungsverzug geraten sei. Wie reich ist der 33-Jährige also tatsächlich?

Bei dem ersten mutmaßlichen Opfer, dem 61-jährigen Deutschen, versuchte die Verteidigung am zweiten Verhandlungstag dessen Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen. So etwa hatte der 61-Jährige erst zwei Monate nach der mutmaßlichen Entführung Anzeige erstattet.

Tschechische Beamte sollen gehört werden

Im Laufe der Verhandlung war schnell deutlich geworden, dass die ursprünglich angesetzten vier Verhandlungstage nicht ausreichen würden. Im neuen Jahr musste das Gericht gar zwei sogenannte Zwischentermine ansetzen. Zwischentermine dienen einzig und alleine dem Zweck, die maximalen Unterbrechungsfristen in einer Hauptverhandlung zu wahren. Die Beweisaufnahme wird an solchen Verhandlungstagen nicht weiter vorangetrieben.

Am Montag beginnt um 9 Uhr der nächste "richtige" Verhandlungstag. Unter anderem sollen die tschechischen Beamten gehört werden, die den russischen Geschäftsmann aus den Händen der Entführer befreit haben sollen.

Innsalzach24.de ist vor Ort und berichtet aktuell vom Prozess.

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser