Genieleistungen für "weißes Gold"

+
Das Brunnwarthaus auf dem Schloßberg, genannt "Salinschlössl", fiel 1971 der Abrissbirne zum Opfer.

Rosenheim - Heuer jährt sich zum 200. Mal die Eröffnung der Saline in Rosenheim. Ihren Betrieb bis zur Schließung 1958 hat sie einer Soleleitung zu verdanken, die von den Quellen in Reichenhall bis nach Rosenheim führte.

Noch heute gilt die Verbindung als technische Meisterleistung. Ihre Geschichte stellte Martin Kuglstatter, ehemaliger Betreuer des Salinenarchivs von Reichenhall, bei einem Vortrag im Rathaus Schloßberg vor.

Vor vier Jahren machten Bauarbeiter bei Kanalarbeiten im Schloßberger Salinweg einen interessanten Fund: Sie gruben ein gut erhaltenes Stück Holzrohr aus - eines der wenigen Zeugen der Soleleitung von Reichenhall nach Rosenheim. In der Saline erlosch 1958 das letzte Feuer unter den Pfannen, 1960 folgte der fast vollständige Abriss des Werksgeländes, so dass es heute zum Bedauern von Karl Mair, Heimatpfleger von Stephanskirchen und Rosenheim, schwerfällt, die Erinnerungen an dieses bedeutsame Kapitel der Wirtschaftsgeschichte in der Region wach zu halten. Auch das Brunnwarthaus mit Hochreserve, das 1814 auf der Schloßbergkuppe erbaut worden war und mit seiner repräsentativen klassizistischen Fassade im Volksmund als "Salinschlössl" bezeichnet wurde, fiel 1971 der Abrissbirne zum Opfer.

Heimatmuseum und Stadtarchiv Rosenheim, das Salinen- und Moormuseum Klaushäusl, die Reichenhaller Saline als einzige noch produzierende in Bayern, aber auch viele Anrainergemeinden an der früheren Soleleitung bemühen sich darum, dass die "salzige" Historie trotzdem nicht in Vergessenheit gerät. Martin Kuglstatter hat die wohl umfangreichste Bilddokumentation über die beiden Soleleitungen nach Traunstein, in Betrieb von 1619 bis 1912, und nach Rosenheim, die 1810 bis 1958 in Betrieb war, zusammengetragen.

Bau- und Lagepläne, Vermessungsunterlagen und technische Zeichnungen der komplizierten Pumptechnik, alte Ansichten der Salinen und Brunnhäuser sowie Anlagen erzählen ein lebendiges Stück oberbayerischer Technikgeschichte, die dank genialer Ingenieure wie Vater und Sohn Reiffenstuel sowie Georg Friedrich von Reichenbach, an die noch heute Rosenheimer Straßennamen erinnern, Weltberühmtheit erlangte. Bis heute gilt die Soleleitung als erste "Pipeline" der Geschichte, gebaut aus Holz, später auch aus Guss, geführt von Reichenhall entlang der heutigen Alpenstraße über Stege, Brücken und Himmelsleitern nach Grassau und über Ecking und Schloßberg nach Rosenheim. 28000 Rohrstücke aus Holz mit einer Länge von etwa vier Metern und einem Durchmesser von 27 bis 43 Zentimetern wurden unter anderem für die Rosenheimer Leitung zusammengefügt. Bis zu 320 Kubikmeter Sole wurden in der Saline täglich versotten, berichtete Kuglstatter.

Salz galt im 18. und 19. Jahrhundert als "weißes Gold". Das wertvolle Wirtschaftsgut fand nicht nur in der Speisenzubereitung Verwendung, sondern leistete auch beim Bemühen, Lebensmittel haltbar zu machen, und in der Landwirtschaft bedeutsame Aufgaben. Dass Rosenheim über eine Soleleitung mit den 1796 wiederentdeckten Reichenhaller Salzquellen verbunden wurde, verdankte die Stadt einem weiteren Rohstoff: dem Torf, gewonnen vor allem in den Nicklheimer Filzen. Torf diente zur Befeuerung der Solepfannen, denn Brennholz war zu jenen Zeiten rar, berichtete Mair. Die Saline in Rosenheim stellte während ihrer Hochleistungsepoche ein gewaltiges Werksgelände mit 200 Mitarbeitern dar - situiert auf dem Gelände eines zerfallenen Kapuzinerklosters, wo heute das Kultur- und Kongresszentrum steht. Zur Anlage gehörten Sudhaus mit Pfannen, Lagerstätten für die Salzreserven und Befeuerungsanlagen, Lager und Versand, berichtete Kuglstatter.

Zur Soleleitung von Reichenhall nach Rosenheim gesellten sich zahlreiche Brunnhäuser, in denen Solereserven lagerten und die weitergepumpt wurden. Hierfür entwickelte von Reichenbach komplizierte Hebeanlagen und Wassersäulenmaschinen, die in der Lage waren, Steigungen und starkes Gefälle zu überwinden, erläuterte der Referent. Trotzdem sei die Technik störanfällig gewesen, schließlich mussten die Soleleitungen, die oft in unwegsamem Gelände lagen und zur Eröffnung der Saline 1810 über die Holzbogen-Innbrücke am Gerüst entlang bis nach Rosenheim geführt wurden, auch im Winter von Schnee freigehalten, gegen Erdrutsche und Sabotage oder Anzapfungsversuche geschützt werden. Mitte des 20. Jahrhunderts mehrten sich außerdem kritische Stimmen zur Wirtschaftlichkeit. Nach einem vernichtenden Fachgutachten folgte 1958 die Stilllegung. Beim Abbruch endete dieses Kapitel der Rosenheimer Stadtgeschichte dramatisch: Zwei Bürger fanden bei der Sprengung des Kamins durch umherfliegende Steinbrocken den Tod.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser