"Als würde man uns Griechen die Kehle abschnüren"

+
Wassilis Papachatzis, Chef im Traunsteiner "Odysseus".
  • schließen

Traunstein/Reichenhall/Freilassing - Ihr Land steckt seit Jahren in der Krise: Aber die griechischen Wirte der Region schöpfen neue Hoffnung - und berichten mit Tränen in den Augen.

"Bisher war das, als würde man den Griechen die Kehle abschnüren", erzählt Wassilis Papachatzis. Wirklich entspannt ist die Situation nie, wenn man mit griechischen Wirten aus der Region über die Lage in ihrem Heimatland spricht. Beim Besuch dreier Restaurants merkt man: Zwischen Gyros-Grillen und Fladenbrot-Servieren treibt die Griechen eine ganze Menge um - Sorgen und Hoffnungen gleichermaßen.

Anrufe aus der Heimat: "Hast Du Arbeit?"

Griechenlands neuer Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Wassilis Papachatzis betreibt in Traunstein das Restaurant "Odysseus". Seit der Wahl Ende Januar steht das Land wieder in den Schlagzeilen: Mit der linken Syriza wurde eine Partei an die Macht katapultiert, die mit dem eisernen Sparkurs Schluss machen will. "Letzten Sommer war ich bei meiner Verwandtschaft. Man sah dort keine glücklichen Gesichter. Die Geschäfte sperren zu, die Leute haben kein Geld, um sich das Nötigste zu kaufen", so der Wirt.

Papachatzis Verwandte wohnen in einem kleinen Dorf und können sich über die Landwirtschaft zum Teil auch selbst versorgen. Das mache vieles einfacher. Er selbst lebt seit 16 Jahren in Traunstein. Seit die Wirtschaftskrise in Griechenland wütet, bekam er immer wieder Anrufe aus der alten Heimat: "Oft rufen mich Leute an, die fragen, ob sie bei mir arbeiten könnten." Die Arbeitslosigkeit in Griechenland: Seit Jahren stabil über 25 Prozent, von den Jugendlichen hat nicht mal jeder Zweite einen Job.

Auch von den Gästen im Lokal wird Wassilis Papachatzis oft auf die "griechische Tragödie" angesprochen: "Es gibt Leute, die sehen leider nur die erste Seite der Bild-Zeitung. Aber manche haben auch Ahnung, und wissen, was Alexis Tsipras will". Auf den neuen Ministerpräsidenten ruhen viele Hoffnungen - vor allem von den kleinen Leuten und der Mittelschicht, erzählt der Wirt.

"Auch ich hätte Tsipras gewählt!"

In Michalis Palavartzas Restaurant "Delphi" in Bad Reichenhall.

"Wir sind am Boden, schlimmer kann's nicht mehr werden", lautet das einfache Fazit von Michalis Palavartzas: "Die alten Parteien, Nea Demokratia und Pasok, haben das Land kaputt gemacht und den Leuten das Geld geklaut." 1994 hat er Griechenland den Rücken gekehrt, seit elf Jahren gehört ihm das Restaurant "Delphi" in Bad Reichenhalls Altstadt.

Schon früher war Palavartzas dieser Meinung und ist bei landesweiten Wahlen lieber daheim geblieben. "Dieses Mal hätte ich Tsipras gewählt", sagt er selbstsicher. Dass er es nicht so einfach tun konnte, ist den Gesetzen geschuldet: Auslandsgriechen haben keine Möglichkeit am Konsulat oder in der Botschaft zu wählen. Vor rund zwei Wochen war Michalis Palavartzas zuletzt in Griechenland: "Es ist eine Euphorie für Tsipras da. Und Syriza hat auch gute Ideen: Der Mindestlohn und der Steuerfreibetrag wird angehoben. Jetzt können die Leute wieder atmen."

Doch es waren nicht nur positive Eindrücke, die er aus seinem Heimatland mitbrachte: "Die Leute haben keine Krankenversicherung mehr, suchen im Mülleimer nach Essen, besorgen sich irgendwie Holz, um zu heizen... Das habe ich noch nie gesehen in meinem Leben!"

Drakakis' Tochter: Trotz Medizinstudium Bedienung im Café

Petros Kourougianidis und Georgios Drakakis in der Freilassinger "Taverna Petros".

Georgios Drakakis sieht die neue Regierung eher skeptisch: "Unter Samaras hat man sich zumindest mit Europa vertragen, aber jetzt...?" Drakakis lehnt mit großen Sorgen am Tresen der Freilassinger "Taverna Petros". Es scheint ein Wechselbad der Gefühle zu sein, wenn er an die Heimat denkt."In der EU zu sein ist schon gut, aber nicht mit der Pistole am Kopf", sagt der Wirt und hält sich den Zeigefinger an die Schläfe.

Auch wenn es fünf Jahre her ist, dass er zuletzt in Griechenland war, die Emotionen rütteln Georgios Drakakis auf: "Die Troika kam in mein Parlament und hat uns kontrolliert, die haben uns lächerlich gemacht. Die Löhne und Renten sind immer weiter runtergegangen." Er erzählt von seiner Tochter in Griechenland: Medizin hat sie studiert, jetzt bedient sie für 380 Euro monatlich in einem Café - "verdient die das?"

Er sei alt und könne nichts mehr ändern, meint Drakakis. Mit Tränen in den Augen verabschiedet er sich: "Es liegt an Euch jungen Leuten, egal ob in Griechenland oder in Deutschland. Ihr könnt es besser machen."

xe

Quelle: chiemgau24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser