Gutachter stützen die Anklage

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So kam der 15-Jährige aus der Wiesn-Wache.

Rosenheim - Er soll einen gefesselten 15-Jährigen krankenhausreif geschlagen haben: In zwei Wochen startet nun der Prozess gegen den Ex-Chef der Polizeiinspektion Rosenheim.

Dieser Strafprozess wird in ganz Deutschland mit Spannung erwartet: In zwei Wochen sitzt der ehemalige Chef der Polizeiinspektion Rosenheim in Traunstein auf der Anklagebank, weil er einen gefesselten Schüler (15) krankenhausreif geschlagen haben soll. Der 51-jährige Polizist bestreitet die Vorwürfe. Viel wird deshalb auf die rechtsmedizinische Bewertung ankommen. Nach den unserer Zeitung vorliegenden Informationen werden die Gutachter die Vorwürfe der Anklage erhärten.

Platzwunden, abgebrochene Zähne, Blutergüsse: Die Verletzungen, die der inzwischen 16-jährige Jugendliche im September 2011 am zweiten Wiesn-Samstag auf dem Rosenheimer Herbstfest erlitten hat, sind unstrittig. Über den Tatort braucht man ebenfalls nicht diskutieren. Es war die Wiesn-Wache der Polizei im Glückshafen. Zu eindeutig ist das Spurenbild mit Blutflecken und Zahnabdrücken an der Wand. Darüber hinaus hatte der Schüler nach Angaben von Zeugen noch keine erkennbaren Gesichtsverletzungen, als er um kurz nach 22 Uhr vom Leiter der Inspektion in die Wiesn-Wache hineingeschubst wurde.

Die blutige Konfrontation im Gebäude schildern mutmaßlicher Täter und Opfer ganz unterschiedlich. Er sei von dem Polizisten am Nacken gepackt und etwa fünfmal mit dem Kopf gegen die Wand geschleudert worden, sagt der heute 16-Jährige, der inzwischen eine Lehre begonnen hat.

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Der suspendierte Polizeidirektor äußerte sich im Laufe des Ermittlungsverfahrens zwar nicht zu den Vorwürfen, setzte aber zwei Tage nach den Geschehnissen in der Wiesn-Wache den Text für die Strafanzeige gegen den Burschen auf - wegen Körperverletzung, Beamtenbeleidigung und Widerstands. Darin soll der Polizeichef die Verletzungen mit einem unglücklichen Sturz des gefesselten 15-Jährigen erklärt haben. Er habe ihn lediglich dazu bewegen wollen, auf der Sitzbank Platz zu nehmen. Der Jugendliche sei ihm ausgewichen, habe das Gleichgewicht verloren und sei mit dem Kopf gegen die Wand geknallt. Lediglich eine Ohrfeige räumt der 51-Jährige ein. Die Watschn sei die Antwort auf eine Spuck-Attacke des Schülers gewesen.

Doch die Rechtsmediziner überzeugt die Version des Inspektionsleiters nicht. Zu vielfältig seien die Verletzungen des Opfers an Zähnen, Lippen und Kinn, um sie mit nur einem Wandkontakt und einer Watschn erklären zu können. Es müsse vielmehr zu mehreren Gewalteinwirkungen aus verschiedenen Richtungen gekommen sein.

Dagegen lassen sich nach Auffassung der Gutachter sowohl die Verletzungsbilder als auch die Blutspuren und Zahnabdrücke an der Wand widerspruchslos mit den Schilderungen des Opfers, seiner Mutter und einer weiteren Augenzeugin vereinbaren. Wie berichtet, war es der Mutter des 15-Jährigen nach einigen Minuten gelungen, zusammen mit einer guten Bekannten in die Wache vorzudringen. Sie hatte sich mit ihrem Sohn um 22 Uhr am Glückshafen treffen wollen und deshalb von einem Stehtisch an der Weinhütte "Zum Tatzlwurm" in etwa 15 Meter Entfernung mitansehen müssen, wie er vom Polizeidirektor abgeführt wurde. Schon draußen soll der Inspektionsleiter dem Buben - übrigens auch nach Beobachtungen von Polizisten - Tritte mit dem Knie in die Hüfte und eine erste Watschn verpasst haben.

Schon als die OVB-Heimatzeitungen den Fall im September 2011 aufdeckten, erklärten die Mutter und ihre Bekannte im Gespräch mit der Redaktion, der Polizist in Uniform habe den Kopf des gefesselten Buben "wie im Film" gegen die Wand gedroschen - "mindestens fünfmal". Dabei habe der 15-Jährige den Kopf beim Aufprall teilweise instinktiv nach links weggedreht und ein Hohlkreuz gemacht, um sich vor weiteren Mund- und Zahnverletzungen zu schützen. Eine Beobachtung, die sich gut mit den Kinnverletzungen in Einklang bringen lassen dürfte, für deren Entstehung den Rechtsmedizinern in der Unfall-Version des Polizeichefs eine schlüssige Erklärung fehlt.

Auch die Blutspuren an der Wand sprechen aus forensischer Sicht dafür, dass der Schüler mindestens zwei- oder dreimal gegen die Mauer schlug. Denn bei ganz frischen, soeben entstehenden offenen Verletzungen ist es unwahrscheinlich, dass es schon beim ersten Kontakt zu Blutanhaftungen kommt.

Dass der 15-Jährige nicht stürzte, sondern von dem Angeklagten gegen die Wand gedrückt wurde, soll auch ein Polizist beobachtet haben. Die Handschellen hatte dem Schüler übrigens gar nicht der Polizeichef selbst angelegt, sondern ein Kollege - weil es am Fahrgeschäft "Piratenfluss" zu einer kleinen Keilerei gekommen war. Wie sich rasch herausstellte, war der 15-Jährige gar nicht derjenige, den die Polizei suchte. Aber da hatte der Chef - für die anderen Polizisten eher überraschend - den sich völlig friedlich und kooperativ verhaltenden Jugendlichen schon gepackt und ihn durch die Menschenmenge in die Wiesn-Wache getrieben.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

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Quelle: rosenheim24.de

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