Haft wegen Missbrauch

Rosenheim - Zum Schluss war es ein Schlagabtausch zwischen Gutachter und Gutachterin: Der eine nannte die Aussage einer Elfjährigen, sie sei im Alter von vier Jahren sexuell missbraucht worden, für glaubhaft. Die andere widersprach.

Das Gericht hielt die Tat für bewiesen und verurteilte den Angeklagten zu drei Jahren und zehn Monaten Gefängnis.


Der ehemalige Lebensgefährte der Mutter soll die damals vierjährige Tochter sexuell missbraucht haben. Der beauftragte Gutachter kam zu dem Ergebnis, dass die Aussagen des Mädchens in den wesentlichen Punkten glaubhaft seien. Mögliche Fehler und Erinnerungslücken hielt er für normal und geradezu beweisführend für seine Thesen.

Am letzten Verhandlungstag brachte Verteidiger Wolfgang Müller eine Reihe von Beweismittelanträgen ein. Er meinte, beweisen zu können, dass der mögliche Tatzeitraum auf ganze vier Tage einzugrenzen sei.


Zudem hatte das Mädchen erklärt, die Missbrauchshandlungen hätten stattgefunden, "immer, wenn die Mama beim kranken Bruder im Krankenhaus oder beim Einkaufen war". Während der vom Verteidiger genannten vier Tage war der kranke Bruder aber zu Hause und nicht im Krankenhaus, und von den möglichen vier Tagen war einer ein Sonntag, also kein Einkaufstag. "Es sei normal", hatte der Gutachter ausgeführt, "dass sich ein Kind nach so langer Zeit irren kann." Der Verteidiger stellte allerdings heraus, das Kind habe sich immer dann geirrt, wenn der Sachverhalt den 45-jährigen Angeklagten entlastete, sich aber angeblich korrekt erinnert, wenn dieser belastet wurde.

Bei einer renommierten Professorin hatte die Verteidigung eine methodenkritische Untersuchung des Gutachtens in Auftrag gegeben. Diese sprach von eklatanten wissenschaftlichen Fehlern. Aus ihrer Sicht ist das Gutachten des Kollegen nicht verwertbar.

Zwar bestätigte die Vorsitzende Richterin Bärbel Höflinger beim Jugendschutzgericht die vom Verteidiger herausgefundene Zeiteingrenzung auf vier Tage, lehnte aber ein weiteres Gutachten, wie von der Verteidigung gefordert, ab. Das Gericht vertraue auf das Renommee des Fachmanns. Seine Erklärungen würden einleuchten.

Keine Zweifel hatte auch der Staatsanwalt. "Egal, ob ein Monat oder vier Tage", so seine Einlassung, das Mädchen sei missbraucht worden. Der Angeklagte sei zwar nicht vorbestraft, aber das Vergehen so gravierend, dass man keinerlei Gnade walten lassen könne. Er beantragte die beim Amtsgericht mögliche Höchststrafe von vier Jahren Gefängnis.

Der Verteidiger beschwor in seinem Plädoyer nochmals die Richter, ihre Entschei-dung nicht von einem, wie er meinte, "fehlerhaften Gutachten" abhängig zu machen und verwies erneut darauf, dass sich hier ein Kind an Dinge von vor sieben Jahren erinnern solle. Fünf Jahre lang sei mit dem Kind über Kindesmissbrauch gesprochen worden. Eine objektiv richtige Aussage sei deshalb nicht zu erwarten Er beantragte Freispruch für seinen Mandanten.

Die Richterin erklärte, nur in besonders schwierigen Fällen greife das Gericht auf Gutachter zurück. Auf diese müsse man sich dann aber auch verlassen können. Einen Gutachterstreit wolle und könne man nicht vor Gericht austragen.

Die Verteidigung wird in Berufung gehen.

Oberbayerisches Volksblatt/au

Quelle: rosenheim24.de

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