"Happy birthday, Benedikt"

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Pfarrer Daniel Reichel, Dekan im Dekanat Rosenheim, zündet in der Kirche Joseph der Arbeiter in Oberwöhr eine Kerze an. Für ihn ist der Papst ein Vorbild.

Rosenheim - Er ist Chefstratege, Weltreisender, mächtiger als der amerikanische Präsident und Oberhaupt der global größten Vereinigung. Sein Kapital: das Wort und der Glaube. Seine Aufgabe: In der Nachfolge Jesu den 1,196 Milliarden Gläubigen ein guter Hirte zu sein.

Heute feiert er seinen 85. Geburtstag, doch ans Aufhören denkt er nicht. Die Rede ist - natürlich - von Papst Benedikt XVI., dem Papst aus Bayern.

Er wurde als Joseph Ratzinger am Karsamstag in Marktl am Inn geboren und war das jüngste der drei Kinder von Joseph und Maria Ratzinger, einer geborenen Peintner, die aus Rimsting stammt. Die Mutter war, so heißt es, eine tief religiöse Frau, die im Glauben Halt suchte und fand. Denn sie hatte für damalige Moralvorstellungen einen gravierenden Makel: Sie war als uneheliches Kind geboren.

Umso glücklicher griff die 36-Jährige zu, als der sieben Jahre ältere Polizeibeamte Joseph ihr, der kleinen Köchin, einen Heiratsantrag macht. Joseph hatte zuvor im "Altöttinger Liebfrauenbote" eine Heiratsannonce aufgegeben: Er suche ein Mädel, sei pensionsberechtigt und habe eine tadellose Vergangenheit. Das Mädel soll hübsch sein und auch kochen und etwas handarbeiten können. Vermögen wäre wünschenswert, aber keine Bedingung.

Schon beim ersten Treffen muss es zwischen den beiden gefunkt haben. Nach kurzer Verlobungszeit heiraten die 36-jährige Rimstingerin und der 43-jährige Gendarm am 9. November 1920. Und dann geht es Schlag auf Schlag: 1921 wird Maria geboren, 1924 folgt Georg und 1927 Joseph. Aufgrund des väterlichen Berufes heißt es für die Familie mehrfach umziehen. Häufig waren die Kinder in Rimsting bei der Verwandtschaft, so richtig zuhause fühlt sich der kleine Joseph erst, als der Vater ein kleines Bauernhaus in Hufschlag bei Traunstein kauft. Da ist er schon sieben Jahre alt.

Auf den wenigen Bildern, die aus dieser Zeit veröffentlicht sind, wirkt der kleine Bub schüchtern, still, in sich gekehrt. Das soll er sein Leben lang bleiben. "Er ist eigentlich kein lauter Typ, der in die erste Reihe drängt, er agiert lieber überlegt aus der zweiten heraus. Für mich die klassische graue Eminenz im Hintergrund", meint Pfarrer Daniel Reichel, Dekan im Dekanat Rosenheim.

Dass Ratzinger schließlich 2005 zum Papst gewählt wird, hat er wohl tatsächlich nie angestrebt. Sein Bruder, so wird kolportiert, soll zur Wahl von Joseph gesagt haben: "Des a no."

Früh zeigt sich, dass Joseph hochintelligent ist. Die Eltern, die in bescheidenem Wohlstand leben, kratzen für ihn und seinen nicht minder klugen älteren Bruder Georg, der auch Theologie und Philosophie studieren will, alles zusammen, um ihren beiden Buben das Traumziel "Priester" zu ermöglichen.

Sicher waren sie stolz auf die Kinder, es ist eine klassische Aufsteigergeschichte. Die Eltern - sie Köchin und er Polizist - erleben noch die gemeinsame Priesterweihe der beiden Söhne 1951 im Freisinger Dom. 1952 promoviert Joseph, 1958 wird der 31-Jährige sogar Professor für Dogmatik.

Ein Jahr später stirbt der Vater, 1963 die Mutter. Sie hat noch erlebt, welch hohe Ehre ihrem Jüngsten zuteil wird: Während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) ist Ratzinger Berater und Redenschreiber des mächtigen und einflußreichen Kölner Erzbischofs Joseph Kardinal Frings.

Es ist die Zeit der Modernisierung der Theologie. Alte Zöpfe werden abgeschnitten, die lateinische Sprache verschwindet aus dem Gottesdienst, die Altäre werden umgedreht, der Priester schaut ab sofort zu den Gläubigen. Und auch inhaltlich tut sich etliches. "Viele dachten damals, dass der Zölibat abgeschafft wird", erinnert sich Daniel Reichel, an Aussagen seines Heimatpfarrers in Dasing bei Augsburg. Und auch die Ökumene schien kurz bevorzustehen.

Joseph Ratzinger ist mittendrin in dieser Umbruchzeit. Er genießt die Zeit in Rom, liebt die intellektuell-theologische Auseinandersetzung mit den klügsten Köpfen, streitet im guten Sinn mit den "Befreiungstheologen" aus Südamerika. Doch er macht auch klar: Der Glaube an Jesus Christus ist viel mehr als eine Soziallehre. Für ihn steht fest: Jesus ist der Heilsbringer, der im Ostergeheimnis den Tod überwunden hat. Er ist der Retter der Menschheit. In seinen Dienst will er sich stellen. Seine Leitlinie wird die Heilige Schrift.

Unaufhörlich klettert der Theologieprofessor, der inzwischen sieben Sprachen kann, auf der Karriereleiter nach oben. Er wird 1977 von Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising ernannt, 1982 schließlich von Papst Johannes Paul II. zum Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. Damit ist er seine "rechte Hand" und oberster Gralshüter der katholischen Lehre. Mit der Aufnahme der Tätigkeit im Dienst des Heiligen Stuhls erhält Ratzinger auch die vatikanische Staatsbürgerschaft, die funktionsbezogen und in der Regel auf die Dauer der Tätigkeit im Vatikan beschränkt ist. Als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation tritt er für den priesterlichen Zölibat, gegen die Frauenordination, gegen die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Beziehungen und für die Aktualität der in der Enzyklika "Humanae vitae" definierten katholischen Sexuallehre ein. Gleichzeitig ordnet Kardinal Ratzinger im Januar 1998 die Öffnung der zuvor streng geheimen Archive der Inquisition und Indexkongregation an. Ebenso eindeutig und konsequent ist seine Haltung zu Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche. So scheute er sich nicht, einflussreiche Kirchenmänner, die in Verdacht geraten waren, aus ihren Ämtern zu entfernen.

"Für mich als jungen Priester ist unser Papst ein Vorbild. Er kann reden, kann Menschen durch seinen Intellekt begeistern. Aber besonders schätze ich an ihm seine Beständigkeit", sagt der 36-jährige Pfarrer Daniel Reichel.

Die jüngste Kritik österreichischer Priester an fehlenden Reformen wie die Zulassung verheirateter Priester kann er zwar nachvollziehen, sagt aber: "Wir haben andere Probleme. Uns rutschen die Inhalte ab." Laut einer Umfrage glauben nur noch 50 Prozent der Katholiken an die Auferstehung, den Kern der katholischen Lehre. "Was heißt denn Glaube heute noch? Hier Antworten zu geben, dazu sind wir aufgefordert", sagt Reichel. Viele wollten schnelle Reformen, hier und jetzt und sofort. Das sei dem Zeitgeist geschuldet. "Doch dem läuft der Papst nicht hinterher. Er ziegt viel Offenheit für Diskussion, doch er zeigt auch Grenzen auf. Bei Kritik reagiert er."

Zum heutigen Geburtstag wünscht Reichel seinem obersten Chef besonders Zeit für sich selbst. "Denn der 85-Jährige regiert eine Weltkirche, war erst in Kuba, in Mexiko und feiert dann nahtlos anschließend das Osterfest und heute seinen 85. Geburtstag mit Kirchenvertretern und Empfängen."

Als Papst müsse er alles im Blick haben, die Kritik aus Deutschland wie die Zustimmung aus Afrika und Asien, die fehlenden Priester in seiner Heimat ebenso wie die sensationell gut besuchten Gottesdienste und Generalaudienzen auf dem Petersplatz in Rom und auch den steten Zuwachs der größten Glaubensgemeinschaft. Reichel: "Welch ein Job. Happy birthday, Benedikt!"

Sigrid Knothe/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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