Harter Kampf zurück ins Leben

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Reha und Rollstuhl prägen das neue Leben von Andreas Schütz (40), hier mit seinem Physiotherapeuten, Diplom-Sportlehrer Walter Kastl. Ein Jahr nach dem aufsehenerregenden Unfall am Rande des Herbstfestes wird er zum 13. Mal operiert.

Rosenheim/Vogtareuth - Schon ein Jahr ist es her, als Andreas Schütz von einem Polizeiauto umgefahren worden ist - sein Kampf zurück ins Leben:

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt es im Eishockey. Für Andreas Schütz (40), einer der treuesten Fans der Starbulls Rosenheim, gilt eher: Nach der Operation ist vor der Operation. Schon ein Jahr ist es mittlerweile her, dass er am Rande des Rosenheimer Herbstfestes von einem Polizeiauto umgefahren wurde.

Bei dem Unglück ist sein linker Fuß zertrümmert worden. Seit der Unglücksnacht ist nichts mehr wie vorher im Leben des 40-Jährigen: Schütz sitzt im Rollstuhl - ein Ende des OP-Marathons ist nicht in Sicht.

Am kommenden Dienstag ist es wieder so weit. Dann kommt das bedauernswerte Unfallopfer aus Vogtareuth erneut unters Messer. Bereits zum 13. Mal. Kann Schütz den kaputten Fuß irgendwann einmal wieder belasten, auftreten, normal gehen? Oder droht am Ende des Martyriums sogar die Amputation? Auf beide Fragen gibt es auch ein Jahr nach dem Unglück keine Antwort.

Der Fuß steckt heute in einem Spezialstiefel - steif, unbeweglich, das zerstörte Fersenbein nur mit sogenannter Spalthaut überzogen. Letzteres ist der Grund für den nächsten Eingriff in München. Das Ziel: Aus dem Unterschenkel Vollhaut gewinnen, um die dünne und sensible Spalthaut an der linken Ferse durch eine dickere und widerstandsfähige Schicht ersetzen zu können.

Klappt es mit der Vollhautgewinnung, ist noch im Oktober eine weitere Operation an der Ferse fällig: eine Achillessehnenverlängerung, neue Kapseln und die Deckung mit Vollhaut sollen endlich die Wende zum Besseren bringen. "Die Erfolgsaussichten stehen bei 50 Prozent", sagt Schütz, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat.

Viermal pro Woche quält er sich stundenlang durchs Reha-Programm, das die Therapeuten der Schön Klinik Vogtareuth speziell auf seine Bedürfnisse zugeschnitten haben.

Dabei geht es nicht nur um den Fuß, zum Programm gehören auch regelmäßige Seelenmassagen mit einer Psychologin. "Herr Schütz hat eine posttraumatische Störung erlitten, der Unfall und die Folgen haben seiner Psyche schwer zugesetzt", sagt Wilhelm Graue, Anwalt und Starbulls-Vorstand, der sich seit einem Jahr mit Erfolg darum bemüht, dass sein Mandant in Sachen Schmerzensgeld und Verdienstausfall zu seinem Recht kommt. "Ohne den Willi", wie der Starbulls-Fan den Vorsitzenden seines Lieblingsklubs nennt, "wäre da nichts gegangen."

Während das Polizeipräsidium Oberbayern Süd beteuert, man habe sich offiziell beim Unfallopfer entschuldigt, klagt der 40-Jährige, das sei nicht der Fall gewesen. Immer wenn er Sirenen hört, kommen die Bilder aus der Unglücksnacht wieder - das Motorengeräusch des Autos, der Aufprall, die vielen Menschen um ihn herum, als er auf dem Asphalt der Kaiserstraße lag. Schütz: "Dass ich von dem Polizisten, der am Steuer des Streifenwagens saß, bis heute kein Wort gehört habe, macht mir zu schaffen."

Der Traum vom Herbstfest 2012

Nur einen Moment - wie bei so vielen Verkehrsunfällen - hat der junge Bereitschaftspolizist (25) nicht aufgepasst. Wahrscheinlich würde er viel dafür geben, wenn er die Zeit zurückdrehen könnte. Es ist der 5. September 2010, das zweite Wiesn-Wochenende, 20 Minuten nach Mitternacht. Es wird eine Rauferei in der Münchener Straße gemeldet. Der 25-Jährige biegt aus der Einfahrt des Polizeipräsidiums auf die Kaiserstraße ein, schaut nach links und rechts, übersieht aber Schütz, der zusammen mit seiner Frau Josefine - sie verkauft auf der Wiesn Märchenballons - vom Herbstfestgelände her direkt gegenüber die Fahrbahn überquert, um Ballons ins Lager um die Ecke zu bringen.

Zwölf Monate später, bei der Jubiläumswiesn 2011, musste Josefine das allein erledigen - wie vieles andere. "Ich bin meiner Frau sehr dankbar", sagt der Mann, der bis zum Unfall als Kleinunternehmer Büromöbelmontagen und Umzüge abwickelte. Wenn er nur beim Herbstfest 2012 wieder an der Seite Josefines Ballons tragen könnte - das wäre ein Traum!

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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