Sexpartys und Zwangsprostitution in Ebersberg?

„Höllische Einrichtung“ - Piusheim-Ermittlungen gehen weiter

Das ehemalige katholische Piusheim in Baiern im Kreis Ebersberg.
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Das ehemalige katholische Piusheim in Baiern im Kreis Ebersberg.

Sexpartys und Zwangsprostitution im katholischen Jugendheim? 2020 wurden heftige Missbrauchsvorwürfe gegen das Piusheim in der Nähe von München bekannt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Jetzt steht der Prozess vor dem Ende, der all das ins Rollen brachte.

Ebersberg/München - Massiver sexueller Missbrauch, Gewalt, Prostitution: Schwere Missbrauchsvorwürfe in dem früheren katholischen Piusheim bei München (Plus-Artikel) beschäftigen die Staatsanwaltschaft München II noch immer. Inzwischen haben sich zehn Betroffene bei den Ermittlern gemeldet, wie die Staatsanwaltschaft München II auf Anfrage mitteilte. Bei der Erzdiözese München und Freising gingen nach Angaben eines Sprechers insgesamt elf Verdachtsfälle ein. Die Unterlagen seien auch an die Behörden weitergeleitet worden. Inwieweit sich die Meldungen an Staatsanwaltschaft und Erzdiözese darum überschneiden, war unklar.


Sexpartys und Zwangsprostitution im katholischen Jugendheim?

Vor dem Landgericht München II geht voraussichtlich an diesem Freitag der Prozess zu Ende, der all das auslöste und die Staatsanwaltschaft dazu brachte, Vorermittlungen aufzunehmen. Ein Großvater, der selbst wegen jahrelangen und massenhaften schweren Missbrauchs an seinen Enkeln und deren Freunden angeklagt ist, hatte vor Gericht ausgesagt, als Jugendlicher in dem Erziehungsheim der katholischen Kirche von mehreren Männern schwer missbraucht worden zu sein. Er sprach von Sexpartys und Prostitution und davon, dass ein Mitschüler sich in dem Heim das Leben nahm. Die Staatsanwaltschaft hat zwölf Jahre Haft für ihn gefordert.


Die daraufhin aufgenommenen Vorermittlungen richteten sich zunächst gegen einen früheren Erzieher des ehemaligen Jugenddorfes Piusheim in Baiern (Kreis Ebersberg) nahe München und einen Geistlichen. Weil die Angaben der Betroffenen allerdings sehr vage waren und die Namen der Beschuldigten unklar, gestalten sich die Ermittlungen nach wie vor schwierig. „Im Rahmen der Vorermittlungen konnten bislang weder konkrete Taten noch konkrete Beschuldigte ermittelt werden“, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft. „Die Vorermittlungen dauern an und gestalten sich wegen Corona und Auslandsbezug langwierig.“

Anträge auf Anerkennung des Leids

Auch der katholischen Kirche fällt es schwer, die mutmaßlichen Täter zu ermitteln. „Die Übergriffe haben sich laut Aussage der Betroffenen zwischen Ende der Fünfziger und Mitte der Siebziger Jahre ereignet“, sagt der Sprecher der Erzdiözese München und Freising, Christoph Kappes. „In zwei Fällen wurden Anträge auf Anerkennung des Leids gestellt, in beiden Fällen wurden die entsprechenden Zahlungen geleistet.“

In den anderen Fällen seien keine Anträge gestellt und die angegebenen Vorfälle in dem seit 15 Jahren geschlossenen Heim auch nicht umfassend aufgeklärt worden. Das lag nach Angaben des Erzbistums daran, dass Dritte von einem Vorfall berichteten, dessen Zeuge sie wurden - oder daran, dass Betroffene den Wunsch zu den Missbrauchsbeauftragten des Bistums von sich aus abbrachen. „Da sich die jeweils Beschuldigten nicht zweifelsfrei identifizieren ließen, konnten hier weder von der Erzdiözese noch vom Träger des Piusheims Maßnahmen ergriffen werden.“ Möglicherweise, sagt Kappes, seien die Beschuldigten auch schon tot.

„Nach den Schilderungen, die mich erreichen, war das eine höllische Einrichtung“

Schon direkt nach Bekanntwerden der massiven Missbrauchsvorwürfe hatten sich im April 2020 mehrere Betroffene und Zeugen bei der Opfer-Initiative „Eckiger Tisch“ gemeldet. „Nach den Schilderungen, die mich erreichen, war das eine höllische Einrichtung“, sagte der Sprecher der Initiative, Matthias Katsch.

Auch in der Gemeinde Baiern selbst seien die Vorfälle diskutiert worden, sagt Bürgermeister Martin Riedl. „Von den Vorwürfen wussten wir bis dahin nichts. Das hat uns hier schon alle schockiert.“Passiert sei seither allerdings nicht viel. „Es ist weder von Seiten der Ermittler noch von Seiten der Betroffenen jemand auf uns zu gekommen“, sagt er. „Unsere Gemeinde ist in die Aufarbeitung nicht involviert und auch ist von unserer Seite dazu nichts geplant, da dies nicht in unseren Aufgabenbereich fällt.“

„Der ganze Heimbereich ist nach wie vor unterbelichtet und darum ist Piusheim so wichtig“, sagt der Münchner Sozialpsychologe Heiner Keupp, der Mitglied der vom Deutschen Bundestag eingesetzten Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ist. Die Aufarbeitung der Geschehnisse im Piusheim gehöre zu den großen Aufgaben, die das Münchner Erzbistum bewältigen müsse.

dpa

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