Prozess um Angriffe in Rott

Axt-Attacken auf Mitbewohner mitten in der Nacht: Das Urteil

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Private Fotos aus der Nachbarschaft vom anschließenden SEK-Einsatz am 8. Juli 2017 in Rott am Inn. 
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Rott am Inn/Traunstein - Ein psychisch kranker Mann soll im vorigen Juli mitten in der Nacht mit einer Axt in Rott losgezogen sein, Wohnungstüren eingeschlagen und Bewohner verfolgt haben. Am Montag wird vor dem Landgericht verhandelt:

Update, 15.58 Uhr: Das Urteil

Der vorsitzende Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: Der 48-jährige Rotter wird verurteilt wegen Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und auch wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung. Er ist aber nicht schuldfähig, wird insofern nicht bestraft, wie Fuchs betont. "Aber für die Allgemeinheit ist er weiterhin gefährlich. Seine psychische Erkränkung ist von dauerhaftem Zustand, ausgelöst womöglich durch den Cannabis-Konsum", so der Richter. Eine Unterbringung in einem psychiatrischem Krankenhaus wird angeordnet.

"Mit einer Axt wurden Türen beschädigt, es wurde in Wohnungen eingedrungen und die Bewohnerinnen bedroht. Sie fürchteten um ihr Leben", fasst Erich Fuchs zusammen: "Es war nur Zufall und Glück, dass nicht mehr passiert ist. Wir sind der Meinung, dass der Angeklagte das soweit nicht beherrschen konnte." Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, binnen einer Woche können Staatsanwaltschaft oder Verteidigung Rechtsmittel dagegen einlegen

Update, 15.20 Uhr: "Wie im Horrorfilm": Plädoyers von Anklage und Verteidigung

Das Plädoyer der Staatsanwaltschaft: 

"Es ist schon erheblich, wenn man zur Nachtzeit mit einer Axt in fremde Wohnungen eindringt", so der Staatsanwalt. Das Sicherheitsempfinden der Familie wurde dadurch massiv beeinträchtigt. Der Staatsanwalt fordert eine Unterbringung in einem psychiatrischem Krankenhaus, nicht zur Bewährung ausgesetzt - "sonst ist nicht sichergestellt, dass er die Medikamente, die er braucht, auch wirklich einnimmt".

Das Plädoyer der Verteidigung: 

Am dargestellten Tathergang hat auch der Anwalt des 48-jährigen Rotters keinen Zweifel: "Wie das abgelaufen ist, war wie in einem Horrorfilm. Man liegt im Bett, schläft und dann schlägt jemand mit einer Axt die Türe ein und schreit 'Macht das Gas aus'." Es sei nachvollziehbar, dass die Bewohner noch immer leiden. 

Aber: Sein Mandant habe niemanden verletzen wollen. "Für ihn war die Axt ein Werkzeug um in die Wohnungen zu kommen und das Gas abzuschalten. Er hat die Axt nicht als Waffe gebraucht." Eine versuchte gefährliche Körperverletzung könne man ihm also nicht anlasten. Auch die Verteidigung beantragt eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

In seinen letzten Worten entschuldigt sich der Angeklagte. Er scheint sich gegen eine Unterbringung nicht zu sperren - nur speziell ins Inn-Salzach-Klinikum nach Wasserburg will er nicht mehr. Spätestens gegen 16 Uhr soll das Urteil gefallen sein.

Update, 13.50 Uhr: Angeklagter: Gutachter "will mich in die Pfanne hauen"

Ein psychiatrischer Gutachter des Inn-Salzach-Klinikums in Wasserburg soll den Angeklagten jetzt einschätzen. Er attestiert ihm eine Psychose, eine geistige Erkrankung und Schizophrenie. Die Ursache sei der dauerhafte Cannabiskonsum des 48-Jährigen.

Der Sachverständige berichtet von teils wirren Gesprächen, die er mit dem Angeklagten im Inn-Salzach-Klinikum führt. Das Leitungswasser dort sei mit Medikamenten durchsetzt, ein benachbarter Industriebetrieb würde Chemikalien ins Trinkwasser leiten, die Patienten würden im Therapiebereich mit Mikrowellen bestrahlt, so der Angeklagte in den persönlichen Gesprächen.

Eine Unterbringung in einer Entzugsanstalt ist das, was der Gutachter empfiehlt, aber keine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Wegen der seelischen Krankheit sei der Angeklagte nicht schuldfähig: "Ohne eine weitere Behandlung ist wieder mit Gewalttaten zu rechnen", so der Experte. Auch der Angeklagte sieht ein, dass er eine Therapie braucht - und doch hat er einen Groll gegen den Gutachter: "Der will mich in die Pfanne hauen."

Auch das ellenlange Vorstrafenregister des Angeklagten kam zur Sprache. Mitte der 1990er-Jahre wurde er erstmals straffällig, inzwischen ist er bereits schuldig gesprochen wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs, gefährlicher Körperverletzung, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Besitz, Erwerb und Anbau von Betäubungsmitteln, Diebstahl, fahrlässiger Körperverletzung, versuchter Nötigung, Sachbeschädigung, Beleidigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

Nun werden Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers halten, danach folgt das Urteil des Gerichts.

Update, 12.07 Uhr: Zeugin: "Ich habe dann gefleht, dass er mir nichts tun soll"

Jetzt berichten die Bewohner des Mehrfamilienhauses von den Horror-Erlebnissen: Laut gescheppert habe es in der Nacht, man sei wach geworden und plötzlich stand der Angeklagte vor der Wohnungstüre. "Schalt das Gas aus!", habe er gefordert. "Mit der Axt in der Hand stand er vor der Tür", so die Nachbarin im Wohnhaus. Sie musste immer wieder ihren Kopf wegziehen, um von der Axt nicht getroffen zu werden - der Angeklagte habe ihr dabei in die Augen geschaut: "Ich habe dann gefleht, dass er mir nichts tun soll."

Über die Terrasse konnte die Bewohnerin mit ihrer Mutter in den Garten fliehen. Auf der Flucht habe sie noch gesehen, wie er über die kaputte Tür in die Wohnung eingestiegen sei: "Dann habe ich mich nicht mehr getraut, mich umzudrehen." Noch immer hat sie Angst. Überhaupt berichtet sie von "wirrem Zeug", das der Angeklagte in den Wochen vor der Tat plötzlich von sich gegeben hätte: "Vom Krieg, vom Teufel und von Jesus hat er geredet. Ich dachte mir schon, dass irgendwas nicht mit ihm stimmt." Zu den angeblichen Stinkbomben-Attacken könne sie nichts sagen.

Auch die Familie der zweiten Wohnung, die der Angeklagte attackierte, wird vor Gericht geladen. Auch ihnen gegenüber habe der Angeklagte gefordert, das "Gas abzustellen". Die Mutter floh mit ihren Kindern ins Bad, sperrte sich dort ein. Nach der ersten Attacke kehrte der Angeklagte zurück, suchte die Wohnung nach der Familie ab und rüttelte schließlich an der Badezimmertür: "Ich möchte Euch doch nicht umbringen", soll er aber gerufen haben.

Update, 10.56 Uhr: Angeklagter: "Angegriffen habe ich niemanden"

Der Richter kommt auf den Punkt: "Warum sind Sie überhaupt mit der Axt durchs Haus gelaufen?" Seit Tagen hätte es Psychoterror der Nachbarn gegeben, "die haben mir dauernd Stinkbomben oder irgend ein g'stinkertes Zeug ans Fenster geworfen", so der Angeklagte. Alt und modrig hätte es dann in seiner Wohnung gerochen. "Wie kommen Sie denn überhaupt drauf, dass das Stinkbomben waren?", fragt Richter Fuchs plump - für den Angeklagten aber wohl selbstverständlich: "Irgend so etwas muss es ja gewesen sein."

"Ich war deswegen total auf Schlafentzug und konnte nicht mehr überlegen. Ich habe denen nur die Eingangstüren mit der Axt eingehauen und habe gesagt, die sollen mit dem g'stinkerten Zeug aufhören. Angegriffen habe ich niemanden", verteidigt sich der 48-Jährige. Auch verfolgt habe er niemanden: "Dann bin ich zurück in meine Wohnung, hab' die Axt hingelegt und bin eingeschlafen."

Ist der Angeklagte ein Sympathisant der Reichsbürger-Szene? Ein Polizist, der ihn kurz nach der Tat vernahm, gibt vor Gericht an, dass "Äußerungen gefallen sind, die der Reichsbürger-Szene zuzuordnen sind". Der 48-Jährige mokierte sich auch bei Prozessbeginn über den deutschen Personalausweis, man sei in Deutschland ja anscheinend nur Personal.

Nun werden die Zeuginnen verhört, deren Wohnungstüren durch den Angeklagten mitten in der Nacht zertrümmert wurden.

Update, 9.52 Uhr: Prozessauftakt in Traunstein

Er soll mitten in der Nacht mit einer Axt durch ein Mehrfamilienhaus in Rott gewütet sein. Türen wurden eingeschlagen, laut Staatsanwaltschaft auch Bewohner bedroht, verfolgt und um ein Haar verletzt. Der 48-Jährige steht nun vor dem Landgericht Traunstein. Relativ hohe Sicherheitsvorkehrungen wurden angeordnet: mit Handschellen, die an einem Bauchgurt befestigt sind, führen ihn die Polizisten in den Gerichtssaal.

Der Angeklagte berichtet von seinem Leben: die Biographie ist geprägt von Jobwechseln, Krankheiten, Verletzungen, Führerscheinentzug, Beziehungsproblemen, Umzügen im Landkreis Rosenheim, Alkohol, Drogen und zuletzt auch von Schulden und Arbeitslosigkeit. "Ich hab' mir selber Gras angebaut, weil ich keine Schmerztabletten mehr nehmen wollte", so der Angeklagte. Er leidet laut Staatsanwaltschaft an einer Schizophrenie und sei deshalb nicht schuldfähig.

Hier vor Gericht spricht er frei, äußert sich zu allen Fragen des Vorsitzenden Richters Erich Fuchs selbst. Wie konnte es zu der Horror-Nacht vom 9. Juli 2017 in Rott am Inn kommen? Was trieb den Angeklagten zu seiner Tat?

Vorbericht:

Die Anklage gegen einen 48-Jährigen aus Rott liest sich wie das Drehbuch eines Horror-Schockers: Der Mann soll am 8. Juli 2017 um 2.45 Uhr nachts mit einer Axt in der Hand von zuhause losgezogen und in ein Mehrfamilienhaus eingedrungen sein. Im ersten Stock soll er mit der Axt dann eine Wohnungstür eingeschlagen haben - laut Staatsanwaltschaft packte er die Bewohnerin am Arm und forderte sie auf, das Gas auszuschalten

Mit den Köpfen den Axtschlägen gerade noch ausgewichen

Dann soll der Rotter seinen Feldzug fortgesetzt haben. Laut Anklage ging er dann ins Erdgeschoß, wollte mit Hilfe der Axt in die nächste Wohnung eindringen. Dramatische Szenen müssen sich abgespielt haben: Die beiden Bewohnerinnen sollen sich mit aller Kraft gegen die Tür gestemmt haben, doch die Axt brach bereits durch

Bilder vom Großen Polizeieinsatz in Rott am Inn

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft mussten die Frauen mit ihren Köpfen immer wieder vor der Klinge ausweichen - in einem Fall konnte eine der Bewohnerinnen die Axt noch am Stil packen, die sonst wohl in ihrem Gesicht gelandet wäre. Laut Staatsanwaltschaft war die Klinge schon 20 Zentimeter vor ihren Augen. 

Frauen konnten fliehen - doch der Mann soll die Verfolgung aufgenommen haben

Wie verhält man sich in so einer Situation? Die Frauen sollen es geschafft haben, den 48-Jährigen abzulenken - und flohen durch die Wohnung, über die Terrasse auf die Straße. Doch der Angeklagte hat laut Staatsanwaltschaft die Verfolgung aufgenommen. Die Frauen versperrten auf der Flucht noch die Wohnzimmertür hinter sich, aber auch die soll der gebürtige Rosenheimer mit der Axt zertrümmert haben. 

Nur wenige Monate nach Rotter Doppelmord - Bürgermeister war umso mehr geschockt

Als die Frauen auf der Straße ankamen, soll der Rotter durchs Treppenhaus wieder in den ersten Stock hinaufgegangen sein - zurück zur Familie, die er zuvor schon terrorisiert haben soll. Die Familie versteckte sich im Bad, laut Staatsanwaltschaft rüttelte der Angeklagte an der abgesperrten Badezimmertür und forderte wieder, das Gas auszuschalten. Plötzlich war wohl Schluss, der Mann soll umgedreht und heimgegangen sein - ein Wunder, dass niemand ernsthaft verletzt wurde, zumindest körperlich nicht. 

Psychisch erkrankter Angeklagter soll im Inn-Salzach-Klinikum bleiben

Der Angeklagte leidet an einer psychischen Krankheit. Zwei Tage später kam er ins Wasserburger Inn-Salzach-Klinikum - und dort soll er auch bleiben: Die Staatsanwaltschaft wird einen Antrag auf weitere Unterbringung stellen. Schuldfähig ist er wegen seiner Erkrankung nicht, er sei in dem Moment auch nicht in der Lage gewesen, das Unrecht seiner Taten einzusehen. 

Versuchte gefährliche Körperverletzung, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung und Körperverletzung wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Vor dem Landgericht in Traunstein ist ein Verhandlungstag angesetzt, der Prozess beginnt am Montag um 9 Uhr. chiemgau24.de wird aktuell von der Verhandlung berichten.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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