Und was ist "Gleistrampelmarodepink"?

Auf diesem Schild steht Geheimsprache

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Schillingsfürst - Wissen Sie, was ein "Gleistrampelmarodepink" ist? Ein "Plamb"? Oder ein "Schankler"? Es sind Begriffe aus einer Geheimsprache, die vom Aussterben bedroht ist, aber in Schillingsfürst noch weiterlebt.

Ende des 19. Jahrhunderts schrieb die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“ über den Heimatort des damaligen liberal-konservativen Reichskanzlers Fürst Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst: „Der Igel, Sau-Igel, bildet die wesentliche Fleischnahrung der armen Korbflechter dort, wo Deutschlands Kanzler sein Stammschloss hat. Stupfelpossert - ah, welch ein Leckerbissen für die Ärmsten der Armen!“.

Die bunte Beschreibung der Schillingsfürster Proletarier dürfte den ohnehin recht glücklos agierenden Kanzler nur wenig erfreut haben. Doch neben dem Wildbret des armen Mannes wurde damit auch die Geheimsprache der Armen einmal offiziell erwähnt - nämlich das Jenische.

Dieter Bär , Stammhalter des Schillingsfürster Jenischen sitzt zusammen mit drei weiteren Schillingsfürster Urgesteinen im Cafe Ortner direkt neben dem alten Schloss bei einem „Plamb“ (Bier): „Lur a mol, do poscht a gwandi Moudl rei, mit der würd i a mol in die Bali schurle“, plaudert der alteingesessene Schillingsfürster und übersetzt sogleich ins Deutsche: "Schau mal, da kommt eine schöne Frau herein, mit der würd` ich gerne mal im Wald spazieren.“

Charakterisierend für das jenische Sprachgut ist der bildhafte, oft respektlose Umgang mit der bürgerlichen Ordnung, da wird der Polizist zum „Schucker“, der Richter zum „Schankler“, der Tierarzt zum „Gleistrampelmarodepink“ und die Hand zum „Griffling“.

Aber wie kam das Jenische nach Schillingsfürst? Im Jahr 1757 warb der damalige Regent, Karl Albrecht I, Fürst zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst um neue Ansiedler um die Wirtschaftskraft seines Fürstentums zu stärken. Neben allen möglichen Handwerkern kamen auch Händler, Obdachlose und fahrendes Volk nach Schillingsfürst. Letztere brachten von den Landstraßen das „Rotwelsch“ mit und nannten es in ihrer neuen Heimat „Jenisch“.

Viele von ihnen waren bettelarm und verdienten sich mit allerlei handwerklichen Tätigkeiten ihr täglich Brot und wenn es nicht reichte, musste halt „gezupft“, also gestohlen werden. Dabei half das Jenische den Ertappten, sich untereinander zu verständigen ohne das Polizei oder sonstige Behörden etwas mitbekamen, daher auch der Begriff Geheimsprache. Im Jahr 1950 wurde der Kriminalpolizei Ansbach unter dem Betreff "Geheimsprache" ein Wörterbuch übergeben, das zur Aufklärung von Delikten „Jenischer“ dienen sollte.

Überhaupt wurden die Jenischen immer in Verbindung mit Kriminalität gebracht. In der NS-Zeit wurde auch gegen „nach Zigeunerart Umherziehende“ polizeiliche Vorbeugehaft angeordnet. Verhaftungsaktionen von Gestapo und Kripo im Jahr 1938 und der Kripo im Juni 1938 führten zu Deportationen in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen und Neuengamme.

Die Wurzeln des Jenischen liegen zum Großteil im Deutschen und dessen Dialekten. Starken Einfluss hat das Jiddische genommen; hier sind zahlreiche Einflüsse deutlich wahrnehmbar, so wie beim Wort „Keilof“ (jidd. Khelof) für Hund und „Matof“ für Keller. Weit weniger Einfluss als allgemein angenommen hat das Romani. Jedoch leitet sich das Wort "jenisch" vom Wort "dsan" ab, das Wissen und Können bedeutet, weil eben nur Eingeweihte, Wissende es verstehen können.

Aber zurück ins Cafe Ortner. Dieter Bär „diwert“ (plaudert) mit seinen Tischbrüdern, es wird diskutiert, man erinnert sich wie man die eigene Mutter „Hepfi“ oder „Höpfi“ nannte. Dabei wird deutlich, wie schwer erfassbar die Sprache ist, eine einheitliche Schrift existiert nicht, die jenischen Begriffe fügen sich nahtlos in die Hohenloher Mundart ein, doch auch die wird immer weniger gesprochen.

„Wenn es so weitergeht, ist das Jenische in Schillingsfürst bald ausgestorben“, warnt Dieter Bär . Deswegen pflegt er die alte Sprache, sammelt Gedichte, Artikel und schreibt kleine Texte und Dialoge, die er bei besonderen Anlässen mit seiner Familie vorträgt.

Läuft man heute durch Schillingsfürst, fallen einem vor allem die kleinen zweisprachigen Schilder auf. So steht unterm Bäcker der Begriff „Lechumschupfer“, der Metzger ist der „Bossertfetzer“ und der Zahnarzt der „Nepferizupfer“. So halten die Schillingsfürster in ihrem „Steinhäufle“ (Stadt) auf der Frankenhöhe diese immer mehr in Vergessenheit geratene „Loschen“ (Sprache) auch im 21. Jahrhundert am Leben.

dpa

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