Beistand für junge Straftäter

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Rosenheim - Nur selten werden jugendliche Straftäter zur Gerichtsverhandlung von einem Anwalt begleitet oder zuvor beraten. Deshalb steht die Jugendgerichtshilfe den Delinquenten mit Rat und Tat zur Seite.

Oft sind nicht einmal die Eltern dabei, um Beistand zu leisten.

Sie zeigen Desinteresse, Scham - oder sie sind ganz einfach überfordert. Deshalb steht die Jugendgerichtshilfe den Delinquenten zur Seite.

Jeweils eine von drei Vertreterinnen der Jugendgerichtshilfe in Rosenheim übernimmt diese Aufgabe und setzt sich längere Zeit vor der Gerichtsverhandlung mit dem jungen Menschen in Verbindung. Häufig sind die Betroffenen erstaunt, einfach, weil sich noch nie jemand ernsthaft um sie gekümmert hat. Noch keiner wollte zuvor von ihnen wissen, wie sie leben, was sie denken, warum sie etwas tun oder nicht tun.

Praktisch jeden zweiten Tag stand 2009 ein Jugendlicher - 14 bis 17 Jahre alt - oder ein Heranwachsender - 18 bis 21 Jahre -aus Rosenheim vor Gericht. Falsch ist die Annahme, dass Jugendliche und Heranwachsende aus Migrantenfamilien besonders häufig auffällig werden. Laut Statistik der Jugendgerichtshilfe hatten im Jahr 2009 von 181 Straftätern 49 einen Migrationshintergrund.

Die Fälle, mit denen sich die drei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes beschäftigen, sind größtenteils unspektakulär. Meist geht es nicht um schwere Straftaten wie Raub oder schwere Körperverletzung, sondern um das, was "jugendspezifisches Fehlverhalten" genannt wird, oft basierend auf einem Minderwertigkeitsgefühl. Viele Sachbeschädigungen geschehen unter Alkoholeinfluss. Auch Gruppendruck spielt eine große Rolle. Mutbeweise führen oft bis zur Körperverletzung. Jugendliche Neugier mündet zeitweise in frühen Kontakt mit illegalen Drogen.

Keine Konfliktlösung mit nacktem Hintern

Was beispielsweise Peter J. gemacht hat, klingt auf Anhieb komisch. Er hat aus Verärgerung jemandem den nackten Hintern entgegengestreckt - und wurde angezeigt. Das Dumme ist, dass Peter J. schon eine Akte beim Jugendamt hat. Der 18-Jährige stand bereits wegen Körperverletzung vor Gericht. Nur schwer bekommt er seine Aggressionen unter Kontrolle. Tröstlich: Zumindest hat er diesmal nicht zugeschlagen. Das Hinterteil zu entblößen und es einem Kontrahenten entgegenzustrecken, ist aber auch nicht die ideale Konfliktlösung. Ob es wegen dieser beleidigenden Handlung zu einer Gerichtsverhandlung kommt, steht noch nicht fest. Aber die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe wurde vorsichtshalber schon einmal eingeschaltet.

In den zum Schutz der Jugendlichen nichtöffentlichen Gerichtsverhandlungen schildert die Behördenvertreterin dem Richter Werdegang, Umfeld und die Bedingungen, unter denen der Jugendliche lebt und die möglicherweise mit dazu beigetragen haben, dass er das Gesetz übertreten hat. Gewalt in der Familie, Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern, kein Schulabschluss, kein Ausbildungsplatz, Alkoholmissbrauch, vieles kann dazu führen, dass junge Menschen sich nicht in die Gesellschaft einfügen.

Jugendrichter Herbert Schäfert hält die Tätigkeit der Sozialpädagoginnen aus mehreren Gründen für hilfreich. "Das Jugendgericht hat in erster Linie die Aufgabe, Fehlverhalten von Jugendlichen und Heranwachsenden zu korrigieren. Das kann der Jugendrichter aber nur, wenn er um die Ursachen weiß", sagt Schäfert. Dabei helfe dem Gericht und damit auch dem jungen Straftäter die Jugendgerichtshilfe ganz entscheidend. Die Vertreterinnen der Jugendgerichtshilfe machen auch Vorschläge für Strafen oder Maßnahmen, denen der Richter in der Regel entspricht.

16 Wochenstunden sind pro Sozialpädagogin für die Gerichtshilfe vorgesehen. Die drei Frauen vom Rosenheimer Amt für Jugend und Familile betreuen den Personenkreis auch nach der Verurteilung. Sofern das Gericht eine Arbeitsauflage verordnet hat, sucht und stellt das Amt Arbeitsplätze zur Verfügung..

Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger, da die jungen Leute zur Arbeit kaum motiviert sind und Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft meist nicht erlernt haben. Ein Küchenhelfer im Klinikum, der zwar angekündigt ist, aber nicht kommt, schafft im Organisationsplan des Hauses statt Hilfe zusätzliche Probleme. So ist das Jugendamt dankbar für jede Tätigkeit, die von jugendlichen Straftätern ausgeübt werden kann. Angelika Hemberger nimmt dort solche Angebote entgegen.

Fachdienstleiterin Ute Kolb ist trotz der hohen Belastung mit den Arbeitsbedingungen zufrieden. Auch die finanzielle Ausstattung durch die Stadt sei ausreichend. Sie meint: "Der Stadt liegt die Jugend sehr am Herzen."

au/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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