Boxer muss ins Gefängnis

Rosenheim - Eine denkwürdige Serie von Verhandlungstagen fand beim Jugendschöffengericht jetzt ihren Abschluss. Das Gericht unter dem Vorsitz von Herbert Schäfert hatte dabei mit zahlreichen Problemen zu kämpfen:

Es war durch verschiedene Terminbelastungen der Beteiligten ein enormer Zeitdruck entstanden. Ein Problem war auch, dass die Straftaten bis zu drei Jahre zurücklagen. Die Zeugenaussagen waren teilweise derart ungenau, dass sich daraus gegen kaum jemanden eine hieb- und stichfeste Schuld rekonstruieren ließ. Am entscheidenden, abschließenden Verhandlungstag war kein geeigneter Sitzungssaal frei. Also wich man ins Familiengericht aus. Dort funktionierte jedoch die Computeranlage nicht, so dass sich eine weitere Verzögerung ergab.

Um ein gerechtes Urteil zu finden, sollte kein Gericht "aus Gründen der Verfahrens-Ökonomie" entscheiden müssen. Das war jedoch nahezu die einzige Option, die hier blieb. Richter Schäfert leitete die Sitzung dennoch unaufgeregt und übersichtlich. Erst als sich in einem intensiven Rechtsgespräch abzeichnete, dass die Staatsanwaltschaft sich bereitfand, etliche Anklagen gegen eine Geldbuße einzustellen, war ein Ende absehbar.

Fest steht, dass eine Gruppe Heranwachsender in den Jahren 2008 bis 2010 eine Vielzahl von Körperverletzungsdelikten begangen hatte. Es liegt in der Natur der Sache, dass in diesen Fällen nicht alle Beteiligten erkannt oder gar überführt werden können. Bestraft werden stets die aktivsten Schläger und Rädelsführer - so auch in diesem Fall. Obwohl die Gruppe sicherlich an die 20 Mitglieder umfasste, wurden nur sechs von ihnen verurteilt.

In diesem Fall war es ein Rosenheimer Boxsportler, der es 2007 zum oberbayerischen Meister im Halbschwergewicht gebracht hatte. Er geriet in diese Schlägerbande und wurde zwischen 2008 und 2010 mehrfach wegen Körperverletzungsdelikten straffällig. In der Nacht zum 26. Oktober 2008 kam es in der Gasse Am Stadtbach bei der Stollstraße zu einer Prügelei zwischen den Mitgliedern einer Hobby-Fußballmannschaft und der Schlägerbande. Dabei wurden der Boxsportler und dessen Bruder wegen ihrer herausragenden Rolle wiedererkannt. Der Boxer hatte binnen zweier Minuten vier Mitglieder der Fußballmannschaft mit wenigen Hieben k.o geschlagen - so wirkungsvoll, dass man zunächst vermutete, er habe einen Schlagring benutzt. Auch sein Bruder wurde als Prügler wiedererkannt. Beide gestanden schließlich die Taten.

Der Boxer wurde - unter Einbeziehung aller Straftaten in diesem Zeitraum - zu einer Gesamtstrafe von knapp drei Jahren verurteilt. Sein Bruder erhielt eine zwölfmonatige Gefängnisstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Alle anderen Angeklagten erhielten Freispruch oder eine Verfahrenseinstellung gegen eine Bußgeldzahlung.

Die meisten ehemaligen Mitglieder dieser Bande sind inzwischen diesem Milieu entwachsen und ganz normale Bürger und Familienväter geworden. Richter Schäfert schloss mit den Worten: "Es ist zu hoffen, dass alle Beteiligten aus diesem Verfahren etwas gelernt haben. Für das Gericht trifft das in jedem Fall zu."

au/Oberbayerisches Volkblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser