Kein Platz für einen Zwölfjährigen

Rosenheim/Münster - Die Mutter sitzt noch bis 2014 im Gefängnis, der Vater ist ein abgetauchter Drogenhändler. Der zwölfjährige Michael hat es nicht gut erwischt mit seinen Eltern.

Wobei es für den Buben sogar besser gewesen wäre, wenn sich der Vater viel früher aus dem Staub gemacht hätte.

Denn vor Jahren gehörten schlimmste Porno- und Gewaltfilme zum täglichen Unterhaltungsprogramm des damals Fünf- und Sechsjährigen. Kein Wunder, dass er als "sexuell auffällig" gilt, er mit seinem Umfeld nicht klar kommt - und die Menschen nicht mit ihm.

Die Oma, die in München wohnt, ist seit langem die einzige Bezugsperson von Michael (Name geändert). Aber natürlich wäre auch sie mit dem Kind hoffnungslos überfordert gewesen. Deshalb lebte und wohnte Michael, der ebenfalls aus München stammt, in einer speziellen Einrichtung im südlichen Landkreis Rosenheim. Dort sollte er lernen, dass es im wirklichen Leben andere Regeln gibt als in den abstoßenden Videos und Internetseiten, die so großen Schaden in seiner Kinderseele angerichtet hatten.

In dem Wohnheim für sogenannte Problemkinder aus schwierigen Milieus sollte der Bub in familienähnlicher Umgebung lernen, dass nicht jede Person in seinem Umfeld mit den Darstellern eines Pornofilmes gleichzusetzen ist und dass es auch andere Ausdrucksformen gibt als obszöne Gesten und Wörter.

Vor kurzem, als Michael in die Pubertät kam, spitzten sich die Konflikte zu. Die Hormonschübe hätten den Zwölfjährigen derart aus der Bahn geworfen, dass andere Heimbewohner und Mitschüler nicht mehr sicher vor seinen Ausbrüchen und Attacken gewesen seien, so die Heimleitung. Sie beteuert, über Monate hinweg mit externen und internen Kräften um den Buben gekämpft, ihn aber nicht mehr erreicht zu haben. So sahen die Verantwortlichen zum Schutz der Mitbewohner nur eine Lösung: Für Michael war kein Platz mehr in dem Haus.

Einrichtungen, die verhaltensgestörten Kindern wie Michael helfen können, sind jedoch rar. Ein Haus in Augsburg winkte ab, nach längerer Suche fand sich ein teilweise geschlossenes Heim nahe Münster an der holländischen Grenze, das den Buben aufnahm. Doch gegen den behördlich angeordneten "Umzug" wehrte sich die Großmutter - und so wurde Michaels tragische Geschichte jetzt ein Fall für das Rosenheimer Familiengericht.

Dieses musste darüber entscheiden, ob eine vorläufige Unterbringung dort rechtmäßig ist - so weit weg von der Großmutter, die nach Angaben ihres Rechtsanwalts extra vom Bodensee nach München gezogen war, um den Kontakt zum Enkel aufrecht zu erhalten. Die Besuchszeiten habe sie auch umfassend genutzt.

Niemand im Gerichtssaal war mit dem "Umzug" nach Münster glücklich. Weil aber die Überantwortung des Buben an die Oma als zu hohes Risiko für ihn und andere eingestuft wird, sah auch der Rosenheimer Familienrichter keine Alternative und stimmte der vom Münchner Jugendamt angeordneten Maßnahme zu.

Nach Angaben des Anwalts der Großmutter bewertet der von der Rosenheimer Einrichtung bestellte Therapeut das Verhalten des Buben ganz anders als die Leitung des Hauses. Er bezeichne die Verlegung in eine geschlossene Einrichtung, 700 Kilometer von der einzigen Bezugsperson entfernt, als kontraproduktiv. Zudem sei der Bub nur deshalb nicht in dem Augsburger Kinderzentrum aufgenommen worden, weil das Münchner Jugendamt es nach einer unverbindlichen Anfrage versäumt habe, Michael rechtzeitig anzumelden. Deshalb sei kein Platz mehr frei gewesen.

Um den Kontakt aufrecht erhalten zu können, fliegt die Oma jetzt alle zwei Monate zu ihrem Enkel. Weil sie sich das nicht leisten könne, bezahlt die Flüge das Münchner Jugendamt. Nun fertigt ein vom inzwischen zuständigen Amtsgericht in Westfalen bestellter Sachverständiger ein Gutachten über den Buben an. Dann wird man sehen, wie es mit ihm weitergeht - und ob nicht doch noch ein Platz in der Nähe der Oma gefunden wird.

au/ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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