Tag 4 im Prozess um den WM-Mord in Bad Reichenhall

WM-Mord: Die "Mauer des Schweigens" steht

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Der Angeklagte wurde heute zum ersten Mal mit Bauchgurt und Fußfessel zum Landgericht gebracht. Christoph R. schweigt bis heute zu den Vorwürfen. Über seinen Anwalt ließ er lediglich mitteilen, dass er auf eine Unkenntlichmachung seiner Bilder verzichtet.
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Traunstein/Bad Reichenhall - Tag 4 im Prozess um den WM-Mord: Die Bundeswehrkameraden scheinen mit erheblichen Gedächtnislücken zu kämpfen. Richter Weidmanns Geduldsfaden ist angespannt.

++ Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt! Ab 9 Uhr erscheinen dann weitere Bundeswehrsoldaten vor Gericht, außerdem ein medizinischer Gutachter und ein Reichenhaller, auf dessen Grundstück Christoph R. sich in der Tatnacht herumgeschlichen und sich als "Nachtwanderer" bezeichnet haben soll. Wir werden erneut aktuell aus dem Gerichtsaal berichten! ++

Die wichtigsten Erkenntnisse des vierten Prozesstages:

- Zum ersten mal wird der Angeklagte mit einem Bauchgurt und Fußfesseln in den Gerichtssaal gebracht.

- Kameraden, die das WM-Finale mit Christoph R. sahen, berichten von ihren Erlebnissen mit ihm in der Tatnacht.

- Ein Kamerad fragte nach dem Kampfmesser im Hosenbund. Christoph R. habe geantwortet: "Ich geh jetzt jemanden umbringen"

- Ein weiterer Zeuge sagte Anfang August bei der Polizei aus, dass der Angeklagte ihm am Tag danach die Taten gestanden habe. Heute will er sich nicht mehr daran erinnern können.

- Eine Gruppe junger Leute begegnete Christoph R. am Rathausplatz zum Tatzeitraum. Ein Zeuge: "Als er seine Hand ausgestreckt hat, haben wir gesehen, dass die voll mit Blut war."

- Dieser Gruppe habe Christoph R. gesagt: "Ich hab' einen umgebracht". Die Zeugen sagen, sie hätten das für einen Scherz gehalten.

- Eine junge Frau, mit der Christoph R. mal einige Wochen intim war, packte aus: Einmal habe sie der Angeklagte aggressiv auf den Boden gedrückt.

UPDATE 19.45 Uhr: Liebschaft des Angeklagten berichtet von einem Vorfall

Der Ablaufplan für heute war eng gestrickt. Alle Zeugen lassen sich am vierten Verhandlungstag nicht mehr unterbringen. Vier Soldaten werden am Mittwoch wieder geladen. Verhandlungen diesen Ausmaßes sind Richter Weidmann zu brisant, als dass man die Zeugen in schnellem Tempo durch den Gerichtssaal schickt.

Der "leicht überforderte" ehemalige Kamerad von Christoph R. tritt nach seiner "Bedenkzeit" wieder in den Zeugenstand. Was hat er von den Gesprächen im Rauchereck nun mitbekommen? Hat er das Geständnis des Angeklagten gehört? "Ich weiß es nicht mehr, was wir geredet haben." Richter Weidmann stöhnt: "Vorher wussten Sie es nicht mehr genau, jetzt wissen Sie gar nichts mehr?" Er lässt sich nichts entlocken.

Die "Mauer des Schweigens", von der der Richter heute schon sprach, steht allem Anschein nach noch immer. Inzwischen will der Zeuge nicht mal mehr seine Aussagen vom frühen Nachmittag bestätigen. Sichtlich genervt entlässt ihn der Richter aus dem Zeugenstand.

Als nächste an der Reihe: Ein junge Frau, mit Christoph R. befreundet gewesen. "Zwei, drei Wochen vor dem WM-Finale haben wir uns getroffen", so die Zeugin: "Beziehung kann man's nicht nennen. Das war nur ein Abend so." Höflich und nett wäre er dort in Hessen gewesen: Sie erzählt von Schwimmbad, Kino, Partys, Küssen und mehr. Wieder keine Regung im Gesicht des mutmaßlichen Mörders auf der Anklagebank.

An einem anderen Abend tickte Christoph R. aber aus: Bei einer Hausparty packte er die Zeugin, drückte sie auf den Boden und wollte sie über ihr vermeintlich schlechtes Leben aufklären: "Du bist nicht so stark, wie Du Dich immer gibst", soll er mit weit aufgerissenen Augen dabei gesagt haben. Die Zeugin bekam es mit der Angst zu tun.

UPDATE 17.30 Uhr: Stubenkamerad mit Gedächtnislücken

Matthias E. tritt nun in den Zeugenstand, Stubenkamerad und, nach eigener Aussage,"guter Freund" des mutmaßlichen Mörders. Nach dem WM-Finale seien auch auf dem Zimmer noch etliche Biere geflossen, man habe gefeiert, später "Skyrim" gespielt: "Ich hab' dann den Laptop zugeklappt und bin eingeschlafen. Alles wie immer." Ob Christoph R. am nächsten Tag in seinem Bett gelegen ist? Der Zeuge ist sich nicht mehr sicher, gibt sich wortkarg. Auch er war im Rauchereck dabei, als über die Bluttat gesprochen wurde: "Spaßeshalber hat der Chris gesagt, dass er es war." Aber der Zeuge relativiert: "Im Rauchereck wird viel geredet, ich hab' das nicht ernst genommen." An weitere Details, die Christoph R. ausplauderte, will sich auch dieser Zeuge nun nicht mehr recht erinnern können - im Gegensatz zur Vernehmung bei der Polizei rund zwei Wochen nach der Tat. Die Aussagen, die er gegenüber der Polizei abgab, kann ihm der Richter nur schwer wieder aus der Nase ziehen: Einfach aus Lust hätte Christoph R. den Mord begangen - für den Zeugen war es "Sarkasmus". Immer wieder genehmigt sich sein früherer Zimmerkumpane lange Pausen zum Überlegen. Aber Stück für Stück können ihm Details entlockt werden: Christoph R. erzählte ihm, dass er das Kampfmesser nach der Tat weggeworfen habe: "In die Büsche, in die Saalach oder so."

Auf Nachfrage weiß der Zeuge auch, dass der Angeklagte Geld zusammensparte. "Wenn sie ihn erwischen, wollte er nach Norwegen auswandern, weil da würden sie ihn eh nicht zurückholen." Doch von den Auswanderungsvorhaben wusste sein Stubenkamerad auch schon vor der Tat. Seine nächsten Pläne für die Bundeswehrzeit: "Scharfschütze. Er wollte mich noch dazu überreden, das auch zu machen", so sein Freund aus Kasernentagen. Auch das Rollenspiel "Skyrim" bleibt Thema. Der Zeuge bestätigt: "In manchen Situationen ist's dort besser, wenn man den Gegner dort von hinten attackiert" - auch der Angriff auf Sarah F. erfolgte schließlich von hinten, den ersten Messerstich bekam sie ins Genick. Ebenfalls weiß Christoph R.s früherer Kamerad, dass es bei "Skyrim" durchaus darum ginge, Trophäen zu sammeln, die man seinen Gegnern abnehmen könne.

Nun wird noch einmal der ehemaliger Kamerad von Christoph R. in den Zeugenstand kommen, der wegen seiner Erinnerungslücken eine Bedenkzeit von Richter Klaus Weidmann erhielt.

UPDATE 16.20 Uhr: Kamerad mit Erinnerungslücken

Ein Vorgesetzter von Christoph R. wird nun verhört. Der Oberfeldwebel verließ gegen 3.45 Uhr sein Haus in Bad Reichenhall Richtung Kaserne - und traf auf die Leiche von Alfons S., die Polizei war bereits an Ort und Stelle.

Eine halbe Stunde später traf er in der Kaserne auf den Mann, der mutmaßlich für diese brutale Tat verantwortlich ist. In Boxershorts und Badeschlappen stand Christoph R. vor ihm: "Wir unterhielten uns über's Finalspiel", so der Zeuge. "Ansonsten ist mir nichts aufgefallen."

Der Oberfeldwebel ist nicht der Erste, der Christoph R. als unauffälligen Typen beschreibt: "Seine Befehle hat er immer ausgeführt, auch wenn man ihn mal anstacheln musste mit blöden Sprüchen: 'Was war das denn, du Wurst', zum Beispiel." Es ist das erste Mal, dass der Angeklagte Emotionen zeigt: Ein leichtes Schmunzeln kann er bei den Erzählungen seines früheren Kameraden nicht unterdrücken. 

Der Oberfeldwebel klärt darüber auf, dass es eigentlich verboten ist, das Messer mit aus der Kaserne zu nehmen: "Bei dieser Klingenlänge fällt das unter das Waffengesetz."

Ein weiterer Zeuge, ein einfacher Kamerad von Christoph R, wird verhört. Am Mittag nach der Tat stand man beim Rauchen, redete über das, was in der Nacht in Bad Reichenhall passiert war.

Der Zeuge, noch immer freiwillig bei der Bundeswehr, gab damals bei der Polizei an, dass Christoph R. im Rauchereck seine Tat glatt gestanden habe - heute will er sich nicht mehr so genau daran erinnern können. "Ich bin gerade leicht überfordert. Ich weiß es wirklich nicht mehr." 

Die Beisitzer lassen nicht locker und gehen mit dem Zeugen harsch ins Kreuzverhör. Was hat er im Rauchereck gehört? Hat er sich etwa mit seinen Kameraden in der Zwischenzeit abgesprochen? Worüber wurde heute vor dem Gerichtssaal gesprochen?

"Ich bin ja gespannt, wie weit die Mauer des Schweigens heute reicht", so Richter Weidmann. Der Zeuge bekommt eine Pause, soll sich noch einmal besinnen.

UPDATE 13.35 Uhr: Ängstlich wirkende Zeugen

Nach den ersten ehemaligen Kameraden von Christoph R. kamen Zeugen zu Wort, die einen ganz anderen Blickwinkel aus der Tatnacht mit vor Gericht bringen: Eine Gruppe junger Leute, die auf dem Reichenhaller Rathausplatz gegen 2.30 Uhr an der Bushaltestelle warteten. Der Angeklagte kam auf die Gruppe zu, er bot ihnen Zigaretten an: "Als er seine Hand ausgestreckt hat, haben wir gesehen, dass die voll mit Blut war", so der erste Zeuge. Das Blut des ersten Opfers Alfons S.? Irgendwie aufdringlich sei Christoph R. in dieser Situation gewesen. Plötzlich sagte er: "Ich hab' einen umgebracht". 

Der Zeuge wollte es nicht glauben: "Er war sonst ganz ruhig und normal." Auch er soll Christoph R. nun identifizieren. Ganz sicher ist sich der Zeuge nicht, wenn er zur Anklagebank blickt: "Zu 80 Prozent." Zehn Minuten soll Christoph R. bei der Gruppe gesessen sein, "dann ist er einfach wieder gegangen." Dem Zeugen kam die Situation "spanisch" vor: "Hast Du uns jetzt verarscht?" Christoph R. soll daraufhin nur gelacht haben - und davon spaziert sein. Vermutlich zu seiner nächsten Bluttat.

Eine junge Frau, gerade mal 17 Jahre alt, die ebenfalls am Rathausplatz war, wurde anschließend als Zeugin hereingerufen. Die Geschichte mit den angebotenen Zigaretten bestätigt sie, auch Christoph R.s blutige Hände. Dass der Angeklagte gesagt haben soll, er habe jemanden umgebracht, will sie nicht gehört haben: "Ich hab' da in mein Handy geschaut." Erkennt sie Christoph R. wieder? "Ich kann mich nicht mehr erinnern." Richter Weidmann bringt nicht viel aus dem Mädchen heraus: "Sie kommen mir ängstlich vor", so der Richter. Liegt es daran, dass womöglich ein Mörder wenige Meter neben ihr sitzt?

"Er hat damit herumgeprahlt, dass er gerade jemanden umgebracht hat - aber auf eine lustige Art und Weise", sagt der nächste Zeuge aus der Gruppe am Rathausplatz. Auch er dachte zuerst, es sei Unsinn. Der junge Schüler murmelt seine spärlichen Angaben nur leise ins Mikrofon: "Jetzt komm' ich mir langsam ein bißchen verarscht vor", so Richter Weidmann. Die drei hatten in der Tatnacht anscheinend direkt Kontakt mit dem Angeklagten, Weidmann will mehr Infos. Nach dem Rüffel wird es besser: "Eigentlich kam der ganz nett rüber", so der Zeuge.

Wenn nur einer von ihnen auf die Idee gekommen wäre, in dieser Situation die Polizei zu rufen, wäre Sarah F. vielleicht noch heil nach Hause gekommen. Am Nachmittag sind unter anderem die ehemaligen Zimmerkumpanen aus der Kaserne von Christoph R. als Zeugen geladen.

UPDATE 10.40 Uhr: Wollten die Kameraden die Bluttat nicht wahrhaben?

Die begleitenden Polizisten von Christoph R. ziehen die Zügel wohl an: Mit einem Bauchgurt, an dem die Handschellen befestigt sind, und Fußfessel windet sich der Angeklagte aus dem Zivilfahrzeug der Beamten. Der Grund ist auch die Kickboxer-Vergangenheit des Angeklagten, wie ein Polizist im Gespräch bestätigt. Heute wird Christoph R. seinen ehemaligen Kameraden aus der Bad Reichenhaller Kaserne wieder begegnen. Rund um das Traunsteiner Landgericht vertreten sich einige Soldaten noch die Beine, trinken Kaffee.

Der erste Soldat tritt in den Zeugenstand. Der Hauptgefreite machte mit Christoph R. die Grundausbildung in Strub, auch am Wochenende waren die beiden öfter gemeinsam unterwegs. Der Soldat gibt sich wortkarg. Erst langsam rückt er heraus: "Wenn er betrunken war, hatte er Blödsinn im Kopf". Auch an diesem Abend? Drei bis fünf Bier und Jägermeister flossen beim WM-Finale, direkt danach sei man von der Kneipe zurück in die Kaserne gegangen: "Er war an diesem Abend ganz normal" - keine Koordinationsschwierigkeiten, keine Ausfallerscheinungen, wie es der Richter nennt. Was für ein Typ war Christoph R.? Als "ruhig und schläfrig" beschreibt ihn der Hauptgefreite, aber ehrgeizig im Dienst.

Der nächste Zeuge: Er sah Christoph R., als er in der WM-Nacht zur Kaserne zurückkam -angetrunken und mit "auf links" gedrehtem Pullover: "R., Du Depp, hast Deinen Pullover verkehrt herum an", hätten die Soldaten noch gewitzelt. Auch das Kampfmesser im Hosenbund fiel dem Zeugen auf. Was er damit wolle? "Ich geh' jetzt jemanden umbringen", soll Christoph R. darauf gesagt haben. Die Soldaten fassten es als Scherz auf. Richter Weidmann sind diese Aussagen neu. Noch in der Vernehmung kurz nach der Tat sagte der Zeuge nichts über die angeblichen Tötungsabsichten des Angeklagten.

Bilder von Prozesstag 4 am Dienstag:

Tag 4 im WM-Mord-Prozess von Bad Reichenhall

Auch dem nächsten Zeugen begegnete der Angeklagte in der Kaserne: Umgedrehter, schwarzer Kapuzenpullover, Kampfmesser im Hosenbund - "Ich muss das Messer noch jemandem aus der vierten Kompanie bringen", soll Christoph R. auf Nachfrage gesagt haben. Der Zeuge habe sich nichts dabei gedacht: "Damit schneidet man doch sonst nur Pizza." In den Tagen nach dem 14. Juli war die Bluttat bei den Kameraden wohl nie Thema - trotz der Beobachtungen. Kopfschütteln in den Zuschauerreihen.

VORBERICHT:

Bisher wurde nur über sie gesprochen, doch nun sind sie selbst an der Reihe: Insgesamt 15 frühere Kameraden von Christoph R. müssen am heutigen Dienstag ab 9 Uhr vor Richter Klaus Weidmann als Zeugen die Wahrheit sagen - einer nach dem anderen. Es sind die ersten geladenen Zeugen, die den Angeklagten auch schon vor der Tatnacht kannten. Wie schätzen sie den 21-Jährigen ein? Was für ein Mensch verbirgt sich hinter der kühlen Maske? Wie verhielt sich Christoph R. bevor und nachdem er angeblich die Kaserne verließ, um eine Blutspur durch Bad Reichenhall zu ziehen?

WM-Mord-Prozess - was bisher geschah:

- Prozesstag 1: Sachverständige berichtet über Familie und Lebenslauf von Christoph R.

- Prozesstag 2: Rechtsmediziner beschreibt grausige Details der Messerattacken

- Prozesstag 3: Opfer Sarah F. schildert den Angriff auf sie

Bereits am ersten Prozesstag berichtete ein Kriminalpolizist vor dem Traunsteiner Landgericht, dass drei Soldaten Christoph R. gesehen hätten, als er in der Nacht des 14. Juli 2014 mit einem Bundeswehr-Kampfmesser die Kaserne verließ. Ein weiterer Kamerad habe angegeben, dass der Angeklagte auch um 8 Uhr morgens noch nicht in seinem Zimmer gewesen sei. Im Zentrum werden dabei Matthias E. und Michael S. stehen, die sich mit dem Angeklagten ein Zimmer teilten.

Bei einer Verurteilung könnte Christoph R. weit über 15 Jahre im Gefängnis landen. Auch eine anschließende Sicherungsverwahrung ist möglich. Erst am Freitag hat Sarah F., die die Attacke schwer verletzt überlebte, in einer bewegenden Aussage den Angeklagten als Täter identifiziert.

+++ Wir berichten wie immer aktuell von den Ereignissen im Gerichtssaal +++

Videos und Bilder vom Prozess

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Quelle: chiemgau24.de

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