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Wolfsbeauftragter im Interview

„Haben in Europa viele Beispiele, wie eine Koexistenz von Mensch und Wolf möglich ist!“

Gibt es eine Langzeit-Perspektive für das Zusammenleben von Mensch und Wolf? Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (links oben) sieht diese durchaus. Landwirte in der Region dagegen mahnen, eine dauerhafte Ansiedlung des Raubtiers bedeute ein Aus für die Weidehaltung. (links unten: Landwirte demonstrieren in München gegen den Wolf.)
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Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (links oben) sieht durchaus eine gemeinsame Zukunft für Mensch und Wolf. Landwirte in der Region dagegen mahnen, eine dauerhafte Ansiedlung des Raubtiers bedeute ein Aus für die Weidehaltung. (links unten: Landwirte demonstrieren in München gegen den Wolf.)

Gibt es eine Langzeit-Perspektive für das Zusammenleben von Mensch und Wolf? Wir haben mit Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V., darüber gesprochen. Er sieht hier durchaus Potenzial und verweist auf Beispiele aus anderen europäischen Ländern.

Bergen/Inzell/Siegsdorf - „Wir haben in Europa viele Beispiele, wie eine Koexistenz Menschen und Wölfe möglich ist. Beispielsweise in der Slowakei, in den italienischen Abruzzen, in Spanien, und so weiter. Wir müssen also auch hierzulande lernen, mit dem Wolf zu leben“, betont Willi Reinbold, Wolfsbeauftragter des Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV). „Das funktioniert nach 20 Jahren Wolfsanwesenheit bereits in der Lausitz in Ostsachsen ganz gut. Ein weiteres Beispiel ist für mich die Schweiz, wo trotz steigender Wolfszahlen die Nutztierrisse weniger werden. Voraussetzung ist also ein funktionierender Herdenschutz. Übergriffe auf Menschen sind äußerst unwahrscheinlich, solange diese Tiere nicht von Menschen gefüttert werden.“

„Herdenschutzmaßnahmen wie der Einsatz von Elektrozäunen, eine nächtliche Einstallung beziehungsweise Nachtpferchung, der Einsatz von Herdenschutzhunden sowie die Behirtung tagsüber sind ein wichtiges Instrument, um Konflikte zwischen Wolf und Weidetierhaltung zu minimieren. Die Bayerische Staatsregierung fördert verschiedene Herdenschutzmaßnahmen mit bis zu 100 Prozent“, berichtet wiederum ein Sprecher des Bayerischen Landesamts für Umwelt (LfU). Entsprechende Herdenschutzberater seien in allen Landwirtschaftsämtern vorhanden. „Im Bayerischen Aktionsplan Wolf ist unter anderem der Umgang mit möglichen Konflikten zwischen Wolf und Mensch geregelt. Dabei steht die Sicherheit des Menschen an oberster Stelle. Ziel des Aktionsplans ist es ebenfalls, die Weidetierhaltung auch bei Wolfsanwesenheit flächendeckend und dauerhaft zu erhalten.“

Wolfsbeauftragter im Interview: Gibt es eine Langzeit-Perspektive für das Zusammenleben von Mensch und Wolf?

Zunächst schien es nur ein „Problemwolf“ zu sein, der in der Region für Diskussionen sorgte. Es begann mit Sichtungen sowohl bei Reit im Winkl als auch an der Hochries Mitte 2020. Innerhalb kürzester Zeit wurden dann elf Tiere von zwei Schafhaltern gerissen. Eine Weile war es danach ruhig, bis Ende Februar 2021 zwei Schafe im Siegsdorfer Ortsteil Scharam einem Wolf zum Opfer fielen. Das Tier war damals auch von einer Fotofalle aufgenommen worden, es existiert eine sehr präzise Aufnahme. Inzwischen stellte sich heraus, dass sich wohl ein ganzes Rudel im Chiemgau angesiedelt hat. Dies wurde auch von offizieller Seite bestätigt. Ende Dezember sorgte zudem der Spaziergang eines Wolfs durch die Ortsmitte von Bergen für Aufsehen. Viele Landwirte und Jäger haben in der Folge vollends das Vertrauen ins Landesamt für Umwelt verloren. Sie sehen die Zukunft der Weidetierhaltung gefährdet und fordern die Entnahme der Tiere.

Elf Schafe in Reit im Winkl tot - war es ein Wolf?

Florian Gstatter auf seinem Milchschafbetrieb abends beim Füttern der rund 170 Tiere. © Christiane Giesen
Eines der gefundenen Schafe mit Kehlbiss. © Privat
 © Christiane Giesen
 © Christiane Giesen
Willi Gstatter vor der Weide auf der Pracht, wo ihm mehrere Schafe gerissen wurden. © Christiane Giesen
An dieser Stelle auf dem Weg zur Mühl-Prach-Alm in 1000 Meter Höhe hat Berufsjäger Martin Stief eine Kamera installiert, damit der Wolf, falls er zurückkehrt, im Bild festgehalten wird. Willi Gstatter auf unserem Foto wechselt die Chipkarte aus. © Christiane Giesen
Willi Gstatter ist nicht grundsätzlich gegen Beutegreifer: auf einem Arm trägt er ein Tatoo mit Wolf, auf dem anderen eines mit einem Bären. © Christiane Giesen

„Die Weidetierhaltung ist zur Aufrechterhaltung der Biodiversität unverzichtbar. In fast allen Gebieten sind die Weidetiere vor Wolfsübergriffen schützbar. Der Mehraufwand für die Schutzmaßnahmen ist von der Allgemeinheit zu tragen und darf nicht zu Lasten der Weidetierhalter gehen“, stellt LBV-Wolfsbeauftragter Willi Reinbold klar. „Als Beispiel kann hier wieder auf die Schweiz verwiesen werden, wo die AGRIDEA, die Schweizerische Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums, die Herdenschutzmaßnahmen plant und finanziert. Wo Präventionsmaßnahmen überwunden beziehungsweise nicht mit einem vertretbaren Aufwand umgesetzt werden können UND es wiederholt Übergriffe gibt, müssen nicht nur Schäden erstattet, sondern gegebenenfalls auch Wölfe entnommen werden.“

Wolfsbeauftragter: Vorbeugende Jagd auf Wolf kein gutes Mittel zum Nutztier-Schutz

Gleichzeitig sei die grundsätzliche Jagd auf Wölfe kein gutes Mittel, um Risse von Nutztieren vorbeugend zu verhindern. „Verschiedene Studien in Amerika, Slowenien, Spanien und Afrika kommen zu dem Ergebnis, dass einzelne Wolfsabschüsse kein wirksames Mittel zum Schutz von Nutztieren sind und sogar kontraproduktiv sein können“, führt Reinbold weiter aus. „In Rudeln lebende Wölfe vergreifen sich wesentlich seltener an Nutztieren, als wandernde Einzelwölfe. Das hat auch Professor Dr. Klaus Hackländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wildtierstiftung in seinem Buch ‚Er ist da – Der Wolf kehrt zurück‘ dargelegt. Aus diesen Gründen wurde die legale Jagd auf Wölfe in Spanien ab 4. Januar 2021 und in der Slowakei ab 1. Juli 2021 eingestellt.“

Eine Fotofalle bei Siegsdorf machte Ende Februar 2021 diese Aufnahmen von einem Wolf.

Wie eine Studie des Bundesamts für Naturschutz festgestellt habe, könnten theoretisch in Deutschland 700 bis 1400 Rudel Wölfe leben. Danach sei fast ganz Bayern als Wolfslebensraum geeignet. „Die Ausbreitung in Deutschland hat sich von bisher 30 auf 20 Prozent jährlich verringert. Wann Bayern vollständig mit Wölfen besiedelt sein wird, kann nicht zuverlässig vorhergesagt werden. Weitere Großraubtiere wie Bär und Goldschakal haben sich bisher in Bayern nicht angesiedelt. Der Alpenraum eignet sich grundsätzlich als Lebensraum. Wölfe und Bären haben in unserem Ökosystem eine Daseinsberechtigung“, betont Reinbold.

Wolfsbeauftragter: Genügend Beutetiere in der Wildnis vorhanden

Der Bestand an Beutegreifern werde durch die verfügbare Nahrung reguliert, so Reinbold weiter. „In Bayern ist der Bestand an Rehen, Wildschweinen und Rotwild, die Hauptnahrung der Wölfe in Deutschland, so hoch wie noch nie in der Vergangenheit. Würden diese Bestände reduziert, könnten dann auch weniger Wölfe bei uns leben. Mit vermehrten Übergriffen auf geschützte Nutztiere wäre auch dann nicht zu rechnen.“ Beutegreifer würden Ihre Reviergrößen an die natürlichen Gegebenheiten, zu denen auch die Verfügbarkeit von Nahrung zählt, anpassen, so wiederum das LfU. „So variieren beispielsweise die Streifgebietsgrößen von Luchsen von Mitteleuropa bis hinauf in den nahrungsärmeren Norden Skandinaviens von 100 bis über 1.000 Quadratkilometer.“

Ein Wolf sorgte Ende Dezember mit seinem Spaziergang durch die Ortsmitte von Bergen für Aufsehen.

Beispielsweise aus den USA und Kanada ist bekannt, dass Wölfe und Bären teils in Siedlungen auf Nahrungssuche gehen, wenn sie Mülltonnen als einfache Nahrungsquelle entdecken. Könnte dies langfristig auch ein Faktor werden? „Dieses Verhalten ist menschengemacht und könnte, wenn wir unsere Mülltonnen unverschlossen mit Fleischabfällen verfügbar an die Straße stellen, auch in Bayern so sein. Sollte dies vorkommen, sind diese Mülltonnen vor Zugriffen zu verschließen“, schließt Reinbold.

hs