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Das Erfolgsmodell Bürgerwirtshaus

Neuer Pächter ab März? – 2750 Aktionäre halten „D‘Feldwies“ in Übersee am Leben

Wolfgang Gschwender ist Vorsitzender der Wirtshaus AG. Er will D‘Feldwies unbedingt erhalten.
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Wolfgang Gschwender ist Vorsitzender der Wirtshaus AG. Er will D‘Feldwies unbedingt erhalten.

Wenn alles gut geht, könnte das traditionsreiche Wirtshaus D’Feldwies schon im März mit einem neuen Pächter öffnen. Derzeit ist die Wirtshaus AG in Verhandlungen mit einem Interessenten, berichtet Vorsitzender Wolfgang Gschwendner im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Übersee – D‘Feldwies ist seit dem Jahr 1554 eine Taverne beziehungsweise später ein Gasthaus. Ungewöhnlich ist auch, dass 2750 Aktionäre das traditionsreiche Haus als Geldgeber vor dem Aus retteten. Viele von ihnen haben einen starken persönlichen Bezug So auch Rechtsanwalt Wolfgang Gschwendner. Der 72-Jährige wuchs nur zwei Kilometer entfernt vom Wirtshaus d‘Feldwies auf, erzählt er. Gerne erinnert er sich an die Zeiten, als er selbst noch jung war und sich mit anderen Gleichaltrigen wöchentlich beim Tanz, auf den vielen Faschingsbällen und bei anderen Veranstaltungen treffen konnte. In den 90er Jahren zog der legendäre Roots-Club die jungen Menschen in Scharen an. All das ist einige Zeit her.

Am Stammtisch eine Aktiengesellschaft beschlossen

Zu Beginn der 2000er Jahre, so erinnert sich Gschwendner, stand das Wirtshaus schon einige Zeit leer. Der Zahn der Zeit nagte an allen Ecken und Enden, die Zukunft des traditionsreichen Wirtshauses D’Feldwies war ungewiss. Die Idee, das Wirtshaus als Aktiengesellschaft zu betreiben, habe er am Stammtisch vorgeschlagen, erinnert sich Gschwendner: „Das haben wir dann um 3 Uhr früh beschlossen.“ Mit Unterstützung von Fördermitteln aus der Städtebauförderung habe die Gemeinde Übersee das Gasthaus für 450 000 Euro im Jahr 2003 erworben, berichtet der Feldwieser weiter.

Der Pächter muss vertraglich garantieren, dass mindestens zwei bayerische Gerichte auf der Karte stehen.

Die Renovierungsarbeiten seien von ehrenamtlichen Helfern aus örtlichen Vereinen, von Überseern und Feldwiesern, selbst von „einem Sommerfrischler aus Essen“ gemeinschaftlich durchgeführt worden. „Dach, Strom, Heizung – alles haben wir neu gemacht“, so Gschwendner und erinnert sich amüsiert: „Wir waren richtige Rentner-Gangs, haben uns getroffen und dann gearbeitet.“ Ad hoc seien auf diese Weise Gastraum, Jäger- und Gewölbestüberl entstanden.

Um Geldangelegenheiten musste sich bei allem Idealismus auch Wolfgang Gschwendner bei der AG kümmern. Er habe im Jahr 2003 mit einem Partner gemeinsam eine Einlage von 50 000 Euro gegeben. 2100 Aktien zu je 100 Euro seien verkauft worden: „Die waren gleich weg“, so Gschwendner.

Sein Sohn Wolfgang Gschwendner junior berichtet von heute 2750 Aktien – mehr sollen es nicht mehr werden. Es seien sogar Aktionäre aus Namibia, Thailand und Amerika dabei, die bei ihrem Urlaub am Chiemsee auf das Projekt aufmerksam geworden waren. Die Dividende der Aktie seien einmal im Jahr ein Essen und ein Getränk. Dies beschließe die Aktionärsversammlung jährlich am 19. März.

Der 31-Jährige ist mit seinem Bruder durch das Engagement des Vaters selbst eng mit dem Wirtshaus verbunden: „Wir sind damit groß geworden, haben den Umbau miterlebt und später als Schankkellner ausgeholfen“, erinnert sich der junge Anwalt, der beruflich in die Fußstapfen des Vaters getreten ist. Und so unterstützten sie ihren Vater bei der Wirtshaus AG bis heute.

Eine Heimat für Vereine und Künstler

Hopfen, Holz und Bilder des verstorbenen Überseer Künstlers Julius Exter zieren die Gaststube. Weichold

„Anfangs wurden wir als Spinner bezeichnet und gespottet, aber dann haben die Leute immer mehr dran geglaubt“, erinnert sich wiederum sein Vater an die Anfänge der AG.

Und warum das Ganze? Darauf antwortet er: „Mich hat es damals wahnsinnig genervt, dass immer mehr bayerische Wirtshäuser verloren gehen.“ Er selbst verbindet wie viele andere Feldwieser schöne Erinnerungen mit dem Wirtshaus d‘Feldwies und ist stolz, dass es mit der AG auf diese Weise seit nunmehr 18 Jahren erfolgreich betrieben wird: „Das gibt‘s wahrscheinlich in ganz Bayern nicht, dass das so funktioniert“, meint Gschwendner.

Ungeachtet vom Pächterwechsel haben in dem Gebäude der Trachten- und der Theaterverein ihre Vereinsräume und der Bulldogverein sein Archiv. Im ersten Obergeschoss stellt die Malergruppe Übersee regelmäßig aus. Außerdem gibt‘s den Saal mit Bühne, der auch gerne für Hochzeiten genutzt und Kulturveranstaltungen genutzt wird.

Sollte es trotz der Erschwernisse aufgrund von Corona nun mit dem neuen Wirt klappen, dann wäre das Wirtshaus D‘Feldwies in absehbarer Zeit wieder geöffnet.

Rüge vom Kommunalen Prüfungsverband:

Was auf der einen Seite vor fast 20 Jahren eine einzigartige Gemeinschaftsaktion gewesen sein dürfte, um das Wirtshaus D’Feldwies zu retten, rief später Kritik auf den Plan. Im Juli 2013 musste sich der Überseer Gemeinderat mit einem Bericht des Kommunalen Prüfungsverbandes befassen, der fehlende Projektleitung, mangelnde Planungen und Kontrollen, die Kosten sowie Kompetenzüberschreitungen des damaligen Bürgermeisters gerügt hatte (wir berichteten). Von fast 6500 ehrenamtlichen Arbeitsstunden von Privat und von Firmen war damals die Rede – eine Leistung, die der Verband ausdrücklich gewürdigt hatte. Als illusorisch hatte der Verband allerdings die Annahme bezeichnet, dass aufgrund dessen „nur Materialkosten“ bei der Renovierung anfielen. Im Endeffekt hatten doch noch einige Bauleistungen vergeben werden müssen. Trotz aller Schelte räumte der Verband aber ein, dass die entstandenen Kosten wohl in einer Größenordnung lagen, die sich auch bei einer ordnungsgemäßen Durchführung des Projekts ebenso ergeben hätten.

Die Besitzer:

In der Überseer Chronik ist die Wirtschaft Feldwies erstmals als „Stolltaverne“ des Wirts Hans Stoll erwähnt. Von 1795 bis 1895 war die Familie Wallner Eigentümer, ab 1909 die Sailerbrauerei Traunstein und ab 1919 die Familie Enzwieser. Deren Nachfolger verkauften es 2003 an die Gemeinde Übersee.