Letzte Vorbereitungen laufen auf Hochtouren

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Sitzt der Frack auch korrekt? Horst Rankl und "Marktrat Müller" bei der finalen Kostümanprobe.

Rosenheim - Geschichte wird lebendig wenn am 28. August zur 150-Jahr-Feier des Rosenheimer Herbstfests ein historischer Festzug durch die Innenstadt zieht.

Kutschen, Gespänne, Wägen verschiedenster Epochen sowie 1168 historisch kostümierte Festzugteilnehmer sind an dem Spektakel beteiligt.

Über drei Jahre plante der Wirtschaftliche Verband das Mammutprojekt - wenige Tage vor dem Großereignis liegen die Nerven der Beteiligten blank.

Klaus Hertreiter steht unter Hochspannung. Der Projektleiter des Herbstfests bringt in der "Kommandozentrale" des Wirtschaftlichen Verbands, dem Glückshafen auf der Loretowiese, gemeinsam mit seinem Organisationsteam Ordnung ins Aufbau-Chaos - und plant "ganz nebenbei" den reibungslosen Ablauf des gigantischen Festzugs. Zwei Mobiltelefone und ein Funkgerät sind seine treuesten Begleiter. Klingelt das eine Telefon, sind Schausteller an der Leitung, die Fragen zu Aufbau, elektrischen Leitungen und ähnlichem haben. Über das Funkgerät laufen die Neuanmeldungen. Das dritte Telefon ist von fundamentaler Bedeutung: "Auf dem ruft meine Frau an", verrät der 32-Jährige lachend. Viel zu Gesicht bekommt sie ihren Mann zurzeit vermutlich nicht. Kurz vor Wiesn-Start wird rund um die Uhr gearbeitet - sogar im Schlaf: "Letztens bin ich schweißgebadet aufgewacht weil ich geträumt hatte, eine Gruppe hätte ihre Festzugteilnahme abgesagt", setzt er an zu erzählen - doch das knarzende Funkgerät schneidet ihm schon das Wort ab.

Herbstfest: Erste Aufbaubilder

Zur gleichen Zeit ist man zwei Kilometer weiter südlich damit beschäftigt, dem stattlichen Kopfumfang eines gewissen Stadtratmitglieds modisch gerecht zu werden. In der zur An- und Umkleide umfunktionierten Eingangshalle des Hans-Schuster-Hauses wühlt sich Theater-Chef Horst Rankl durch einen Karton voller Schiebermützen, Barrets, Schlapphüte und Offiziershelme. Rasch ist ein geeigneter Kandidat gefunden und ein Zylinder findet seinen Platz auf dem genau 61cm Umfang messenden Haupt von Kurt Müller, der im biedermeierschen, tannengrünen Samt-Frack wirkt, als wäre er gerade dem Film "Stolz und Vorurteil" entsprungen. "Na siehst du, der dritte passt", freut sich Rankl und der frisch ausgestattete "Marktrat Müller" mustert in strammer Haltung zufrieden sein Ebenbild im Spiegel.

Auf Authentizität legt der 71-Jährige, der sich gemeinsam mit der Kostümbildnerin des Theaters Rosenheim, Renate Benner, um die Kostümierung der Festzugteilnehmer kümmert, allergrößten Wert. Etwa 800 von ihnen kommen in eigener historischer Kleidung. Der Rest - darunter vor allem Rosenheimer Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur - wurde unter den kritischen Augen des Theater-Chefs auf eine modische Zeitreise geschickt. Die detailgetreuen Kostüme stammen aus dem Fundus eines Kostümverleihs in Eggenfelden und wurden mühsam von Hand genäht. So kommt ein komplettes Barock-Outfit schnell auf einen Gesamtwert von über 1000 Euro. Vor fast einem Jahr nahm die Planung des Festzugs ihren Anfang - heute und wenige Tage vor dem Schauspiel geht es um den Feinschliff und die Ausstattung der letzten Teilnehmer.

Das Kreuz mit den weiblichen Eitelkeiten

Klaus Hertreiter nimmt zur gleichen Zeit die Anmeldeliste in Augenschein und verkündet: "Aktueller Stand: 1168 Teilnehmer." Mit 32 Pferdegespannen und 36 Zugmaschinen die über 40 Wägen und Kutschen ziehen wird die kostümierte Gesellschaft kommenden Sonntag durch Rosenheim ziehen - auf einer Strecke, die die Organisatoren viele Nerven gekostet hat. Drei Tage brüteten sie über dem Stadtplan, bugsierten in Gedanken den einen Kilometer langen Zug so durch die Innenstadt, dass Baustellen umfahren, der Verkehr nicht zu sehr belastet und die Sicherheit für Besucher und Teilnehmer gewährleistet wird. "Bei einem Projekt einer solchen Größenordnung muss man an alles denken und kein Tag ist wie der andere," verrät Hertreiter. So fallen auch Dinge in seinen Aufgabenbereich, die im ersten Augenblick etwas seltsam anmuten: zum Beispiel König Ludwigs Kutsche für den TÜV anzumelden.

Unerwartete Probleme sind auch dem Theater-Chef nicht fremd. So hatte er mit "Organisationsschwierigkeiten aufgrund weiblicher Eitelkeit" zu kämpfen. Die teilnehmenden Damen und Herren hatten im Vorfeld ihre Maße - von Kopfumfang über Kleidergröße bis hin zur Schuhgröße - angegeben. Mit diesen Daten als Vorgabe bestellte Rankl die notwendige Garderobe, welche in Eggenfelden aus zehntausenden bereitstehenden Kostümen zusammengestellt wurde. Womit er jedoch nicht rechnete, war das Augenmaß einiger Damen, welches mehr Wunschdenken als der Realität entsprach. So raubten bei der ersten Anprobe viele in Größe 38 bestellte Schnürkleider den in Größe 42 gebauten Festzugteilnehmerinnen schlichtweg den Atem. Doch die größte Sorge des Stephanskircheners ist eine andere: das Wetter. Mit Argusaugen beobachtet er jede Änderung der Wetterlage. "Unsere Kostüme sind zwar wetterfest, aber ich wünsch mir natürlich einen Sommertag - damit der blaue Himmel sozusagen unser Theatervorhang sein kann", sinniert er und blickt gedankenverloren nach draußen. Doch schon läutet es und der kurze Moment der Ruhe ist wieder vorbei: der angehende Adjutant von Kaiser Wilhelm steht vor der Tür - er hat seinen Säbel vergessen.

Stephanie Sax (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: Herbstfest Rosenheim

Zurück zur Übersicht: Bayern

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser