Stolz worauf? Wie Nazis Jugendliche ködern

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Rosenheim - Holger Kulick, Erfinder der Logonachrichten, hielt einen Vortrag über die Gründe weshalb Jugendliche sich zu extremen Gruppen hingezogen fühlen und forderte zur Prävention auf.

Wie gelangen Jugendliche in rechtsextreme Kreise? Was sind das für Jugendliche und was treibt sie an? Welche Rolle spielt Gewalt? Rechte Rattenfänger, linke Rattenfänger, islamistische Gruppen – unterscheiden sich Jugendliche, die sich hier engagieren, in ihrer Motivation grundsätzlich? All das waren Themen, die der Journalist und Träger des alternativen Medienpreises Holger Kulick den Zuhörern in Rosenheim sehr einfühlsam, mit vielen Interviews und Textstellen untermauert, nahebrachte. Kulick, der die Stern-Initiative „Mut gegen rechte Gewalt“ aufgebaut hat, war auf Einladung des Vereins „Gesicht zeigen – Rosenheimer Bündnis gegen Rechts“, des Stadtjugendrings, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der GEW nach Rosenheim gekommen. Der Einladung zu der Vortragsveranstaltung mit Diskussion im Saal des Stadtjugendrings unter dem Titel „Stolz worauf? Wie Nazis Jugendliche ködern“ folgten nicht nur Jugendliche, sondern auch Menschen im Großeltern-Alter.

Gewalt – auch als Gruppenphänomen – spiele bei der Selbstfindung Jugendlicher in der Pubertät speziell dann eine Rolle, wenn sie aus einem rigiden, autoritären, Gewalt ausübenden Elternhaus kämen, in dem sie sich isoliert fühlten oder durch Trennung und Scheidung Verluste erlebt hätten, führte Kulick aus. Die extremistische Gruppe, der sich die Jugendlichen anschlössen, werde oft sehr schnell zur „Ersatzfamilie“. Sie biete Nähe, Abenteuer und oft auch den „Kick“ gemeinsamer Gewaltrituale und Initiationsriten. Oft seien die Jugendlichen auch durch die Erzählungen der Großeltern – vom Krieg, der SS, der HJ etc. – stark vorgeprägt. Es gehe auch darum, beachtet zu werden, wenn man sich in rechtsradikal verortbarem Outfit zeigt und den Mitmenschen Angst einflößt, sowie um den „Erfolg“, mit gewalttätigen Aktionen Aufmerksamkeit zu bekommen und andere zu beherrschen. Parteiprogramme – z.B. der NPD – stünden bei den Jugendlichen meist nicht im Mittelpunkt des Interesses. Die BKA-Studie „Die Sicht der Anderen“ mache deutlich, dass es eine große Vergleichbarkeit der Hintergründe von Jugendlichen gebe, die sich von radikalen Gruppierungen angezogen fühlten. Es gebe auch Wechsel von Jugendlichen von rechts- zu linksextremistischen Gruppierungen. Der Ausstieg aus der extremistischen Szene sei oft schwierig, weil die Gruppe über die Dauer der Zugehörigkeit der einzige soziale Kontakt der jungen Menschen geworden sei. Die Angst vor Einsamkeit mache mehr noch als die Androhung von Konsequenzen den Ausstieg oft schwierig und manchmal auch nicht nachhaltig.

In der an den Vortrag anschließenden Diskussion forderte Holger Kulick, sich mehr sehr junger Jugendlicher anzunehmen, die erkennbar auf der Sinnsuche seien. „Das Ziel muss sein, zunächst den Einstieg zu verhindern. Das ist mindestens so wichtig, wie nachher beim Ausstieg zu helfen. Man darf junge Jugendliche, die sich zu den Extremisten verlaufen haben, nicht isolieren, sondern man muss sich kümmern. Jeder Euro, der an Jugendhilfe und sozialen Jugendprogrammen gespart wird, kann sich bitter rächen, wenn Kinder den Extremisten in die Hände fallen“, so Holger Kulick. „Den Begriff des Stolzes“ – so Kulick weiter – „muss man differenziert betrachten. Wer stolz ist auf unsere Demokratie, auf unsere Verfassung, auf die Entwicklung, die Deutschland nach dem Hitler-Regime genommen hat, der ist zu Recht stolz. Wer sich stolz über andere erhebt, Stolz als Herabwürdigung anderer versteht, ist in unserer Demokratie noch nicht angekommen.“ Unsere Demokratie müsse viel wehrhafter werden, das Verständnis für politische Entscheidungsprozesse und die Kompromissfindung in der Demokratie müsse deutlich mehr gefördert werden. Echte brennende Demokraten seien sehr wohl in der Lage, sich mit Rechtsextremisten wie der NPD – ohne ein neuerliches Verbotsverfahren – auseinander zu setzen.

Hintergrund:

Holger Kulick, Jahrgang 1960, lebt in Berlin und macht sich seit fast 30 Jahren einen Namen als mutiger und innovativer Journalist. Er war der „Erfinder“ der Jugendsendung Logo, hat für die ARD, das ZDF und Spiegel-Online gearbeitet. Er hat die Stern-Initiative „Mut gegen rechte Gewalt“ aufgebaut und dafür den alternativen Medienpreis erhalten. Derzeit arbeitet er für die Bundeszentrale für politische Bildung und entwickelt unter dem Stichwort „Zivilcourage“ ein neues Projekt für die Stasi-Unterlagenbehörde.

Zur Zeit gibt es laut Kulick ca. 150 rechtsextremistische Bands. Mit sogenannten „Schulhof-CDs“ versuchen die Gruppierungen, Kontakt zu den Jugendlichen zu bekommen. Hier seien neben der Musik selbst auch die Texte sehr wichtig. Je rassistischer oder antisemitischer, je verbotener desto größer sei das Interesse von gefährdeten Jugendlichen. Auch das Internet sei inzwischen eine wichtige Plattform zur Anwerbung junger Leute. Derzeit gebe es ca. 1.800 rechtsextremistische Netze. Auch hier arbeite man mit der Einschüchterung politisch Andersdenkender.

Pressenmeldung Rosenheimer Bündnis gegen Recht e.V.

Quelle: rosenheim24.de

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