Prozess um versuchten Messer-Mord in JVA Traunstein

"Desolat entwickelt": Gutachter fällt vernichtendes Urteil über Angeklagten

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Das Gefängnis in Traunstein an der Rosenheimer Straße (Archivbild).

Traunstein - Zu einer förmlichen Gewaltexplosion soll es im Oktober 2018 in der JVA Traunstein gekommen sein. Wegen versuchten Mordes muss sich seit Dienstagvormittag ein Asylbewerber aus Marokko vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Tatwaffe wurde an Zellen-WC zugespitzt und geschärft
  • Zeuge: "Er hat mit voller Wucht auf ihn eingestochen"
  • Mutmaßlicher Täter elfmal vorbestraft
  • Psychiatrischer Gutachter: "Der Angeklagte passt in das Profil eines gefährlichen Menschen"

UPDATE, 16.30 Uhr - Gutachter: "...solche Straftaten wieder zu begehen"

Die Einschätzung des psychiatrischen Gutachters dürfte beim Gericht sicher nicht für Milde sorgen. Der Gutachter spricht von einer "desolaten persönlichen Entwicklung" beim 22-jährigen Angeklagten aus Marokko, der im Oktober 2018 einen Zellengenossen in der JVA Traunstein mutmaßlich mit einem Messerstich in den Kopf töten wollte.

Der Angeklagte spricht laut dem Sachverständigen nur wenige Worte deutsch, kann nur schlecht lesen und schreiben. Er habe keine Lehre und keine Arbeit. Auch in sein Heimatland habe er keine persönlichen Bindungen mehr. "Da hat man wenig Möglichkeiten im Leben weit zu kommen." Der 22-Jährige ist auch schon Vater eines Kindes in Deutschland, doch zu Ex-Partnerin und Kind besteht ein gerichtlich verhängtes Kontaktverbot.


"Das einzig positive: Er ist noch jung und kann nachreifen", so der psychiatrische Gutachter. Hinweise auf eine schwere psychische Erkrankung gebe es beim Angeklagten - trotz gewisser Selbstverletzungstendenzen - nicht. Er wirke auch nicht mitfühlend oder empathisch. "Der Angeklagte passt in das Profil eines gefährlichen Menschen, der ein hohes Risiko hat, solche Straftaten wieder zu begehen." Der Zellengenosse sei wohl ein Zufallsopfer gewesen.

Trotz seines jetzt sechsjährigen Aufenthalts in Deutschland sei eine Sozialisierung beim Angeklagten "überhaupt nicht passiert", urteilt der Sachverständige. Aggressives Verhalten sei bei ihm "tief eingeschliffen". Dafür sprechen auch elf Vorstrafen in Deutschland, unter anderem wegen Körperverletzung. "Man kann nur die Hoffnung haben, dass er aus Erfahrungen noch lernt."

Der Prozess wird für heute beendet. Fortgesetzt wird am 10. Februar um 9 Uhr mit den Plädoyers und einem Urteil.

UPDATE, 14.55 Uhr - Mutmaßlicher Täter elfmal vorbestraft

Nun geht es ans Vorstrafenregisters des 22-jährigen Marokkaners - und es ist lang: Elf Einträge weist das Bundeszentralregister auf, darunter auch mehrmals Haftstrafen. Verurteilt wurde der Angeklagte bereits unter anderem wegen Bedrohung, Widerstands gegen Vollzugsbeamte, Körperverletzung oder Nachstellung. Auch ein Kontaktverbot zur Ex-Partnerin wurde verhängt.

Die alten Urteile stammen von Gerichten aus Regensburg, Rosenheim oder auch Nürnberg. Seine "aktuelle" Haftstrafe, die er verbüßte, sollte eigentlich noch bis Januar 2021 gehen. Auch heute wird der Angeklagte insgesamt fünf Männern von Justiz und Polizei in den Gerichtssaal gebracht. In der Früh weigerte sich der junge Mann zuerst, seine Zelle zu verlassen.

Auch der Gerichtsmediziner wurde vom Landgericht inzwischen gehört. Bei den Messerstichen spricht er von einer "zweifellos wuchtigen" Ausführung. Eine akute Lebensgefahr habe für den Zellengenossen zwar nicht bestanden, doch der Stich hätte auch anders enden können: "Der Ausgang war dem Zufall geschuldet", so der Gerichtsmediziner.

UPDATE, 12.55 Uhr - Opfer schildert Angriff

Die Narbe am Hinterkopf ist noch immer zu sehen: Der junge, frühere Mithäftling des Angeklagten kommt vor an den Richtertisch und zeigt die verheilte Wunde des mutmaßlichen Messerangriffs im Traunsteiner Gefängnis am 12. Oktober 2018. Er wird nun als Zeuge von dem Angriff berichten.

"Ich habe nur plötzlich einen Schlag oder einen Stich am Kopf gespürt", berichtet der junge Mann. Wie der Angeklagte mit dem Messer ausholte und zustach konnte er nicht sehen, "er kam von hinten". Danach berichtet das Opfer, wie er vom Angeklagten in den Schwitzkasten genommen worden sei.

Nach der Attacke kam der Häftling ins Krankenhaus und wurde genäht, schon nach vier bis fünf Stunden war er wieder zurück in der Zelle der JVA Traunstein. Es war eine drei Zentimeter lange Stichverletzung am Hinterkopf. Der Schädelknochen wurde bis zur Hälfte durchdrungen. Eine Schädelknochenschuppe wurde dabei herausgetrennt. Der Mann leidet noch immer unter Kopfschmerzen und Schlafproblemen.

Die Zeugenaussagen der Mithäftlinge werden vor Gericht nur verlesen. Aber auch sie bestätigen den Messerstich in den Kopf, der wohl völlig aus dem Nichts gekommen sein muss. "Der Angriff war für uns alle völlig überraschend. Wir haben das Messer davor nicht gesehen", so einer Mithäftlinge in einer Aussage - und: "Wenn wir nicht in der Zelle gewesen wären, hätte er ihn umgebracht."

"Er hat mit voller Wucht auf ihn eingestochen und es fing sofort zu bluten an", heißt es in der Zeugenaussage eines zweiten Zellengenossen: "Meiner Meinung nach wollte er ihn umbringen." Auch er bestätigt, dass die Attacke sehr überraschend kam: "Der Angeklagte war davor ganz ruhig."

UPDATE, 11.30 Uhr - Polizist im Zeugenstand

Der Angeklagte, ein 22-jähriger Asylbewerber aus Marokko, schweigt: Weder zum Tatvorwurf noch zu seiner Person will er Angaben machen. Etwas Licht ins Dunkel bringt der psychiatrische Gutachter, der im Vorfeld mit dem Mann gesprochen hat: 2014 reiste der Angeklagte nach Deutschland ein. Eine Ausbildung machte er in Marokko wohl nicht, auch in Deutschland habe er "nichts Spezielles" gearbeitet: "Er ist sozial nicht integriert", so der Gutachter.

Ein Polizist, der nach der Tat in die Traunsteiner JVA eilte, berichtet dem Gericht nun von seinem Einsatz: Im Haftraum 123, eine Viererzelle, habe "richtige Panik" geherrscht, so der Beamte. "Die Mitgefangenen waren komplett eingeschüchtert und verängstigt." Ganz anders dagegen der Angeklagte: Ganz ruhig sei er gewesen, "ganz komisch".

"Die Wunde am Hinterkopf ist schon auseinander geklafft", berichtet der Polizist dem Gericht. Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs präsentiert den Prozessbeteiligten das Messer: Insgesamt 20 Zentimeter lang, die Klinge misst neun Zentimeter. Nun soll der Mithäftling vernommen werden, der den lebensgefährlich Messerstich in den Kopf abbekommen hatte.

Update, 9.50 Uhr: Brotmesser an Zellen-WC zugespitzt und geschärft

Wollte ein 22-jähriger Asylbewerber einen Mithäftling im Traunsteiner Gefängnis ermorden? Darum geht es am Dienstag vor dem Landgericht. Der Prozess wurde eröffnet, der Marokkaner hat neben seinem Anwalt Markus Frank auf der Anklagebank Platz genommen.

Was soll an jenem 12. Oktober 2018 laut Staatsanwaltschaft passiert sein? Der Angeklagte sei in seiner Zelle im Bett gelegen und habe Briefe gelesen, seine Mithäftlinge seien währenddessen auf dem Boden gesessen und hätten Karten gespielt.

Plötzlich packte den Marokkaner wegen der Briefinhalte anscheinend die Wut, er habe die Briefe zerrissen und sei vom Bett gesprungen: "Er nahm daher ein Brotmesser mit einer Klingenlänge von neun Zentimetern in die Hand. Das Messer hatte er zuvor an der Einfassung des Zellen-WCs zugespitzt und geschärft", so Staatsanwalt Markus Andrä.

Ohne Vorwarnung habe der 22-Jährige das Messer von hinten in den Kopf des Mithäftlings gestochen - der Schädelknochen sei bis zur Hälfte durchdrungen worden, so die Staatsanwaltschaft. Durch die Wucht habe sich die Klinge daraufhin um 45 Grad verbogen. "Für den Geschädigten bestand abstrakte Lebensgefahr", verliest Staatsanwalt Andrä die Anklage.

Doch damit nicht genug: Um seinen mutmaßlichen Plan zu vollenden, den Mithäftling zu töten, habe der Marokkaner dann mit der Faust auf dessen Kopf eingeprügelt. Zeugen hätten die beiden dann getrennt, Wachpersonal schritt ein und beendete die Szenerie. Der Angeklagte warf dann laut Anklage noch das Messer aus dem Zellenfenster.

Wie wird sich der 22-Jährige zum Tatvorwurf des versuchten Mordes äußern?

Vorbericht

Angeklagt ist ein 22-jähriger Asylbewerber aus Marokko. Am 12. Oktober 2018 soll er beim Lesen von Briefen im Traunsteiner Gefängnis so in Rage geraten sein, dass er auf einen Mitgefangenen losging. Laut Staatsanwaltschaft rammte er dem Mithäftling ein Messer von hinten unvermittelt in den Kopf, so dass sich die Klinge verbog. Danach habe der 22-Jährige den Mann noch mit Faustschlägen auf den Kopf weiter traktiert.

Angeklagt ist der junge Mann wegen versuchten Mordes und Körperverletzung. Die Verhandlung am Landgericht Traunstein beginnt um 9 Uhr. Ein weiterer Prozesstag ist für den 10. Februar vorgesehen. chiemgau24.de wird aktuell aus dem Gericht berichten.

xe

Quelle: chiemgau24.de

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