"Momo hat eine Chance verdient"

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Stark am Ball, fleißig am Arbeitsplatz, gut in Deutsch: Mohamed "Momo" Kamara hat in kurzer Zeit viel geschafft und geht seinen Weg. Trotzdem soll er abgeschoben werden. Seine Chefs, Kollegen und Trainer sind entsetzt.

Rosenheim/Prien - Asylbewerber kommen, leben auf Kosten des Staates - und bleiben dann für immer: Ein Vorurteil! Denn die Realität ist eine andere, wie der Fall Momo zeigt.

Asylbewerber kommen, richten es sich gemütlich in Deutschland ein, leben auf Kosten des Staates - und bleiben dann für immer: Ein Vorurteil, das man an Stammtischen immer wieder hört. Aber die Realität ist eine andere, wie der Fall Mohamed Kamara (18) zeigt. Der junge Mann aus Sierra Leone ist talentiert, fleißig und motiviert, hat in kurzer Zeit Deutsch gelernt, einen Zweier-Quali geschafft und eine Lehrstelle bekommen. Doch jetzt erhielt er Post: der Abschiebebescheid. "Mo" oder Momo", wie ihn Freunde und Bekannte nennen, muss zurück nach Afrika. Seine Chefs, Trainer, Betreuer und Kollegen sind entsetzt.

"Er hat eine Chance verdient. Ihn jetzt ins Nichts zurück nach Freetown zurückzuschicken, ist unmenschlich und grausam", sagen Arne Katzbichler und Josef Stockbauer.

Freetown ist die Hauptstadt Sierra Leones, wo sich Momo allein - die Eltern sind vermutlich tot - als Straßenkind durchschlug, ehe er 2008 per Schiff nach Europa kam. Katzbichler ist als Geschäftsführer der Bindewerk GmbH & Co. KG in Prien Momos Chef. Seit einem Jahr macht Momo dort eine Ausbildung zum Buchbinder. Stockbauer ist Nachwuchstrainer bei den Fußballern des Sportbund DJK Rosenheim, wo der 18-Jährige in der A-Jugend Tore schießt.

Ob am Arbeitsplatz, auf dem Fußballfeld oder im Betreuten Wohnen in Rosenheim - überall hat sich der junge Afrikaner, der so fließend Deutsch spricht, als wäre hier geboren, Respekt und Anerkennung verschafft. Überall sind sie überzeugt von dem schüchternen Burschen, der in seiner Heimat schlimme Erfahrungen gemacht haben muss. Aber darüber redet Mohamed Kamara nicht gern.

"Ein feiner Kerl, der hier seinen Weg machen wird - wenn er bleiben darf", glauben Arbeitgeber und Fußballtrainer. Aber Momo hat schlechte Karten. Der Asylantrag wurde abgelehnt, der Widerspruch dagegen ebenso. Der Brief erreichte den Lehrling Ende Mai. Sobald ihm die Botschaft von Sierra Leone Papiere ausstellt, muss er ausreisen. Nun quälen den Westafrikaner neue Alpträume und Schlaflosigkeit. Mit den Gesetzen oder der Polizei hat er in Deutschland nie Ärger gehabt. Nun hat er Angst davor, dass die Polizei an der Tür klingelt, ihn zum Flughafen bringt und in die nächste Maschine nach Freetown setzt, "wo ich wieder bei Null anfangen und auf der Straße leben müsste".

Dass Momo mit den psychischen Folgen seiner harten Kindheitserlebnisse alleine klar kommen wollte und professionelle Hilfe ablehnte, wird ihm nun zum Verhängnis. Denn eine Therapie bei einem Psychologen oder Psychiater wäre ein mögliches Abschiebehindernis.

Noch im Februar hätte Momo diesen Strohhalm ergreifen können. Da saß er am Verwaltungsgericht in München dem Richter gegenüber, der über den Widerspruch entschied, und beteuerte erneut, die Traumata selbst bewältigen zu können. "Statt zu jammern und zu klagen, wollte der Momo lieber lernen und arbeiten", sagt Sozialpädagogin Tanja Hrubesch, die ihm beim Betreuten Wohnen der Caritas in Rosenheim zur Seite steht.

Trotzdem wurde Momo noch von einem Psychologen begutachtet. Die Bescheinigung über die Therapiebedürftigkeit hat die Betreuerin jetzt im Ausländeramt der Stadt nachgereicht. "Unsere Ansprechpartner dort haben sich sehr um Momo bemüht", sagt Hrubesch.

Doch auch dieser Vorstoß kommt vermutlich zu spät, weil die Ausländerbehörde in Rosenheim nur das Vollzugsorgan ist. Die entscheidenden Beschlüsse hat in München das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gefasst. Dass Momo in Rosenheim so fleißig und gut integriert ist, spielt für das BAMF bei der Bewertung des Falles kaum eine Rolle. Die Fachleute müssen sich dort an anderen Kriterien und Gesetzen orientieren. Der Bürgerkrieg in Sierra Leone ist zu Ende. Momo hat keine Verwandten in Deutschland. Er wird nicht therapiert. Das sind die Fakten, die gegen die Gewährung von Asyl sprechen.

Ob die geschulten Entscheider die tragische Geschichte glaubten, die ihnen der Bub aus Afrika vor Jahren bei der Anhörung erzählt hatte, steht auf einem anderen Blatt. Der Vater - ein Rebell, der angeblich Geld aus einem Bankraub zur Seite geschafft hatte - sei ermordet worden, berichtet Momo den OVB-Heimatzeitungen, die Mutter vor zehn Jahren ebenfalls erschossen worden. So habe er sich als Straßenkind durchboxen müssen, begleitet von der ständigen Furcht, den Feinden seines Vaters in die Hände zu fallen.

2008 dann die Flucht. Ein Schleuser schaffte Momo auf ein Schiff, versteckte ihn im Lagerraum, setzte ihn nach der Ankunft in einem europäischen Hafen (vermutlich Hamburg) in den Zug und erzählte dem Buben, wenn er an der Endstation aussteige, sei er in Amerika. Doch Momo landete nicht in New York, sondern in München, kam später nach Bad Aibling, wo er an der Hauptschule den Quali packte, und im August 2010 nach Rosenheim, wo er jeden Morgen den Zug um 6.41 Uhr nach Prien nimmt, um pünktlich in der Arbeit zu sein.

Dass Asylsuchende mitten in der Ausbildung heimgeschickt werden, kommt selten vor. Ob das BAMF gerade jetzt, da viele neue Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien kommen, offene Verfahren wie das von Momo mit Nachdruck zu Ende bringt - darüber kann man nur spekulieren. "Wir müssen alles dafür tun, dass Momo doch bleiben darf", hat Arne Katzbichler, sein Arbeitgeber, die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Einer der letzten Rettungsanker ist die Härtefallkommission.

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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