Stalkte ein Rentner eine alte Dame?

Symptome des mutmaßlichen Opfers "nicht mehr spaßig"

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Mühldorf - Hat ein Rentner eine alte Dame gestalkt? Am Montag wurden mehrere Zeugen verhört - am Amtsgericht liegen die Nerven blank. Nun sprach der Arzt des mutmaßlichen Opfers:

UPDATE 17.05 Uhr:

Der Hausarzt des mutmaßlichen Opfers schildert dem Gericht als zweiter und letzter Zeuge des Nachmittags, wie sehr die alte Dame derzeit psychisch belastet ist. Jetzt, wo ihre Aussage vor Gericht näher rückte, hatte die Frau ihrem Arzt zufolge typische Symptome wie eine innere Unruhe, Zittrigkeit und Herzklopfen "bis zum Hals". Diese und weitere Symptome waren dem Mediziner bereits aus dem letzten Jahr bekannt. Damals sollen sich die dem Angeklagten vorgeworfenen Taten ereignet haben.

Nach Ausschluss anderer Ursachen kommt der Experte zu dem Urteil, dass die Beschwerden der alten Dame psychosomatischer Natur sein müssen. Die Beeinträchtigungen nennt der Arzt "teilweise schwer", vor allem der starke Gewichtsverlust der Frau macht ihm Sorgen. "Das ist echt gravierend, das ist nicht mehr spaßig."

Die Dame ist bereits seit vielen Jahren routinemäßig bei den Arzt in Behandlung. So wie seit 2014 kannte sie der Mediziner früher nicht. Den einstigen Zustand seiner Patientin beschreibt der Arzt als "ruhig" und "gefasst". "Sie war recht unkompliziert und stabil und nie klagsam."

Von den Stalking-Vorwürfen wusste der Mediziner. Seine Patientin habe ihm gegenüber gesagt, dass jemand jeden Abend zu ihrer Wohnung hochschaue. Der Arzt riet ihr, das einfach zu ignorieren - vergeblich. "Das hat sich verselbstständigt. Wenn ein Feuer am Glimmen ist, wird das nicht so leicht gelöscht", sagt der Mediziner vor Gericht.

Ob die Frau im Prozess wird aussagen können, vermochte ihr Arzt nicht zu prognostizieren. Als ihn Richter Greifenstein darauf hinweist, dass das mutmaßliche Opfer am 14. September aussagen solle, erklärt der Mediziner: "Ok, dann weden wir darauf hinarbeiten."

Die Verhandlung ist nun erneut unterbrochen und wird am 24. August fortgesetzt. Dabei handelt es sich aber lediglich um einen sogenannten Schiebetermin, damit der Prozess innerhalb der gesetzlichen Frist bleibt. Erst am Montag, 14. September, am vierten Verhandlungstag also, werden wieder Zeugen vernommen. Ob das mutmaßliche Opfer wird aussagen können, ist ungewiss.

UPDATE 15.18 Uhr:

Die Stimmung im Gerichtssaal ist an diesem Nachmittag sehr aufgeheizt. Die Ehefrau des Angeklagten schildert als Zeugin sichtlich und hörbar erregt, wie sehr die Streitigkeiten mit dem mutmaßlichen Opfer sie und ihren Mann belasten würden. "Wir müssen damit rechnen: Wenn sie uns sieht, zeigt sie uns an", so die Zeugin. Sie und ihr Mann gingen nicht mehr in die Kirche, machten alle Erledigungen außerhalb der Stadt, um dem mutmaßlichen Opfer aus dem Weg zu gehen. "Das ist kein Zustand."

Die Rentnerin ist davon überzeugt, dass die Vorwürfe gegen ihren Mann nicht korrekt sind. Auch auf mehrfaches Nachfragen des Richters bleibt die Zeugin bei ihrer Aussage, dass ihr Mann abends nicht weggehe, weder ins Wirtshaus noch sonst irgendwohin. Abends soll der Angeklagte aber der alten Dame nachgestellt haben, sogar unabhängige Zeugen wollen sein Auto in der Straße, in der das mutmaßliche Opfer wohnt, hin- und herfahren gesehen haben. Dabei soll der Angeklagte von den Zeugen sogar angesprochen worden sein. "Ob das überhaupt stimmt?", meinte die Ehefrau des Angeklagten dazu. Sie glaube nicht mehr alles.

Nebenklagevertreter Klaus Salzberger hakt bei der Zeugin entschieden nach, konzentriert sich dabei vor allem auf eine schriftliche Aussage, die offensichtlich eine falsche Angabe enthält. So soll das mutmaßliche Stalking-Opfer gegenüber der Zeugin über die Probleme ihres Ehemanns geklagt haben - bloß war dieser da schon seit Jahren tot. "Das ist unerhört", so Salzberger. Die Zeugin schiebt diese falsche Angabe auf ein Missverständnis. Das mutmaßliche Stalking-Opfer hat der Zeugin zufolge in der Vergangenheitsform von ihrem Mann gesprochen.

"Die Zeugin hat hier eine schriftliche Aussage gemacht, die definitiv falsch ist", kritisiert hingegen Salzberger. Mehrfach wird der Nebenklagevertreter laut, schreit die Zeugin, die ihrerseits lauter und lauter spricht, fast an. Kurz springt gar der Angeklagte auf, schreit den Rechtsanwalt an. Bald darauf schließt Salzberger mit den Worten: "Ich hab dann keine Fragen mehr. Danke, das reicht mir."

Auch auf den Zuschauerplätzen sind die Gemüter erhitzt. Ein Zuhörer stößt gar kleinere Beleidigungen in Richtung der Ehefrau des Angeklagten aus, als die gerade ihre Aussage macht - allerdings so leise, dass ihn der Richter nicht hört, oder wenigstens noch überhören kann. Als die Verhandlung schließlich bis zum nächsten Zeugen unterbrochen wird, sucht der Zuhörer gar das (lautstarke) Zwiegespräch mit dem Angeklagten, was aber schnell unterbunden wird.

Zu einer Aussage des mutmaßlichen Opfers kommt es heute nicht mehr. Nebenklagevertreter Salzberger übergibt Richter Florian Greifenstein ein Attest, wonach seine Mandantin derzeit nicht aussagen könne. "Die ist total fertig mit den Nerven", so Salzberger. Mit Blick auf dem weiteren Prozess erklärt der Rechtsanwalt aber, dass der Arzt zuversichtlich sei, dass es wieder besser werde.

Weitere Zeugen haben heute keine Zeit. Später am Nachmittag wird deshalb nur noch der Arzt des mutmaßlichen Opfers gehört.

Vorbericht:

Am Mühldorfer Amtsgericht befasst sich Richter Florian Greifenstein am Montagnachmittag ein weiteres Mal mit einem Fall mutmaßlicher Nachstellung. Ein Rentner aus Mühldorf soll eine alte Frau gestalkt haben, indem er von der Straße aus ihre Wohnung beobachtete beziehungsweise mit dem Fernlicht seines Autos durchs Fenster leuchtete, und indem er die Frau auf einem Radweg mit dem Auto überholte.

Juristisch könnten diese drei konkreten Tatvorwürfe knifflig werden, Richter Greifenstein nannte Nachstellung, wie Stalking im Gesetz heißt, einen "umstrittenen Straftatbestand". Es wimmele an unbestimmten Rechtsbegriffen, so der Richter am ersten Verhandlungstag. Vor Gericht muss also geklärt werden, was der Angeklagte getan hat - und ob es sich dabei tatsächlich um Nachstellung handelt. Der Rentner selbst schweigt bislang zur Sache.

Nachbarn und mutmaßliches Opfer sagen aus

Klar scheint bislang, dass der Konflikt zwischen Angeklagtem und mutmaßlichem Opfer schon Jahre andauert und beide Seiten sehr belastet. Mehrfach hat die Frau den Rentner in den letzten Jahren angezeigt, einmal wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Angeklagte reagierte seinerseits mit Anzeigen wegen falscher Verdächtigung gegen die Dame und deren Sohn. Die Ermittlungen wurden eingestellt. Verteidiger Manfred Kösterke erklärte am ersten Verhandlungstag, dass sein Mandant und dessen Ehefrau wegziehen werden. Nebenklagevertreter Klaus Salzberger wiederum sagte, durch die Geschehnisse sei für seine Mandantin "eine Welt zusammengebrochen".

Am zweiten Verhandlungstag sollen mehrere Nachbarn sowie das mutmaßliche Opfer als Zeugen gehört werden. Auch das Urteil könnte bereits am Montag fallen. Vergangene Woche hat das Gericht sich aber vorsorglich mit den Prozessparteien bereits auf einen Termin für einen dritten Verhandlungstag geeinigt.

Innsalzach24.de ist vor Ort und berichtet aktuell vom Prozess.

Quelle: innsalzach24.de

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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