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Im Vordergrund links der blaue Trichter für die Holzhackschnitzel und im Hintergrund der wärmegedämmte Holzvergaser. Im rechten Bild ist Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Götz Brühl hinter dem grünen Stromgenerator und dem grauen Gasmotor zu sehen.

Rosenheim - Die Stadtwerke Rosenheim forschen. Es soll mehr Energie aus aus Hackschnitzeln gewonnen werden. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen:

Als das Mineralöl wieder Einzug hielt und gegenüber anderen Energiequellen immer billiger wurde, kam die Forschung zur Holzvergasung zum Erliegen - auch wegen der hohen Holzpreise.

Was seit damals wieder aus der Mode kam, ist seit fünf Jahren ein neues Betätigungs- und Forschungsfeld der Stadtwerke Rosenheim (SWRO). Dr. Götz Brühl, seit 2002 Geschäftsführer des Rosenheimer Energie- und Versorgungsmultis, ist die treibende Kraft dahinter. Aktueller Stand der Dinge ist, dass die selbstgebaute Anlage kurz vor Weihnachten einen zweiwöchigen Testlauf störungsfrei absolvierte.

Kernstück ist ein in den Werken konstruierter und gefertigter Holzvergaser, Nachfolger einiger kleinerer Vorläufermodelle, die seit den Anfängen im Februar 2007 in der Werkstatt entstanden sind, um Erfahrung zu sammeln. Anfangs wurden die Holzvergaser mit Pellets betrieben. Um auch weitere Energiequellen zu nutzen, wurde das Brennmaterial aus den Holzpressteilchen mit einem bis zu 15-prozentigen Anteil von getrocknetem Klärschlamm aus dem Klärwerk "gestreckt". "Dazu haben wir den Klärschlamm durch einen Fleischwolf gedreht, so dass pelletsähnliche Würstl herauskamen", erzählt Brühl.

Da aber die Herstellung von Pellets recht energieaufwändig ist, wurde auf Holzhackschnitzel umgestellt. "Um eine reibungslose automatische Zuführung zu gewährleisten, mussten wir experimentieren, bis wir den Durchmessser gefunden hatten, in dem sich die Holzstücke nicht mehr in der Zuführspindel verkeilten", berichtet der SWRO-Geschäftsführer.

Die Holzvergasung ist technisch aufwändiger als die Holzverbrennung. Bei der vergasung wird zwar 20 Prozent weniger Wärme, aber 50 Prozent mehr Strom erzeugt. Grafik : re

In einer dreigeteilten Brennkammer beginnt das Verschwelen und dann im Vergaser die Erzeugung des Holzgases mit gesteuerter Luftzufuhr. Das Gas wird gekühlt und in einen Nachbarraum geleitet, wo es einen alten Scania-Stationärmotor, der eigentlich auf Benzinbetrieb ausgelegt war, zum Laufen bringt. Der Motor treibt einen Generator an, der 50 Kilowatt Strom produziert. Brühl: "Damit können wir 130 Haushalte mit Strom und ein Drittel davon - rund 45 - über die Abwärme mit Wärme versorgen."

Ein weiterer Raum ist vollgestopft mit Messgeräten. "Messen ist wichtig - zum Beispiel wegen der Zusammensetzung des Holzgases für die Klopffestigkeit. - schließlich muss der Motor das vertragen," so der promovierte Energietechnik-Ingenieur.

Nicht mit Holzgas laufen die riesigen Gasmotoren, welche die Stadtwerke angeschafft haben (wir berichteten) - der größte wird diesen Monat von General Electric aus Jenbach in Tirol geliefert. Sie dürfen nur mit Erdgas betrieben werden.

Brühl setzt auf vielfältige Energiequellen - und bei der Holzvergasung kommen unbehandelte Holzabfälle zum Einsatz, die preiswert und in Mengen vorhanden sind. Der Stadtwerkechef zeigt dazu Grundsätzliches zur umweltfreundlichen Energiegewinnung auf: "Maßstab bei den regenerativen Energien ist: Wieviel Geld kostet es, um ein Kilogramm Kohlendioxid einzusparen?"

Geothermie funktioniere im Rosenheimer Becken nicht: "Wir haben hier erst bei 4000 Meter Tiefe Wasser mit 85 Grad, München dagegen 140 Grad." Windenergie gebe es hier auch zu wenig - außer auf den Berggipfeln. Photovoltaik sei zu teuer. Wasserkraft ist laut Brühl weitgehend erschlossen; eine Möglichkeit zur Nutzungsoptimierung wäre allenfalls ein Pumpspeicher-Kraftwerk.

Zu wenig genutzt werde die Abwärme für die Energieerzeugung: "Mit der Abwärme aller deutschen Kraftwerke könnte ganz Deutschland beheizt werden." Deshalb setzen die Stadtwerke Rosenheim auf Kraft-Wärme-Kopplung, denn: "Die in den Haushalten verbrauchte Energie besteht zu 87 Prozent aus Wärme und nur zu 13 Prozent aus Strom."

Aus Biomasse und Reststoffen wurde 1990 etwa soviel Energie erzeugt wie aus Wind- und Wasserkraft. 2009 habe sich der Energiegewinn aus Biomasse, Reststoffen, Müll, Biodiesel und Klärgas gegenüber Wind- und Wasserkraft verfünffacht, so Brühl. Mit dem Müllheizkraftwerk wird in den Stadtwerken Heißwasser für die Fernwärme erzeugt, das Netz aus isolierten Rohren mit wird ständig ausgebaut. Im Vorlauf ist das Wasser zwischen 110 und 135 Grad heiß bei einem Druck von 10 bar, im Rücklauf 65 Grad bei 4 bar. Gespeichert wird es in vier riesigen Isoliertürmen mit je 250000 Liter Inhalt.

Jedes Jahr fallen im Wertstoffhof an der Innlände zwischen 10000 und 15000 Tonnen Altholz an. Holzverwertung zur Energiegewinnung sei über Verbrennung oder Vergasung möglich. Die Ausbeute bei Vergasung ist technisch komplizierter, aber effektiver: Bei der Verbrennung entstehe aus 100 Prozent Holz 58 Prozent Wärme und über eine Dampfturbine 15 Prozent Strom bei 27 Prozent Verlust; bei der Vergasung zu 47 Prozent Wärme und über den Gasmotor 30 Prozent Strom bei 23Prozent Verlust, so Brühl.

Für die Holzvergasungsabteilung der Stadtwerke zeigt Brühl eine Zeittafel. Derzeit liege man einen Monat voraus. Die nächsten Ziele sind - mit einem entsprechenden Motor - 2012 an die 150 Kilowatt und 2015 rund 500 Kilowatt Strom aus Holzvergasung zu erzeugen - Strom für 1300 und Wärme für 450 Haushalte.

hh/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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