Alles ganz anders beim "Drama von Rosenheim"?

Nachbarin: Darum war Nadine wirklich eingesperrt

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Rosenheim - Neue Aussagen einer direkten Nachbarin werfen ein ganz anderes Licht auf das Familiendrama, das am Dienstag für deutschlandweite Schlagzeilen sorgte. 

In diesem Artikel lesen Sie: 

  • Nachbarin Alena E. lebte bislang Wand an Wand mit der betroffenen Familie.
  • Sie sagt: "Ich weiß genau, dass Nadine nicht jahrelang eingesperrt war!"
  • Eine vergebliche Wohnungssuche 2015 sei der Knackpunkt für die Mutter gewesen. 
  • Ihre Schilderungen geben einen ganz neuen Blickwinkel auf das ganze Drama.

Nachbarin: Ruf von Angelika E. durch Medienberichte geschädigt

Mutter außer Lebensgefahr

Wie Radio Charivari erfahren hat, wird die 54-Jährige den Suizid-Versuch überleben. Eine Vernehmung sei wohl in der nächsten Woche möglich.

Alena E. wohnte bis gestern direkt neben Angelika E. (54), der Frau, über die nun ganz Deutschland spricht. Laut Polizei soll ihre Wohnung völlig verwahrloste gewesen sein, ihre geistig behinderte Tochter Nadine (26) sei in einem Zimmer eingesperrt gewesen - "wohl über längere Zeit". Die Polizei befreite sie am Dienstagvormittag.

Nun wandte sich die Nachbarin, die Wand an Wand zu der Familie lebte, mit einer "Richtigstellung" an unsere Redaktion. Sie sagt, der Ruf von Angelika E. wurde durch die Medienberichte geschädigt. 

Jugendamt nun eingeschaltet

Auf Anfrage von rosenheim24.de teilte Stadt-Pressesprecher Christian Schwalm mit, dass nun das Jugendamt eingeschaltet wurde. Für die 26-jährige Nadine werde außerdem das Betreuungsgericht einen neuen Betreuer bestellen. Bis zum Vorfall sei die Familie nicht unter behördlicher Beobachtung gewesen.

Es liegen Welten zwischen der Wahrnehmung der Frau in den vergangenen Jahren - und dem Zustand, in dem die Polizisten am Dienstag ihre Wohnung auffanden. "Ich habe ja schon vieles gesehen, aber so etwas selten bis nie", äußerte sich etwa auch ein Polizist gegenüber der tz. Polizeisprecher Stefan Sonntag sprach gegenüber rosenheim24.de von einem "tragischen und sehr traurigen" Einsatz. Was sich aber genau in dieser Wohnung abspielte und wie es dazu kommen konnte, werde erst noch zu ergründen sein. Vieles deutet darauf hin, dass es ein längerer Entwicklungsprozess war, der zu diesem verheerenden Zustand einer Messie-Wohnung führte und die Mutter sogar zu einem Suizid-Versuch trieb. 

Deshalb wollen wir an dieser Stelle die direkte Nachbarin zu Wort kommen lassen, die einen ganz anderen Blickwinkel auf die Situation im Haus hat. Es ergibt sich daraus wohl ein ganzheitlicheres Bild der familiären Entwicklungen - und es lässt sich erahnen, warum Oberstaatsanwalt Jürgen Branz mittlerweile anzweifelt, ob wirklich eine Straftat wie etwa Freiheitsentzug vorliegt

Die Aussagen der direkten Nachbarin Alena E.

So lernte sie Frau E. kennen:

"Ich bin im Jahr 1999 in dieses Haus in der Oskar-Maria-Graf-Straße eingezogen. Frau E. war damals sehr freundlich, nett und unterhaltsam. Ich habe sie als eine intelligente und sehr starke Frau geschätzt. Wir haben miteinander sehr ehrlich gesprochen."

Frau E. als liebevolle Mutter:

"Frau E. hat über ihre behinderte Tochter immer mit viel Liebe geredet und diese Liebe auch gelebt. Sie hat mit dem Kind viel unternommen, es war immer hübsch angezogen und gepflegt. Als sie zur Arbeit ging, hatte sich ihre Mutter um ihre Enkelin gekümmert. Nach der Geburt des Sohnes, hat Frau E. aufgehört zu arbeiten und war voll für ihre Kinder da. Sie war sehr glücklich und hatte sich bemüht, dass es den Kindern an nichts mangelt." 

Geistige Behinderung von Nadine wurde schlimmer:

"Nur wurde es mit der Zeit mit der Tochter immer schwieriger. Durch ihren Autismus konnte sie keine sozialen Kontakte entwickeln, am liebsten war sie ganz alleine und in gewohnter Umgebung. Auch wurde sie plötzlich immer wieder aggressiv."

Darum sei Nadine ab und an eingesperrt worden:

"Für die Schulzeit hatte Nadine von der Caritas eine Begleitung bekommen. Das war wegen ihrer Aggressivität nötig. Danach war sie meistens nur zu Hause, aber nie nur in einem Zimmer eingesperrt. Frau E. musste sie aber immer kurz einsperren, wenn sie zum Beispiel zum Einkaufen ging. Seitdem Nadine mal die Badewanne hat überlaufen lassen, so dass Wasser durch das ganze Treppenhaus floss, hat sie das gemacht. Es war gefährlich Nadine ohne Aufsicht allein zu lassen."

Nadine sei aber nicht jahrelang eingesperrt gewesen:

"Dass Nadine nicht in einem Zimmer jahrelang eingesperrt worden ist, weiß ich ganz genau. Ich habe immer durch die dünne und hellhörige Wand gehört, wann das Mädchen in ihr Zimmer zum Schlafen kam. Vorher stand ihm die ganze Wohnung zu Verfügung. Die Frau E. hat erzählt, dass ihre Tochter gerne mit ihr auf dem Sofa schmust, aber dass Nadine auch sehr aggressiv werden kann. Das habe ich an ihren verkratzten Armen gesehen. Trotzdem behaupte ich, dass sie ihre Tochter sehr geliebt hat. Genauso wie den Sohn, der ein sehr intelligenter, netter und sportlicher Junge ist."

Die Suche nach einer neuen Wohnung als möglicher Knackpunkt:

"Frau E. hatte sich schon mehreren Jahren bemüht eine geeignete Wohnung für ihre Familie zu finden, scheinbar vergeblich. Der letzte Versuch hat offensichtlich ihre letzte Kraft gekostet, sie hatte nämlich in den ganzen Jahren keinen einzigen Urlaubstag gehabt. Sie sollten im September 2015 eigentlich in eine neue Wohnung ziehen, wo beide Kinder ihre eigenen Zimmern hätten haben sollen. Sie hatte schon mit den Vorbereitungen für den Umzug angefangen. Dann wurden diese plötzlich unterbrochen."

Plötzlicher Rückzug aus der Öffentlichkeit 2015:

"Frau E. hat sich danach total von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seitdem konnte ich mit ihr nicht mehr sprechen. Sie muss verzweifelt gewesen sein, dass auch diese Chance nicht in Erfüllung gegangen ist."

Ihre These zur Auffindesituation am Dienstag:

"Dass ihre Tochter zu der Zeit, als der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, in ihrem Zimmer eingeschlossen war, ist für mich leicht erklärlich: Sie wollte einfach nicht, dass Nadine Zeugin ihrer verzweifelten Tat wird."

Am Dienstag gaben uns zwei weitere Nachbarn ein Video-Interview: 

Das sagte Polizeisprecher Sonntag: 

Die Spurensicherung am Wohnhaus in Rosenheim

Bilder vom Drama in der Oskar-Maria-Graf-Straße in Rosenheim

Quelle: rosenheim24.de

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