Besetzungscouch? In Behörden beim Chef "antanzen"

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Erst Blumen und Komplimente sowie anzügliche SMS, dann die Aufforderung, für eine Beförderung die Hüllen fallen zu lassen? Ein Vorwurf, der nicht vereinheitlichen soll!
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Mitarbeiterinnen eines öffentlichen Amtes erheben Vorwürfe gegen ihren Chef. Sie hätten sich sexuelle Handlungen ihres Vorgesetzten gefallen lassen, um im Job nach oben zu kommen.

Katharina S. kann wieder lächeln. Die erfahrene Statikerin erlebte bis vor einigen Monaten einen Kampf mit sich selbst. "Ich habe eine Stelle in einer Behörde angenommen, wurde vom Amtsleiter zunächst mit Komplimenten und Blumen überhäuft, freute mich über die Chance, Karriere zu machen und scheiterte dann an meiner seelischen Verwundbarkeit", erklärt Katharina S im Gespräch mit wasserburg24.de.

Ja zum "Lieb sein" wegen wichtigem Karrieresprung

Sie habe die Herausforderung angenommen, eine männertypische Stelle in dem Amt in Oberbayern anzunehmen, wurde zunehmend vom Chef zu Einzelgesprächen in dessen Büro zitiert. "Nach Feierabend versteht sich", fügt Katharina hinzu. Allein der Gedanke daran, dass sie sich darauf eingelassen habe, dass ihr Vorgesetzter sie an den intimsten Stellen berührte und es einige Wochen immer mal wieder zu solchen Situationen kam, mache sie traurig. "Ich schäme mich, fühle mich aber auch total verletzt", so die Statikerin, die nach eigener Aussage zunächst definitiv aufgrund ihres Wissens und ihrer Referenzen eingestellt worden war.

"Als ich jedoch nicht mehr zugelassen habe, dass mein damaliger Chef anfasst, und ich mich dem Personalchef anvertraut habe, ging mein Leidensweg erst richtig los", so die mittlerweile 42-Jährige gegenüber wasserburg24.de.

Aussage gegen Aussage trotz SMS-Beweis?

Sie habe gekündigt, einem Abschluss- und Übergabegespräch mit dem Vorgesetzten sowie dem Personalleiter jedoch zugestimmt. Hier habe der Chef lediglich gesagt, er wüsste von keinen Vorfällen, er hätte sich bereits juristischen Rat geholt und wäre nur zu einem Vier-Augen-Gespräch bereit, nicht aber zu einem Gespräch im Kollegenkreis. Auf den Vorwurf samt vorgelegter SMS, die nachweislich von seinem Mobiltelefon stammten, sei der Amtsleiter nicht eingegangen, er bat immer wieder um ein Gespräch zu Zweit.

"Darauf wollte ich jedoch nicht eingehen, ich bin aufgestanden und gegangen. Erst ein Gedankenprotokoll und die Hilfe eines Psychologen konnten mir die Bilder etwas nehmen, die ich stets vor mir sah", so Katharina S. weiter. Sie habe sich nicht "Nein" sagen trauen, weil sie Angst hatte, den Job zu verlieren. "Auf solche Positionen warten viele, ich dachte, das stehst du schon durch, aber meine Seele hat sich nicht davon erholen können", so die 42-Jährige. Sie fühle nach wie vor Ekel, wenn sie daran denke. "Bei der Polizei hieß es, die Beweise der sexuellen Belästigung seien nur bedingt gegeben. Ich hätte mich wehren müssen und auf die beweisbar anzüglichen SMS eindeutig ablehnend und nicht nur ausweichend reagieren müssen", berichtet Katharina S. Außerdem sei ihr gesagt worden, dass nach drei Monaten solch ein Tatbestand nur noch sehr schwer nachzuermitteln sei, man könnte die Vorfälle fast schon als "verjährt" ansehen.  

Besetzungscouch üblich?

"Das Schlimme ist, dass ich kein Einzelfall in dieser Behörde bin und einige Kolleginnen sich auf solche Situationen ebenfalls eingelassen haben, dadurch Positionen sichern konnten und mir deutlich gemacht haben, niemals gegen den Vorgesetzten aussagen zu wollen", zeigt sich die 42-Jährige sehr traurig. Sie sei mittlerweile wieder stabil genug, um einen normalen Alltag zu leben und um zu arbeiten. "Ich habe mich selbständig gemacht, betreue Kunden und habe keinen Chef mehr, dem ich mich unterwerfen könnte. Der Fall der Besetzungscouch ist für mich sehr einschneidend und traumatisierend gewesen, doch ich schließe langsam damit ab", erzählt Katharina S..

Auf Nachfrage in der Personalabteilung, bei der zuständigen Staatsanwaltschaft sowie bei zwei der scheinbar ebenfalls betroffenen Kolleginnen wurden uns keine Antworten gegeben. Man verwies auf die Schweigepflicht, konnte sich an nichts erinnern und sei zeitlich mit anderen Dingen beschäftigt.

Der Psychologe, der Katharina S. betreut, erklärte auf Nachfrage, dass dies kein Einzelfall sei, es in Behörden nicht viele, aber dennoch "schwarze Schafe" gebe. "Für mich steht fest, Katharina hat sich dies nicht ausgedacht, sondern wurde tatsächlich damit konfrontiert, dass Liebesdienste zur Beförderung verhelfen könnten. Das Schlimme daran war, dass sie nicht stark genug war, ihre fachliche Kompetenz zu begreifen", so der Psychologe aus München, der trotz mehrfacher Bitte der Redaktion seinen Namen nicht im Artikel sehen möchte. Es sei bei fachlich äußerst gut ausgebildeten Menschen jedoch oft so, dass sie sich teils falsch unterordnen, oftmals sogar unterwerfen und nicht glauben, dass ihnen eine höhere Position durch den eigenen beruflichen Werdegang und Lebenslauf zustehe, nicht deshalb, weil sie sich vom Vorgesetzten anfassen lassen, so der Psychologe.

Quelle: rosenheim24.de

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