Dankbar für das "Outing" von Rudi Assauer

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Engagieren sich für Demenzkranke in den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein (v. l.): 2. Vorsitzende und Seniorenbeauftragte des Landkreises Traunstein, Monika Samar, Fritz Hanke und Vorsitzende Roswitha Moderegger.

Landkreis - Rund 5500 Demenzkranke leben im Berchtesgadener Land und im Landkreis Traunstein. Roswitha Moderegger und die Alzheimer Gesellschaft bieten Hilfe und Rat:

Das Vergessen kommt schleichend. Die Orientierung lässt nach. Schließlich erkennt der Betroffene den eigenen Partner irgendwann nicht mehr. Roswitha Moderegger, Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Berchtesgadener Land und Traunstein, sagt: „Dass Rudi Assauer sich zu seiner Krankheit öffentlich bekannt hat, war gut.“ Das Outen sei keine einfache Sache – und trotzdem notwendig.

Aufklärung notwendig

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Seit die Öffentlichkeit wieder einen prominenten Alzheimer-Fall hat, stehen bei Moderegger die Telefone nicht mehr still. Dabei sei es ja das Wichtigste, allgemein aufzuklären, die Krankheit bekannt zu machen. Denn noch immer weiß kaum jemand darüber Bescheid.

Roswitha Moderegger war zwölf Jahre alt, als ihre Großmutter begann, Merkwürdiges zu tun. „Sie spielte immer mit einer Puppe und konnte sich nicht mehr richtig anziehen.“ Diese Zeit habe sie sehr geprägt, erzählt sie. „Und ich habe mich dafür geschämt.“ Ein beschreibendes Krankheitsbild dafür gab es damals noch nicht. Moderegger hat das Thema aber nicht mehr losgelassen. Sie ist in die Selbsthilfe gegangen, wurde dort aktiv.

Die Zahl der Demenzkranken steigt

Heute ist Moderegger in der Aufklärung über die Krankheit stark engagiert, hält Vorträge, schult Mitarbeiter. Auch beruflich war der Weg klar: Von der Kinderpflege ist sie in die Altenpflege, heute arbeitet sie in der Insula im beschützten Bereich. 21 Schwerstdemente sind dort untergebracht. „Läufer“ nennt sie Moderegger. Stünden die Türen offen, würden die Patienten immerzu weglaufen.

1,2 Millionen Demenzkranke gibt es in Deutschland - Tendenz steigend. Laut aktuellem Demenz-Report über 2000 Betroffene im Berchtesgadener Land, etwa 3500 im Landkreis Traunstein. Die Entwicklung kennt nur eine Richtung: nach oben.

Im Alter wächst die Zahl der Demenzpatienten deutlich: 60 Prozent der Bewohner in Alten-Einrichtungen sind demenzkrank.

Roswitha Moderegger sagt, dass es bis zum Jahr 2030 etwa zwei Millionen Demente sein sollen. Zwei Millionen Menschen, bei denen sukzessive die Hirnfunktionen nachlassen. Bei denen der Alltag langsam verschwimmt, die Vergangenheit verschwindet. Wenn sich die Prognosen wirklich bewahrheiten, müsse man sich überlegen, so Moderegger, wie man gesellschaftlich weiterverfahre. Denn Demente brauchen Hilfe, im Verlauf der Krankheit wächst der Bedarf deutlich.

Der erkrankte Mensch verändert sich

„Für Angehörige kann das ein anstrengender Prozess sein“, sagt sie. Der Mensch, den man vorher noch kannte, verändert sich. Ein erstes Symptom, das der Betroffene selbst spürt, sei häufig die fehlende Orientierungslosigkeit. „Die eigene Toilette im Haus nicht mehr zu finden, ist ein Anzeichen“, weiß Moderegger. Das Problem: Viele Menschen wollen sich erste Krankheitszeichen nicht eingestehen, der Prozess ist schleichend. Viele reagierten mit aggressivem Verhalten. „Denn sie merken, dass sie ihr Gedächtnis im Stich lässt.“

Derweil wäre es so wichtig, frühzeitig die Beratung aufzusuchen, die Diagnose abzuklären. „Im ländlichen Bereich sei der Umgang mit der Krankheit schwieriger als in der Stadt. Dort herrscht weitest gehende Anonymität. Je älter, desto dementer Denn Fakt ist: Die Gesellschaft wird zunehmend älter. Die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, wächst.

Krankheit beginnt lange bevor die Symptome auftauchen

Die Krankheit beginnt etwa 15 bis 20 Jahre, bevor die ersten Symptome auftauchen. Ist Demenz diagnostiziert, meist zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr, ist die Krankheit bereits unheilbar. Abgestorbene Nervenzellen bleiben unwiederbringlich verloren, das Gehirn schrumpft.

Wirksame Medikamente gebe es keine. „Man kann nur die Symptome behandeln“, weiß Moderegger. Angehörige kämen mit der Situation häufig nur schlecht zurecht: „Am Anfang ist noch das meiste weitestgehend normal, später wird der Patient immer vergesslicher, möchte das Gleiche immerzu.“ Die Folge: Einem Außenstehenden platzt der Kragen. „Wichtig ist, das Verhalten interpretieren zu können“, sagt Moderegger. Denn kein Wort aus dem Mund eines Demenzkranken sei unnütz. Jede unnötige Aufregung, jede plötzliche Stresssituation aber sei schlecht für die Krankheitsentwicklung.

Deutliche Veränderung: Ein gesundes Gehirn (l.) im Vergleich mit einem an Masse verlorenen Gehirn eines Demenzkranken.

„Eine liebevolle Begleitung ist bei Demenzpatienten unglaublich wichtig“, sagt die Vorsitzende. Geschichten aus den vielen Jahren ihrer Beratungstätigkeit kennt Roswitha Moderegger viele. Sie verdeutlichen die Hilflosigkeit der Betroffenen in besonderem Maße: Moderegger betreute eine ältere, demente Dame über Jahre. Zusammen wohnte sie noch mit ihrem Mann zusammen. Die Frau versuchte sich noch im Haushalt. Immer, wenn Moderegger nach einem Kaffee bat, setzte ihr die Dame einen Tee auf. „Sie hatte es schlichtweg vergessen.“ Nach mehrmaligen Besuchen fand sich die Kaffeemaschine nicht mehr an ihrem angestammten Platz. Die Demenzkranke hatte sie im Badschrank versteckt. „Sie hatte eine Verbindung zu mir hergestellt und wollte so die Situation, das Kaffeekochen, umgehen.“

Die Ehefrau kann zur Unbekannten werden

Zahnbürste oder Kamm? Roswitha Moderegger sagt, dass vor allem die Personenorientierung und die Orientierung hin zu einer Situation am längsten erhalten bleiben. Ein Patient weiß also selbst dann, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist, wer er ist, wie er heißt. Anders ist es mit dem Partner. Da kann die Ehefrau plötzlich zur Unbekannten werden. Zehn bis zwölf Jahre dauert der Verlauf von Demenz.

Gegenstände verlieren ihre Bedeutung

Der Mensch verliert seine Fähigkeiten und Handlungen, verkennt Situationen, begegnet Wahrnehmungsstörungen. Ein Ziffernblatt mit Zahlen zu versehen, sei dann nicht mehr möglich. Die Zahlen würden überall verteilt werden – nur nicht an der richtigen Stelle. Sommer oder Winter? Auch auf diese Frage wissen Patienten keine oder nur noch mit Mühe Antwort.

Bei Rudi Assauer ist es ebenfalls schon so weit, wie kürzlich in einer ZDF-Reportage gezeigt wurde. „Auch eine Zahnbürste kann dann schon mal zum Kamm werden“, sagt Moderegger. Bei schweren Verläufen verlieren Gegenstände ihre komplette Bedeutung: „Man muss es dem Patienten vormachen, dann begreift er wieder, dass man den Löffel zum Mund führen muss.“ Handlungsanläufe anzuleiten sei das A und O. Was die häufigste Todesursache bei Demenzerkrankten sei?

Essenverweigerungen und Schluckstörungen

„Eine amerikanische Studie behauptet, die Menschen verhungerten“, sagt Roswitha Moderegger. Schluckstörungen plagen sie, sie verweigern das Essen. Häufig sei es dann eine Lungenentzündung oder eine ganz gewöhnliche Grippe, die zum Tode führten. Erkennen, handeln Die Demenz zu erkennen – das sei Herausforderung genug. „Medizinisch muss da viel mehr passieren“, weiß Moderegger. Vor allem müsse man es sich eingestehen, wenn es nicht mehr so geht, wie man das gerne hätte.

Moderegger hat da eine Geschichte parat: Mann und Frau, der Mann hatte Demenz, Autofahren war noch möglich. Allerdings fuhr die Frau immer mit, zur Sicherheit. Irgendwann war der Punkt erreicht, es ging nicht mehr. „Der Frau fiel auf, dass eigentlich nur noch sie die Anweisungen gab, Blinker rechts, wir müssen nach links, Vorsicht, es kommt einer entgegen“, erzählt Moderegger. Dann war klar, dass die Krankheit des Ehemanns zu weit fortgeschritten war, um selbstständig Auto zu fahren.

Weitere Informationen gibt es bei Roswitha Moderegger unter Telefon 08652 / 978042

kp

Quelle: chiemgau24.de

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