Pflege ohne Gurt und Gitter

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Rosenheim/Landkreis - Bettgitter, Bauchgurt und Handgelenksfessel: Die Zahl der Fixierungsanträge in Heimen soll deutlich gesenkt werden. In Bayern gab es 2011 rund 21.000 Anträge.

Mal ist es ein Bettgitter, mal ein Bauchgurt, mal eine Handgelenksfessel: Sogenannte freiheitsentziehende Maßnahmen sollen alte Menschen, die in Heimen gepflegt werden, vor Stürzen und Verletzungen schützen. Doch mehr Schutz bedeutet auch den Verlust von Lebensqualität, Bewegungsfreiheit und Menschenwürde. Deshalb soll die Zahl der Fixierungsanträge in Stadt und Landkreis Rosenheim - in den letzten zwei Jahren lag sie zwischen 800 und 900 - nun deutlich gesenkt werden.

Neuer Ansatz: Werdensfelser Weg

Über 21 000 "fixierende Maßnahmen" haben Bayerns Gerichte im Jahr 2011 genehmigt. Nicht nur in den Augen des Münchner Pflege-Kritikers Claus Fussek ist diese Zahl viel zu hoch. "Wenn Zirkuselefanten angekettet werden", sagt er, "dann empört sich die Gesellschaft. Wir müssen erreichen, dass für alte Menschen dasselbe gilt." Fussek bezeichnet den Werdenfelser Weg deshalb als "großartige Initiative".

Bei einer Bewertung des Rechts- und Justizstandorts Bayern haben die befragten Bürger und Anwälte vor allem den Bereich Betreuungsrecht und Nachlass ausgesprochen positiv beurteilt: mit einer Zufriedenheit von 100 Prozent. Zurückgeführt wird dies unter anderem auf den sogenannten Werdenfelser Weg, den das Amtsgericht Rosenheim jetzt auch im Raum Rosenheim beschreitet.

Werdenfelser Weg wird der neue Ansatz in der Pflege genannt, weil das Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen vor fünf Jahren begonnen hat, Fixierungsanträge für Heimbewohner nicht nur kritisch von Juristen prüfen zu lassen, sondern speziell geschulte Pflegekräfte einzusetzen, die nach Alternativen zu Bettgittern, Bauchgurten und Vorsatztischen für sturzgefährdete Heimbewohner suchten.

Schon bei der Auftaktveranstaltung im März hatte sich abgezeichnet, dass im Raum Rosenheim alle Beteiligten - Betreuungsrichter, Heimleiter, Betreuer und Juristen - an einem Strang ziehen, um pflegebedürftigen Menschen nicht auch noch das letzte bisschen Freiheit zu nehmen. Nur wenige Monate später lässt sich nach Angaben des Amtsgerichts Rosenheim bereits ein Rückgang von Fixierungsanträgen beobachten. "Andere Mittel wie Niederflurbetten, Sturzschutzhosen oder Sensormatten helfen, Heimbewohnern mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen", sagt Amtsgerichtsdirektorin Helga Gold.

Sie ist sich mit den sechs Richtern am Betreuungsgericht, den Betreuungsstellen bei der Stadt und beim Landratsamt sowie den Verantwortlichen in den Heimen einig: Die Kommunikation zwischen Juristen und Pflegefachkräften nützt den Heimbewohnern. Mehr Mobilität bedeutet oft mehr Menschenwürde. Gold: "Deshalb freue ich mich, dass nicht nur große Gerichte wie München oder Nürnberg dem Werdenfelser Weg folgen, sondern auch unser Amtsgericht sich für diesen positiven Weg entschieden hat."

Stofftiere und Kissen statt Gitterstäben

Dass ein Bettgitter für alte Menschen der Beginn eines wahren Teufelskreislaufs sein kann, erläutert Elisabeth Schneider-Treml, Pflegedienstleiterin im BRK-Heim an der Küpferlingstraße in Rosenheim: "Manche Menschen fühlen sich durch ein Gitter so eingeengt, dass die Psyche leidet. Dann verschlechtern sich motorische Fähigkeiten und der Gesundheitszustand zusehends."

Dabei geht es in vielen Fällen auch "oben ohne" - also ohne die Stäbe, durch die man die Welt wie aus einer Gefängniszelle heraus betrachtet. In manchen Fällen reichen schon geschickt platzierte Stofftiere, Kissen oder Lagerungsschlangen, um zu verhindern, dass ein unruhiger Patient aus dem Bett fällt.

Eine Schlüsselrolle hat im Werdenfelser Modell der sogenannte Verfahrenspfleger - ein speziell geschulter Experte, der sowohl das pflegefachliche Wissen über Vermeidungsstrategien als auch juristische Kenntnisse über die rechtlichen Kriterien hat. Er erleichtert dem Richter die Entscheidung, ob man Patienten tatsächlich an Betten, Rollstühle und Sessel fesseln muss - oder ob es reicht, das Verletzungsrisiko mit niedrigeren Betten, Anti-Rutsch-Einlagen, Hüftprotektoren oder Sturzhelmen zu minimieren.

Krankenkassen sollen mithelfen

"Wichtig ist aber dabei, dass die Krankenkassen mitziehen und die Heime nicht in Regress nehmen", fordert Nikolaus Kannengießer, Leiter des BRK-Heims in der Küpferlingstraße, und spricht damit einen entscheidenden Punkt an. Schließlich gehen viele Fixierungsbeschlüsse vor allem auf die Befürchtungen der Einrichtungen, für die Stürze nicht fixierter Patienten finanziell haften zu müssen, und die oft unbegründeten Ängste Angehöriger zurück. Alle fachlichen Überlegungen der Pflegenden wurden davon überlagert.

Das soll sich jetzt ändern. Pflegedienstleiterin Schneider-Treml setzt große Hoffnungen in die Verfahrenspfleger - und stellt nach wenigen Monaten schon erste Erfolge fest: "Mit Fixierungsanträgen wird nicht mehr so leichtfertig und vorschnell umgegangen."

ls/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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