Podiumsdiskussion zum Thema Milchwirtschaft in Rosenheim

"Mit jedem Hof stirbt auch ein Stück Heimat"

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v.l.n.r.: Martin Knobel, Vorsitzender B90/Grüne Rosenheim-Stadt, Manfred Gilch, Landesvorsitzender BDM, Sigi Hagl, Landesvorsitzende B90/Grüne, Johann Krautenbacher, Leiter Rohstoffmanagement bei der Käserei Bergader, Josef Bodmaier, Kreisobmann des bayerischen Bauernverbands
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Rosenheim - Am Montagabend ging es im Gasthof Höhensteiger um die Milch. Genauer gesagt um Milchpreise und Milchwirtschaft. B90/Grüne luden zu einer Podiumsdiskussion, in der sich mit den Ursachen der Milchpreiskrise beschäftigt und nach Lösungen gesucht wurde.

Die heimischen Bauern durchleben seit April 2015, als die EU die Milchquote abgeschafft hat, eine schwere Krise. Durch die Abschaffung der Quote hoffte man in Brüssel, dass europäische Milchbauern durch blühende Exporte von den globalen Absatzmärkten profitieren würden. Diese Rechnung ging allerdings nicht auf. Die gesteigerten Produktionsmengen führten lediglich zu einem Preisverfall in den heimischen Märkten. Der Milchpreis fiel zwischenzeitlich auf unter 20 Cent, die Umsätze gingen bundesweit durchschnittlich um 34% im Fiskaljahr 15 zurück. Viele Bauern mussten bereits aufgeben.

Podiumsdiskussion im Gasthof Höhensteiger

Interessierte Bürger, Politiker und Bauern aus der Region waren daher der Einladung der Grünen gefolgt und am Montagabend beim Gasthof Höhensteiger zusammengekommen, um in einer Podiumsdiskussion das Thema Milchwirtschaft und Milchpreise zu diskutieren. Die anwesenden Experten Sigi Hagl, Landesvorsitzende B90/Grüne, Manfred Gilch, Landesvorsitzender der Bundes deutscher Milchviehhalter, Josef Bodmaier, Kreisobmann des bayerischen Bauernverbands undJohann Krautenbacher, Leiter Rohstoffmanagement bei der Käserei Bergader standen nach der Diskussion den Anwesenden Zuhörern Rede und Antwort.

"Es mangelt an Wertschätzung"

Martin Knobel, Vorsitzender B90/Grüne Rosenheim-Stadt fand zu Beginn der Veranstaltung klare Worte: Der prozentuale Rückgang der Höfe liege in der Bundesrepublik seit 1990 bei 48 Prozent. "Mit jedem Hof, der aufgegeben muss, wird nicht nur einer Familie die Existenzgrundlage entzogen, mit jedem Hof stirbt auch ein Stück Heimat. Es mangelt an Wertschätzung. Der freie Markt hat keinen Respekt vor unseren Bauern und deren Erzeugnissen."

Wie viele Milchbetriebe mussten bereits aufgeben?

Die erste Frage des Abends, wie viele Milchbetriebe seit April 2015 aufgegeben haben, ging an Manfred Gilch und Josef Bodmaier. Insgesamt 1.600 Betriebe hätten nach Aussage von Bodmaier bereits das Handtuch geworfen. "Im Landkreis Rosenheim sind das tendenziell etwa zwei Prozent jährlich. Das ist unter dem Durchschnitt, da sich viel Betriebe beispielsweise durch Fremdenverkehr ein zweites Standbein aufgebaut haben", so Bodmaier. Gilch hatte die Zahlen für Deutschland parat: "Im Schnitt sind es vier bis fünf Prozent, die durch den Strukturwandel aufgegeben haben. Die Ursachen sind aber nicht nur strukturbedingt, sondern auch wegen der Politik." Fakt sei, dass in Bayern deutlich weniger Aufgaben zu verzeichnen seien als beispielsweise in Norddeutschland oder dem Osten. "Wir in Bayern sind nicht nur leistungsfähiger sondern auch leidensfähiger."

"Jeder der aufgeben muss, ist einer zu viel"

Sigi Hagl wollte nicht so stehen lassen, dass in Bayern weniger Aufgaben zu verzeichnen seien: "Jeder, der aufgeben muss, ist einer zu viel." Generell sei die Ausrichtung in Bayern auf den Weltmarkt für sie der falsche Weg. Es sei wichtig, auf Qualität zu setzen. Darüber hinaus müsse man neue Märkte erschließen. 

Ist der Weltmarkt ein Ziel?

Für Johann Krautenbacher sei das Problem eher ein strukturelles und nicht nur durch die Einführung der Quote bedingt. "Ein drittel der Produktion geht aus Deutschland raus. Bei der Käseproduktion müssen sogar zwei drittel exportiert werden." Bodmaier sei kein großer Schreier nach dem Weltmarkt, man sei aber auf den Export angewiesen. "Wir haben trotz weniger Höfen mehr Produktion", was er im technischen Fortschritt und leistungsfähigeren Kühen begründet sah. 

Für den Landesvorsitzenden des BDM liege es ganz klar an Europa. Hier gebe es keine steigende Nachfrage, deshalb sei jede Mehrmenge auf Export angewiesen. "Unsere Milchpreise werden am Weltmarkt abgebildet. Jegliche Veränderung die passiert, geht von Europa aus. Jede Krise macht Europa. Nicht der Weltmarkt dominiert uns sondern wir dominieren den Weltmarkt."

Bio als Ausweg?

Wie kann sich ein Bauer unabhängiger machen? Eine ökologische Ausrichtung scheint unabhängiger von Subventionen zu machen. Stimmt das? Kann man mit Biomilch noch Gewinne erzielen?

Für den Leiter des Rohstoffmanagements der Käserei Bergader sei die Biomilchproduktion derzeit sehr lukrativ. Der Preisunterschied liege heute bei bis zu 20 Cent. 

"Man muss seine betrieblichen Zahlen kennen", findet Bodmaier. "Es gibt immer Betriebe, die enorme Unkosten haben." Der Einstieg in den Direktvertrieb sei für ihn ein möglicher Ausweg oder sich den Verbraucher beispielsweise mit Cafes auf den Hof zu holen.

Für Manfred Gilch, der selber gerade auf Biomilchproduktion umstellt, hänge auch die Biobranche am konventionellen Markt. Die Preise bei Bio seien zwar stabiler, aber: "Mehr Tierwohl kostet richtig Geld." 

"Wir müssen schauen, dass die Politik was dagegen macht. Wir müssen schauen, dass wir unsere Kulturlandschaft erhalten, dazu gehören Kühe auf der Weide. Wenn das nicht mehr so ist, könnte das mit dem Tourismus auch schwierig werden", so Hagl. "Die Förderung muss dahin gehen, dass man kleinere Betriebe unterstützt. Die Agrarförderpolitik muss auf mittlere und kleinere Betriebe ausgerichtet werden."

Quelle: rosenheim24.de

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