Josef Buchner und Benedikt Viebahn vom DAV raten zu gewissenhafter Vorbereitung von Skitouren

Gefahren lauern im "weißen Traum"

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Josef Buchner, Vorsitzender der DAV-Sektion Prien: "Skitouren bereiten Freude - nicht Angst."

Prien - Was für ein schreckliches Unglück am Zischgeles im Sellrain: Eine Lawine verschüttet vier Tourengeher, einer stirbt. Wie wird der Traum vom Skitourengehen nicht zum Albtraum?

Benedikt Viebahn, Referent Skibergsteigen der DAV-Sektion Prien: "Ich bin schon öfter umgedreht".

Wie wird der Traum vom Skitourengehen nicht zum Albtraum? Josef Buchner und Benedikt Viebahn, der Vorsitzende und der Referent "Skibergsteigen umweltfreundlich" der Sektion Prien des Deutschen Alpenvereins (DAV), raten zu einer gewissenhaften Vorbereitung der Touren.

War das Unglück am Zischgeles aus Ihrer Sicht vermeidbar?

Buchner: Im Nachhinein lässt sich hier immer leicht der mahnende Zeigefinger heben. Ich selber würde bei Lawinenwarnstufe drei nicht in diesen Hang einfahren.

Viebahn: Sicher war es vermeidbar. Bei standardgemäßer Tourenplanung wären die Skibergsteiger nicht auf dieser Route unterwegs gewesen. Unfälle sind oft vermeidbar, wenn man kein Risiko eingeht. Die Frage ist, wieviel Risiko. In diesem Fall wurde zu viel Risiko akzeptiert - bewusst oder unbewusst.

In die Trauer mischt sich diesmal auch Entrüstung. Offensichtlich haben zwei Tourengeher am Unglücksort ihre Hilfe verweigert. Was bewegt Sie?

B: Bis jetzt ist nicht klar, ob hier wirklich Hilfe verweigert wurde, da meines Wissens die Aussage der betreffenden Person anders sein soll. Sollte sich der Fall jedoch bewahrheiten, so hoffe ich, dass es ein Einzelfall bleibt.

V: Falls es wirklich so gewesen ist - was fast nicht vorstellbar ist und von den Medien möglicherweise verzerrt wiedergegeben wird -, dann Unverständnis für ein Verhalten, das ein ganz klares, um nicht zu sagen selbstverständliches Handeln erfordert hätte.

Solch grauenhafte Unglücke wie am Zischgeles ereignen sich leider immer wieder in den Bergen. Welche Fehler begehen Skitourengänger?

B: Oftmals beginnt das Problem bei der Planung zuhause. Je nach Lagebericht die Expositionen wählen und flachere Touren wählen, das erspart später die schwierigeren Entscheidungen am Ort oder Hang.

V: Sie sehen den weißen Traum und nicht die lauernden Gefahren. Ein weißer Pulverschneehang sieht nun mal per se nicht gefährlich aus. Es ist kein grollendes Gewitter mit dunklen Wolken. Solange sich nichts bewegt, sieht der Hang ganz harmlos aus.

Hand aufs Herz, in welche gefährliche Situation sind Sie schon einmal geraten - und was haben Sie dann gemacht?

B: In jungen Jahren war das Wechtenabbrechen "lustig". Da bin ich selber auch schon über fünf Meter abgetaucht und hatte das Glück, oben auf der Lawine liegenzubleiben. Im Nachhinein war das einfach nur "dumm".

V: Ich bin schon öfter umgedreht. Das Dumme an der Lawinengefahr ist, dass man erst im Nachhinein, wenn die Lawine abgegangen ist, weiß, dass der Hang wirklich gefährlich ist. Vorher kann man die Gefahr an einem konkreten Hang nur vermuten.

Geht die Angst jetzt mit, wenn Sie eine Skitour unternehmen?

B: Warum soll die Angst mitgehen? Das ganze Leben ist nicht ohne Risiko, beim Autofahren fährt auch nicht die Angst mit, obwohl hier statistisch gesehen mehr passiert. Skitourengehen ist mehr als Sport, Skitourengehen bereitet Freude - und nicht Angst.

V: Die Vorsicht. Aber die war immer schon dabei und wird es auch immer sein. Dies ist nicht das erste Lawinenunglück in den Alpen und wird auch nicht das letzte sein, leider.

Welche Gefahren lauern im Winter in den Bergen?

B: Im Winter sind die Anforderungen an das Bergsteigen höher. Hier sind erschwerte Orientierung, Beurteilung der Lawinengefahr, erschwerte Verhältnisse, Kälte zu nennen.

V: Klima, Orientierungsverlust, körperliche Überanstrengung, Verletzungsgefahr, Schneeblindheit.

Was gehört alles zu einer kompletten Ausrüstung eines Skitourengehers?

B: Skiausrüstung, LVS-Gerät, Karte, entsprechende Bekleidung, eventuell Airbag, eventuell GPS.

V: Entsprechende Kleidung, ausreichende Lebensmittel und Getränke, Orientierungsgeräte und Karte, LVS-Geräte, Sonde, Schneeschaufel, Handy, Apotheke, Biwaksack.

Die Ausrüstung ist die eine Seite der Medaille, die Verhältnisse vor Ort die andere. Was muss der Skibergsteiger beachten, wenn er aus dem Auto aussteigt und losgehen will?

B: Sich im Vorfeld informieren, Lagebericht, Wetterbericht, Verhältnisse am Berg abfragen, bei mehrtätigen Touren Verhältnisse auf der Hütte erfragen. Dann während der Tour immer prüfen, ob die aktuellen Verhältnisse passen, zum Beispiel stimmen die gefährdeten Expositionen. Rutschkeil graben und prüfen, auf eventuelle Setzgeräusche achten.

V: Überprüfen vor Ort, ob Routenplanung und Verhältnisse übereinstimmen. Warnsignale wahrnehmen, weitere Skitourengeher beobachten, Größe der eigenen Gruppe beurteilen, wo sind andere Skitourengeher am Berg unterwegs, kurzfristige Wetterentwicklung abschätzen.

Welche Angebote unterbreitet die Sektion Prien des Deutschen Alpenvereins Mitgliedern wie auch allen anderen, die als Tourengeher lernen wollen, den Berg sicher hinauf und wieder hinunter zu kommen?

B: Wir bieten Gemeinschaftstouren an, an denen sich Sektionsmitglieder beteiligen können. Zusätzlich wollen wir in Zukunft mehr Angebote für Gefahrenbeurteilung und LVS-Suche anbieten.

V: Wochenendkurse zum Thema Winterbergsteigen und Lawinen, Bereitstellung von Infomaterial, geführte Winterunternehmungen.

Eine neue Art des Tourengehens bricht sich Bahn: Jung und Alt gehen mit Fellen an den Skiern neben der Piste den Berg hinauf. Wie beurteilen Sie diesen Trend - gerade auch vor dem Hintergrund der Sicherheitsdiskussion?

B: Schwieriges Thema. Hier prallen momentan Interessen aufeinander: Die Liftbetreiber stehen auf der einen Seite, ein sportliches Skigehen auf der anderen Seite. Langfristig wird das meiner Meinung nach nur funktionieren, wenn beide Seiten einander verstehen.

V: Eine Art des Skibergsteigens, das dem Trend nach Bewegung und Sport in der freien Natur in einer sicheren Umgebung gerecht wird. Dieser Trend wird sich verstärken.

An was werden Sie wohl denken, wenn Sie das nächste Mal zu einer Tour aufbrechen - vielleicht sogar an das Unglück im Sellrain?

B: Nein, an das Sellrain denke ich bestimmt nicht. Ich gehe in die Berge, weil ich die Landschaft, unsere Bergheimat, liebe und mit Menschen unterwegs sein möchte, die ich ebenfalls mag.

V: Das eigene Wunschdenken nach der tollen Tiefschneeabfahrt kritisch hinterfragen.

Interview: Gernot Pültz (Chiemgau-Zeitung)

Quelle: rosenheim24.de

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