Unfall im Juni 2015

Prozess wegen Horror-Crash bei Egerer: Urteil gefallen

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Das Wrack des Autos, in dem drei Slowaken am 29. Juni 2015 ums Leben kamen. Wird der Unfallverursacher nun verurteilt?
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Traunstein/Chieming - Drei Slowaken waren am Morgen des 29. Juni 2015 auf dem Weg zur Arbeit - an der Kreuzung in Egerer kam es zum Crash mit einem Transporter. Die Drei verunglückten tödlich. Seit dem Vormittag musste sich deswegen ein 25-Jähriger vor Gericht verantworten. Nun ist ein Urteil gefallen.

Update, 16.40 Uhr: Das Urteil

Richter Stehberger spricht das Urteil: Der 25-Jährige ist schuldig der fahrlässigen Tötung in drei Fällen. Er muss eine Geldstrafe in Höhe von 4500 Euro zahlen und bekommt ein dreimonatiges Fahrverbot.

"Man darf den groben Verkehrsverstoß hier nicht unter den Tisch fallen lassen. Der Angeklagte war mindestens 40 km/h zu schnell", so der Richter: "Eine Freiheitsstrafe wäre dann denkbar gewesen, wenn nicht ein massives Mitverschulden der Opfer vorgelegen hätte. Aber das Leben des Angeklagten ist nun ohnehin in äußerste Schieflage geraten."

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, innerhalb einer Woche können Rechtsmittel eingelegt werden.

Update, 16.35 Uhr: Die Plädoyers

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"Handelt es sich in diesem Fall um fahrlässige Tötung? Aus Sicht der Staatsanwaltschaft: ja", beginnt die Staatsanwältin ihr Plädoyer. Der Angeklagte habe einen massiven Verkehrsverstoß begangen. "110 statt 70 km/h - das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, auch wenn die Opfer eine gravierende Mitschuld trugen." Sie beruft sich vor allem auf das dritte Verkehrsgutachten, nach dem es bei 70 km/h erst gar nicht zum Unfall gekommen wäre.

Die Staatsanwaltschaft fordert zehn Monate Freiheitsstrafe ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Zusätzlich plädiert sie für 600 Euro Geldstrafe und ein dreimonatiges Fahrverbot.

Der Verteidiger Dr. Blachian beruft sich dagegen auf das zweite Verkehrsgutachten, nach dem es auch bei Tempo 70 zum Unfall gekommen wäre. "Auch die anderen Gutachter meinten, dass sich die Fahrzeuge nur um rund 50 Zentimeter verpasst hätten", so Blachian.

Der Angeklagte kämpft bei diesen Worten immer wieder mit den Tränen. "Die Strecke ist schnurgerade, die Sicht war fantastisch und es war erst 5.30 Uhr - da kommt es vor, dass man die 70 km/h nicht einhält. Der Mensch ist fehlerhaft", so der Verteidiger. Er fordert Freispruch, alternativ eine Geldstrafe.

Update, 15.35 Uhr: Als Verkehrssünder schon bekannt

All die Gutachten, deren detaillierte Erläuterung sich über Stunden hinzog, hat der Angeklagte ruhig und konzentriert verfolgt. Auch er wurde beim Unfall schwer verletzt, bekam eine künstliche Hüfte eingesetzt und kann ohne Krücken noch immer nicht gehen.

Vier Mal wurde der 25-Jährige, Vater eines Kindes, seit dem Unfall operiert. Er hat Nervenschäden in den Beinen, die ihm bleiben werden. Seit knapp zwei Jahren ist er nun arbeitsunfähig, gearbeitet hat er zuletzt als Paketfahrer - der schreckliche Unfall passierte während seiner Arbeitszeit. Auch verschuldet ist der Angeklagte seit dem Unglück: "Von seinem letzten Geld hat mein Mandant dann einen der Gutachter bezahlt", so sein Anwalt.

Der junge Mann fiel im Straßenverkehr aber nicht zum ersten Mal auf: Kurz vor dem Unfall wurde er in Rimsting mit 77 km/h geblitzt, außerdem verursachte der 25-Jährige 2013 in Tacherting einen Unfall bei dem eine Person verletzt wurde. Wegen fahrlässiger Körperverletzung wurde er daraufhin verurteilt. Dazu kommt eine Vorstrafe wegen Betrugs.

"So ein intensives Verfahren habe ich am Amtsgericht noch nicht erlebt", sagt der erfahrene Verteidiger des junges Mannes abschließend. Im nächsten Schritt werden nun die Plädoyers erwartet, auch das Urteil dürfte heute noch fallen. Man darf gespannt sein, welche der drei Gutachten dort wie gewichtet werden: Es geht um nichts weniger als fahrlässige Tötung in drei Fällen.

UPDATE, 14.30 Uhr - Aussagen des dritten Gutachtens 

Hauptaussagen des dritten Gutachtens: 110 bis maximal 130 km/h muss der Angeklagte auf dem Tacho gehabt haben, errechnet der dritte Gutachter. Höchstens 1,2 Sekunden Reaktionszeit auf das einbiegende Auto hätte er bei diesem Tempo gehabt. 

Bei Tempo 70 hätte der Angeklagte etwa eine Sekunde mehr Zeit gehabt zu bremsen - es wäre wohl nicht zum Crash gekommen, weil das Auto der Slowaken in der Zwischenzeit schon weg gewesen wäre.

Demnächst wird der Angeklagte noch Angaben zu seinem Lebenslauf machen und wie es ihm heute geht.

UPDATE, 12.20 Uhr - Drei Gutachten vor Gericht

Wie schnell war der Angeklagte unterwegs? Und hätte der Unfall mit den in Egerer erlaubten 70 km/h verhindert werden können? Das sind die entscheidenden Fragen, um die sich die Unfallgutachten drehen.

Drei Gutachten liegen dem Gericht vor: Eines, das das Gericht in Auftrag gab, eines von Seiten der Staatsanwaltschaft und eines der Verteidigung. Einig ist man sich, dass die Opfer angeschnallt waren und der Angeklagte ohne Licht fuhr. Lichtverhältnisse und Sicht waren aber gut. Außerdem rauschte der 25-Jährige ungebremst in das Auto der Opfer.

Hauptaussagen des ersten Gutachtens: Der Angeklagte sei mit einer Geschwindigkeit von 127 km/h unterwegs gewesen. Als das Auto der Slowaken schon einen halben Meter in die Staatsstraße ragte, war der Transporter noch 81 Meter entfernt - bei dem Tempo wäre ein Crash nicht mehr vermeidbar gewesen. Mit den in Egerer erlaubten 70 km/h hätte der Angeklagte aber noch ausreichend bremsen können, um den Zusammenstoß zu verhindern.

Hauptaussagen des zweiten Gutachtens: Der Angeklagte sei mit 100 km/h in das Auto der Slowaken gekracht. Der zweite Gutachter errechnet 22 Meter Abstand zwischen den Fahrzeugen, als das einfahrende Auto 60 Zentimeter in die Straße ragte. Demnach hätte es auch bei 70 km/h einen Crash gegeben, jedoch wären die Autos an anderen Stellen zusammengekracht, mit einem folglich "geringerem Verletzungsrisiko" für die Beteiligten, so der Gutachter.

Der Prozess wird für eine Mittagspause unterbrochen und gegen 13 Uhr fortgesetzt - dann mit dem dritten Verkehrsgutachten.

UPDATE, 10.35 Uhr: Zeugin schildert Erlebnisse

"Es war wie wenn man zwei Kartons in die Luft schmeißt", beschreibt eine Zeugin den Zusammenstoß der Autos: Sie musste den Unfall mit ansehen, stand an der Kreuzung von Truchtlaching kommend. "Ich habe mich noch gewundert, warum das Auto überhaupt auf die Straße herausfährt" - ganz kurz sei das Auto der Opfer aber gestanden.

Der Unfall nimmt auch sie psychisch noch immer extrem mit: Auch wenn der Richter keine Details von ihr hören will, was sie als Ersthelferin erlebt hat, bricht sie in Tränen aus. "Ich habe der verletzten Frau im Auto noch über den Kopf gestreichelt und ihr gesagt, dass alles gut wird."

Die Frau, um die sich die Zeugin kümmerte, war die Einzige im Auto, die nicht direkt an der Unfallstelle verstarb. Nach einer Reanimation musste sie später aber im Krankenhaus ihr Leben lassen. Wie schnell der Angeklagte in seinem Transporter fuhr, kann sie nicht mehr einschätzen, das Licht sei aber wahrscheinlich nicht angeschaltet gewesen.

Ein Polizist, der später an die Unfallstelle kam, berichtet außerdem, die drei Slowaken hätten wegen des starken Aufpralls "null Überlebenschance" gehabt.

Entscheidend für den Richter wird auch sein, was die Verkehrsgutachten nun über den Unfallhergang und die Geschwindigkeit des Angeklagten aussagen.

UPDATE, 9.50 Uhr:

Als erstes wird der Angeklagte befragt. Ein wahrlich schwerer Tag für den 25-Jährigen, heute wohnhaft in Trostberg: "Ich bin wie jeden Tag zur Arbeit gefahren, fahre die Strecke täglich, kenne auch sämtliche Geschwindigkeitsbegrenzungen", so der junge Mann. Man merkt ihm an, dass ihn der Unfall noch immer stark belastet. Doch anders als die Staatsanwaltschaft behauptet er: "Ich habe vor der Kreuzung auf 70 km/h heruntergebremst."

Er sitzt mit Krücken auf der Anklagebank - eine Folge des Unfalls: Im vorigen Jahr musste ihm eine künstliche Hüfte eingesetzt werden, hat am linken Bein Lähmungserscheinungen vom Knie abwärts. Noch immer ist der 25-Jährige im Krankenstand.

"Ich weiß nur noch, dass ich auf einmal einen schwarzen Schatten gesehen habe. Dann hat es gekracht. Mehr weiß ich nicht mehr. Als mich die Feuerwehr aus dem Wagen herausgeschnitten hat, bin ich wieder aufgewacht", so der Angeklagte zu Richter Christopher Stehberger.

Nun wird eine Zeugin vor Gericht erwartet, die mit ihrem Auto an der Kreuzung beim Supermarkt stand und den Unfall mit ansehen musste.

Der Vorbericht:

Gegen 5.35 Uhr in der Früh war es, als ein heute 25-Jähriger aus Eggstätt mit seinem Transporter von Seebruck in Richtung Traunstein unterwegs war. Aus der Poststraße bog aus Richtung Chieming plötzlich ein Auto auf die Staatsstraße - zwei der drei Slowaken starben an der Unfallstelle, die weibliche Beifahrerin später im Traunsteiner Krankenhaus

Einerseits hatte der Eggstätter Vorfahrt, andererseits fuhr er statt der erlaubten 70 rund 110 km/h - so sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft und bringt den jungen Mann am heutigen Mittwoch vor das Traunsteiner Amtsgericht. 

Ein Kreuz erinnert noch heute an den schrecklichen Unfall.
Auch der Eggstätter wurde in seinem Transporter schwer verletzt. 

Der 25-Jährige ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung in drei Fällen. Auch er selbst wurde nach Polizeiangaben bei dem Unfall schwer verletzt. Jedoch stellte die Staatsanwaltschaft auch fest: Das Auto der drei Slowaken (eine 24-jährige Frau, und zwei Männer im Alter von 24 und 36 Jahren) fuhr ohne Anzuhalten mit 15 bis 20 km/h auf die Staatsstraße ein - trotzdem hätte der Angeklagte den Unfall mit einer Vollbremsung verhindern können, so die Staatsanwaltschaft, wenn er sich an die Geschwindigkeitsbeschränkung gehalten hätte. 

chiemgau24.de wird aktuell aus dem Gericht berichten, der Prozess beginnt um 9 Uhr. 

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Tödlicher Unfall: Opel kollidiert mit Transporter

Tödlicher Unfall in Egerer fordert zwei Menschenleben

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Quelle: chiemgau24.de

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