Prozess um Zugunglück von Bad Aibling

Psychologe: Spiel wirkt wie ein Suchtmittel

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Angeklagter Michael P. berät sich am fünften Prozesstag mit seiner Rechtsanwältin Ulrike Thole und Rechtsanwalt Thilo Pfordte.
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Bad Aibling/Traunstein - Am Donnerstag wurde die Verhandlung gegen den 40-jährigen Fahrdienstleiter des Zugunglücks von Bad Aibling weiter fortgesetzt. Diplom-Psychologe Dr. Alexander Brunnauer 

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In seinem Gutachten beschäftigt sich Diplom-Psychologe Dr. Alexander Brunnauer mit der Frage, ob die kognitiven Fähigkeiten des Angeklagten durch das Spiel "Dungeon Hunter 5" beeinträchtigt waren und ihn dadurch von seiner Tätigkeit als Fahrdienstleiter abgelenkt haben. Der Angeklagte sei am 4. November im Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburg untersucht worden. Er gab an unter Depressionen zu leiden. Schädigungen des zentralen Nervensystems konnten nicht festgestellt werden. Er zeigte sich im Gespräch kooperativ und auskunftsfreudig, so der Gutachter weiter.

Psychologe konnte keine Spiel-Sucht feststellen

In den das Gedächtnis und die geistige Fitness betreffenden Test habe der Angeklagte überdurchschnittlich gut abgeschnitten. "Keine Anhaltspunkte für in der Person begründeten Störungen", so Dr. Brunnauer zusammenfassend. Auch eine Spiele-Sucht konnte von den behandelnden Psychologen nicht festgestellt werden. Zwischen dem 1. Januar und dem 8. Februar habe die Spieldauer des Angeklagten jedoch kontinuierlich zugenommen. "Das waren 17 Arbeitstage in denen gespielt worden sind. (...) Sowohl die kürzeren als auch die längeren Sessions wurden immer mehr", so Dr. Brunnauer. Insgesamt 435 solcher Sessions habe man rekonstruieren können. Besonders Anfang Februar kam es dabei zu einer Häufung.

Aus den Gutachten der Herren Will (Zeitlicher Ablauf des Unglücks) und Pielken (Spiele-Dauer) hat der Gutachter eine gemeinschaftliche Übersicht angefertigt. Eine Grafik soll zeitgleich Aussagen über das Spielverhalten und die Tätigkeit als Fahrdienstleiter treffen. Zusammenfassend sei zu beobachten, dass zwischen 6.09 und 6.40 Uhr am Unglückstag 72 Prozent der gesamten Zeit aktiv gespielt wurde. "Die menschliche Informations-Verarbeitungskapazität ist begrenzt", so der Gutachter weiter. Je komplexer also die Aufgabe, desto länger brauche man auch zur Erledigung. "Und auch die Fehler nehmen dann immer mehr zu."

Psychologe: Spielen hinterlasse Spuren im "Arbeitsgedächtnis"

"Ich erledige etwas und nebenbei lese ich meine Mails - wie wirkt sich das aus?" erörtert der Experte als nächstes. Spiele man beispielsweise parallel zur Arbeit ein Computerspiel, falle die Konzentration teilweise deutlich ab. Das Spielen hinterlasse schlicht Spuren im sogenannten "Arbeitsgedächtnis", es werde zusätzlich belastet. Im Vergleich zu Musik im Hintergrund falle der Unterschied sehr deutlich aus.

Auf den Angeklagten bezogen könne somit zusammenfassend gesagt werden, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit der Abruf von bereits erlernten Informationen, wie beispielsweise die Bedienung seiner Arbeits-Konsole, beeinträchtigt gewesen sei. "Es ist davon auszugehen, dass unter Berücksichtigung der Dauer der Spielesessions eine Beeinträchtigung von exekutiven Funktionen stattgefunden hat", so Dr. Alexander Brunnauer.

Richter Fuchs: "Da hatte er offenbar eine Lücke im Denken"

Besonderes Interesse des Gerichts weckt der Zeitstrahl des Experten, in dem die Abläufe am Handy und auf der Strecke überlagert dargestellt werden. Vorsitzender Richter Fuchs fragt nach, ob Spielen über einen längeren Zeitraum auch nach dessen Ende noch nachwirkt: "Die Belegung der Kapazitäten wirkt nach. (...) Ein Leistungsabfall findet statt, es hinterlässt Spuren", bestätigt der Gutachter.

Als Ursache für den Zusammenstoß könne also ein Gedächtnisfehler verantwortlich sein, summiert der Richter die Betrachtung des Gutachters: "Da hatte er offenbar eine Lücke im Denken, wenn man das so sagen kann. (...) Das kann eine Folge der Ablenkung durch das Spiel gewesen sein." Dr. Alexander Brunnauer verdeutlichte auf Nachfrage, dass beim Spielen noch verschärfend hinzukäme, dass der Spieler auch für seine Handlungen belohnt werde. Daraus ergebe sich noch eine zusätzliche Wirkung, die eine mögliche Sucht sogar noch begünstigen könne.

sl/mh

Quelle: rosenheim24.de

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