Prozess um Zugunglück von Bad Aibling

IT-Forensiker: Michael P. beendete das Spiel aktiv um 6.45 Uhr

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Angeklagter Michael P. betritt am fünften Verhandlungstag das Traunsteiner Landgericht.
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Bad Aibling/Traunstein - Am Donnerstag wurde die Verhandlung gegen den 40-jährigen Fahrdienstleiter des Zugunglücks von Bad Aibling weiter fortgesetzt. Ein Sachverständiger für IT-Forensik bestätigte, dass das Spiel auf dem Smartphone des Angeklagten erst um 6.45 Uhr aktiv durch den Benutzer beendet wurde.

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Dennis Pielken, Sachverständiger für IT-Forensik, am Landgericht in Traunstein demonstriert anhand von Spielszenen auf dem Handy des Angeklagten das typische Spielgeschehen von "Dungeon Hunter 5". Zunächst berichtet Pielken aber aus seinem Gutachten. Seine Aufgabe war es zu untersuchen, welche Aktionen der Angeklagte im Spiel am Unglückstag zwischen 6.15 und 6.50 Uhr getätigt hat. Dazu erhielt der Forensiker Daten der Firma Gameloft, dem Hersteller des Spiels. Anhand der Datensätze seien umfangreiche Angaben möglich.

Zur Verdeutlichung und dem besseren Verständnis für alle Prozessbeteiligten, wird das Display des Handys im Gerichtssaal auf eine Leinwand projiziert. Darauf deutlich erkennbar ist auch, wann immer der Benutzer eine Eingabe auf dem Touchscreen tätigt. Während des Spiels ist das Handy dabei immer mit den Servern der Spiele-Firma verbunden.

Das ist der Inhalt des Spiels "Dungeon Hunter 5"

Das Spiel könne grob in zwei Teile geteilt werden: "Zuerst ist da der administrative Teil. Hier können beispielsweise Schwerter gebaut oder zu besseren Schwertern gemacht werden", so Pileken. Dieser Teil sei eher kosmetisch und beschäftige sich in erster Linie mit dem Erscheinungsbild des Spiel-Charakters.

Im zweiten Teil bewege sich dann der Avatar durch 3D-Level. Hier findet dann auch die Interaktion mit anderen Spielern statt. Nach einer kurzen Lade-Phase beginnt das Spiel im Haupt-Menü. Hier ist bereits der Charakter und sein Erscheinungsbild in der Spielwelt zu sehen. Der Bildschirm sei grundsätzlich zweigeteilt. Auf der lenken Seite findet der Spieler das sogenannte Inventar. Dort können Gegenstände für virtuelles Geld verbessert, gekauft oder auch verkauft werden. Der Spieler muss dabei eine festgelegte Abfolge von Eingaben machen.

"Der Spieler hat dann verschiedene Aufgaben zu erfüllen. (...) Dafür kann er sich dann eine Belohnung abholen", fährt der IT-Forensiker in seiner Erklärung fort. Auf der rechten Seite des Hauptbildschirms können die verschiedenen Level und auch der kooperative Modus ausgewählt werden. "Im relevanten Zeitraum hat der Angeklagte in den Modi 'Festung' und 'Events" gespielt. Im kooperativen Modus, dem Spiel mit anderen Mitspielern, war er zu den Zeiten nicht unterwegs", do Pielken auf Nachfrage des Gerichts.

Bedienung des Spiels läuft typischerweise beidhändig

Als nächstes steigt Dennis Pielken direkt in das Spiel ein. Nach kurzer Ladezeit beginnt das Spiel. Mit Drücken auf den Bildschirm des Telefons kann der virtuelle Charakter durch die Level bewegt werden. Durch Betätigung besonders gekennzeichneten Bereichen auf dem Display können

Aktionen wie Angriffe gegen Monster und Gegner

in der Spielwelt ausgeführt werden. Die Bedienung des Spiels läuft dabei typischerweise beidhändig.

"Was passiert wenn man keine Eingabe im Spiel macht?", will der vorsitzende Richter Erich Fuchs vom Gutachter wissen. "Je nachdem, wo man sich im Spiel befindet. (...) Es kann sein, dass es bis zu einer Minute dauert, bis der Spieler die Lebensenergie verliert.

Man kann aber auch eine Pause-Taste drücken

. Das wird aber nicht mit protokoliert", antwortet Pielken. Welche Aktionen genau auf den Servern registriert werden, soll im Anschluss an die Demonstration erklärt werden.

Zunächst demonstriert der Forensiker aber noch den Spielmodus, den der Angeklagte am 9. Februar im Zeitraum zwischen 6.15 und 6.50 Uhr gespielt habe. Im Modus "Festung" muss der Spieler Truhen finden und öffnen. "Diese Level sind in der Regel sehr klein und haben auch nur wenige Gegner", so Pielken weiter. Danach ende dieser Teil. Der Ton im Spiel untermalt die Aktionen. Im Gerichtssaal ist das Klirren von Schwertern und getragene Hintergrund-Musik zu hören. Ob der Angeklagte auch mit Ton gespielt hatte, kann im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden.

Chatten mit mehreren Personen gleichzeitig möglich

"Im Modus 'Festung' wird man von keinem anderen Spieler unterstützt. Es gibt auch keine Möglichkeit, seinen Charakter abzustellen", so der Gutachter. Auf Nachfrage der Nebenklage demonstriert Dennis Pielken noch die Chat-Funktion von "Dungeon Hunter 5". "Diese Aktion ist im Hauptmenü möglich, nicht in den Level selbst", so die Antwort des Fachmanns.

"Man kann sich auch zu sogenannten Gilden zusammenschließen, dann spielt man mit anderen Menschen zusammen", berichtet Pielken. Hier könnten dann auch Chat-Nachrichten an mehrere, reelle Personen gleichzeitig verschickt werden. Als nächstes sollen die genauen Zeiten der Aktionen im Spiel angesprochen werden.

IT-Forensiker: Michael P. zockte von 5.11 bis 6.45 Uhr

Zur genauen Feststellung der Aktionen von Michael P. haben die Forensiker die Daten auf dem Telefon und den Servern der Firma Gameloft verglichen. Dabei habe man einen maximalen Unterschied von acht Sekunden festgestellt. Die Angaben selbst deckten sich jedoch in allen Punkten aus den beiden Protokoll-Dateien. "Es konnten sich insgesamt drei Spielzeiträume am 9. Februar festgestellt werden. (...) Einmal von 3.41 - 3.48 Uhr, von 5.09 - 5.11 Uhr und ein langer Zeitraum von 5.11 - 6.45 Uhr", so Pielken zusammenfassend. Die Startzeiten passten sekundengenau in beiden Protokollen zusammen. Hatte der Angeklagte im ersten Zeitraum noch verschiedene Menü-Aktionen ausgeführt, registrierten weder Server noch Telefon im zweiten Zeitraum keine Aktionen.

Chronologie der Ereignisse: Das geschah in den Stunden und Tagen nach dem Zugunglück

Im dritten Zeitraum, von 5.11 Uhr bis 6.45 Uhr, spielte der Angeklagt aktiv: "Dabei wurde zunächst eine Mission im Festungs-Modus gestartet," beginnt Pielken die detailierte Analyse. Die letzte Aktion sei um 6.40 Uhr erfolgt. Den Zeitraum zwischen 6.09 Uhr und der letzten Aktion habe man genauer unter die Lupe genommen. Insgesamt seien sieben verschiedene Level, vier erfolgreich, gespielt worden. Gesamtdauer: rund 13 Minuten, in der der Spieler in der 3D-Welt unterwegs gewesen sei. Hinzu kämen noch verschiede Handlungen zur Vorbereitung, insgesamt dann 31 Minuten im Spiel. Nur 9 Minuten lang habe also keine Bedienung erfolgt.

Hat Michael P. aktiv gechattet oder Nachrichten erhalten?

Bis zu einer durchgängigen Dauer von rund 4 Minuten hatte sich der Angeklagte dabei in der 3D-Welt des Spiels "Dungeon Hunter 5" befunden. Der

Sachverständige rekonstruiert sekundengenau die einzelnen Aktionen

. Dazwischen finden sich immer wieder kurze Momente, in denen keine Eingaben stattgefunden hätten. Die Nachfragen des Gerichts drehen sich nun in erster Linie um die

Chat-Funktion

im Spiel. Man könne

nicht nachvollziehen, mit wem und über was der Angeklagte mit einer anderen Person gesprochen hatte

.

"Man hat die Möglichkeit global oder gezielt mit einem Spieler zu kommunizieren", so Dennis Pielken. Erneut demonstriert der Fachmann die einzelnen Funktionen, damit sich das Gericht ein Bild von der Dauer der Aktionen machen kann. Lediglich die Frage, ob der Angeklagte aktiv geschrieben hatte oder nur eine Nachricht erhalten hatte, kann der Sachverständige derzeit nicht beantworten. Michael P. verfolgt die Aussage des IT-Forensikers ohne jegliche Regung im Gesicht, nur selten bespricht er sich mit seinen Verteidigern.

Um 6.45 Uhr wurde das Spiel aktiv durch den Benutzer beendet

Der letzte Zeitraum, ab 6.38 Uhr und 51 Sekunden, in dem der Fahrdienstleiter aktiv im Spiel war, dauerte 116 Sekunden. Das Level konnte dabei nicht erfolgreich beendet werden. Nachdem das Spiel ins Hauptmenü zurückkehrte, sei in den Log-Dateien des Servers keine Änderung mehr zu erkennen. Um 6.45 Uhr wurde das Spiel durch eine Aktion dann schließlich beendet, das ergebe sich aus den Aufzeichnungen im Telefon, so Pielken. "Das kann durch aktives Beenden oder Verschieben des Spiels in den Hintergrund erfolgen", so der Forensiker weiter. Einen Absturz, sowie ein Abreißen der Internetverbindung könne man ausschließen. Die Aktion habe aktiv durch den Benutzer erfolgen müssen.

Die nächste Aktion, nach dem Zusammenstoß der beiden Züge zwischen Bad Aibling und Kolbermoor, fand dann erst um 7 Uhr statt, so Pielken weiter. Dann habe eine Kommunikationshandlung per WhatsApp und eine Aktion im PlayStore stattgefunden. Auch Nachfrage der Staatsanwaltschaft seien keine Versuche unternommen worden, das Spiel im Nachgang zu löschen.

Kein Versuch, Handyspiel im Nachgang zu löschen

Auf erneute Nachfrage des leitenden Oberstaatsanwalt Branz gab der Sachverständige an, dass sich noch zwei Programme auf dem Smartphone des angeklagten Fahrdienstleiters befunden hätten, die unter anderem zur Speicherbereinigung genutzt werden. Ob nach dem Zusammenstoß versucht wurde, Daten zu löschen, könne nicht abschließend mit Sicherheit bestätigt werden, erwidert Pielken. Beide Programme liefen ständig im Hintergrund.

Spielszene aus "Dungeon Hunter 5"

Über die In-App-Käufe schließlich könne der Gutachter keine Angaben machen. Im Anschluss an die Fragen an den Sachverständigen, verliest Vorsitzender Richter Erich Fuchs nun die ermittlungsrichterliche Vernehmung des Angeklagten. Daraus geht hervor, dass der Fahrdienstleiter regelmäßig am Handy gespielt hatte. Genau könne er sich an die Bedienungshandlungen aber nicht mehr erinnern. In den Zugpausen auf seiner Strecke habe er öfter zum Smartphone gegriffen und gespielt.

Angeklagter in Vernehmung: "Ich wollte keinesfalls abgelenkt sein"

"Man braucht keine besondere Anleitung dafür, das Spiel ist eher simpel", so der Angeklagte in seiner Vernehmung. Manche Aktionen könnten auch automatisch ablaufen. Wieviel Geld er in das Spiel in der Vergangenheit investiert hatte, konnte der Fahrdienstleiter in der Vernehmung nicht mehr angeben. "Ich wollte keinesfalls abgelenkt sein", gab der Angeklagte ebenfalls in seiner Vernehmung an. Deshalb habe er alle Apps geschlossen, als er merkte, dass es zu Problemen auf der Strecke kam.

sl/mh

Quelle: rosenheim24.de

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