Prozess um Zugunglück von Bad Aibling

Zeuge kritisiert DB-Regelwerk: "Das ist nicht ordentlich vorgegeben"

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Bei dem tragischen Zugunglück von Bad Aibling starben am Faschingsdienstag 2016 12 Menschen, 89 wurden teils schwer verletzt.
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Bad Aibling/Traunstein - Am Montag wurde die Verhandlung gegen den 40-jährigen Fahrdienstleiter des Zugunglücks von Bad Aibling weiter fortgesetzt. Ein Mitarbeiter des Eisenbahn-Untersuchungsausschusses kritisierte erneut die Deutsche Bahn:

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Ein Mitarbeiter des Eisenbahn-Untersuchungsausschusses (EUB), der bereits an einem der vorangegangenen Verhandlungstage ausgesagt hat, kritisierte in seiner Aussage am vierten Verhandlungstag erneut die Deutsche Bahn:

"Zwischen Heufeld und Bad Aibling und Bad Aibling und Kolbermoor haben wir eine Sonderform bei der Streckenführung", so der Sachverständige. Es handle sich nicht um einen Zentralblock, sondern um eine Blocksicherung mit Fahrstraßen. Eine Modernisierung, obwohl das System bereits in die Jahre gekommen sei, habe nicht stattgefunden. Warum könne er jedoch nicht beantworten. "Wenn der Fahrdienstleiter die Fahrtrichtung wechseln will, muss er ein spezielles Signal geben," so der Zeuge auf Nachfrage des Gerichts.

"Eben diese Erlaubnisfelder fehlen aber auf dieser Strecke"

"Er hatte die technischen Vorgaben, was er machen müsste, aber er hat das Ersatzsignal gegeben. Somit hat er die anderen Regelungen überstimmt", so der Sachverständige zusammenfassend. Weiter erkenne der Zeuge widersprüchliche Angaben in der dienstlichen Beschreibung des Streckenabschnitts, die als Arbeitsgrundlage für den Fahrdienstleiter vorgesehen sei. "Das ist nicht ordentlich vorgegeben, nicht so wie es sein müsste." Man stehe seit langer Zeit im Dialog mit der DB-Netz AG um diese Frage abschließend zu klären, zu einem Schluss sei man aber noch nicht gekommen.

Richter Erich Fuchs lässt sich erneut die Funktionsweise des Blocksignals erklärten, obwohl das System auf der Strecke zwischen Bad Aibling und Kolbermoor nicht installiert ist. Welche Signallampen zu welcher Zeit leuchten, ließen den Fahrdienstleiter normalerweise erkennen, ob die Strecke frei ist. "Eben diese Erlaubnisfelder fehlen aber auf dieser Strecke. (...) Einen Zentralblock gibt es eigentlich nicht ohne dieses System", so der Sachverständige.

"Wir sind uns ja nicht einmal sicher, was wir hier für ein System haben"

Zudem sei ein gewisser Streckenabschnitt wohl nicht richtig verschaltet gewesen. Mit Betätigen der Prüftaste aus der einen Richtung könne nicht der gesamte Fahrtbereich eingesehen werden. Diese Maßnahme könne nur aus der Gegenrichtung erfolgen. "Da sind wir wieder beim Grundproblem. Wir sind uns hier ja nicht einmal sicher, was wir hier für ein System haben", gibt der Sachverständige zu bedenken.

"Der letzte gefahrene Zug ging von Bad Aibling nach Rosenheim. Für den kann ich keine Einzelräumungsprüfung mehr durchführen. (...) Ich brauche eine Prüfung erst durchführen, wenn der Zug von Rosenheim in Bad Aibling angekommen ist", so der Sachverständige des Untersuchungsausschusses weiter. Das habe aber vor dem Unfall nicht stattgefunden. Einzelräumungsprüfung bedeute dabei lediglich, dass die Strecke frei sei. Nur dann dürfe das Ersatzsignal "ZS1" gegeben werden. "Es dreht sich immer um den selben Punkt. Nämlich, dass er dem einen Zug bereits grün gegeben hatte", erkannte Vorsitzender Richter Erich Fuchs.

"Ich dachte es handelt sich hier um eine Phantom-Störung", gab der Angeklagte in seiner Vernehmung bei der Polizei an, nachdem sich eine Einstellung nicht habe ändern lassen. Dem Gutachter sei diese Begrifflichkeit zuvor noch nie begegnet. "Es muss sich so zugetragen haben, wie wir rekonstruiert haben. Ansonsten würden uns noch weitere Zählwerk-Stände fehlen," entgegnet der Sachverständige Rüdiger Muschweck. Für die Zukunft erteilt der Fachmann zudem neue Sicherheitsempfehlungen. Die genaue Ausarbeitung sei aber noch nicht abgeschlossen. Zusammen mit dem Eisenbahnbundesamt sollen diese Hinweise an die Betreiber herausgegeben werden.

Externe Sicherungssysteme gegen Zugunfälle fehlen

Der Fall von Bad Aibling sei mit bereits vergangenen Unglücken nicht vergleichbar, so der Zeuge weiter. "Gibt es denn externe Sicherungssysteme, die unabhängig vom falschen Verhalten eine Fahrdienstleiters reagieren können?" so die letzte Frage des vorsitzenden Richters Erich Fuchs. "Auf Nebenbahnbetrieben gibt es zusätzliche Sicherungssysteme. (...) Das ist aber nicht mit einer Situation, wie wir sie hier haben, vergleichbar. Soetwas gibt es bei Hauptbahnbetrieben nicht", so Rüdiger Muschweck abschließend. "Sie müssen ihr Geschäft einfach ordentlich beherrschen, das ist gar keine Frage," ergänzt der Sachverständige auf die Nachfrage der Nebenklage, inwiefern die Bedienung der Systeme die Aufmerksamkeit fordere.

sl/mh

Quelle: rosenheim24.de

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