Nach Urteilsverkündung im Prozess um Zugunglück Bad Aibling

„Ich nehme die Entschuldigung des Fahrdienstleiters nicht an"

+
Urteilsverkündung Prozess Zugunglück Bad Aibling
  • schließen

Bad Aibling/Traunstein - Am Montag wurde der Prozess gegen den 40-jährigen Fahrdienstleiter Michael P. beendet und das Urteil verkündet: 3,5 Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. So reagierten zwei Überlebende auf das Urteil:

>> Themenseite Zugunglück Bad Aibling <<

Es war eines der schlimmsten Bahnunglücke der deutschen Nachkriegsgeschichte: Am 9. Februar stießen zwei Regionalzüge auf Höhe des Bad Aiblinger Klärwerks frontal zusammen. Zwölf Menschen starben, 89 wurden teils lebensgefährlich verletzt.

Urteilsverkündung im Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling

Knapp 10 Monate nach dem tragischen Zugunglück von Bad Aibling fiel am Montag das Urteil gegen den Fahrdienstleiter Michael P. Er wurde wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Fahrdienstleiter von dem Handyspiel "Dungeon Hunter 5" dermaßen abgelenkt war, dass er den Zusammenprall nicht mehr verhindern konnte. "Er ist Opfer seiner eigenen Spielleidenschaft geworden. Die Strafe mag hoch erscheinen. (..) Aber er kann in absehbarer Zeit zu seiner Familie zurückkehren", die Opfer des Zugunglücks von Bad Aibling könnten das nicht, so vorsitzender Richter Erich Fuchs in seiner Urteilsbegründung.

"Ich ertrage die Geräusche und Gerüche nicht mehr."

Viele User empfinden das Strafmaß tatsächlich als zu hoch. Zwei Überlebende sprachen nach der Urteilsverkündung mit der Bild. Sie sehen es anders. 

„Ich nehme die persönliche Entschuldigung des Fahrdienstleiters nicht an. Heut war ich das erste Mal bei dem Prozess. Ich wollte ihm einmal in die Augen schauen. Das Strafmaß finde ich in Ordnung. Ich hoffe, dass er dagegen nicht Revision einlegt", so Joachim B. gegenüber der Bild. Der Bauingenieur leidet bis heute unter den Folgen des Zugunglücks. Er sei in einer Psycho-Trauma-Therapie und könne noch immer in keinen Zug einsteigen. "Ich ertrage die Geräusche und Gerüche nicht mehr."

Chronologie der Ereignisse: Das geschah in den Stunden und Tagen nach dem Zugunglück

Auch der 18-jährige Yannik E. überlebte den schrecklichen Unfall am 9. Februar schwerverletzt. „Ich nehme immer noch starke Schmerzmittel. Aber dass ich heute da sein konnte, wird mir helfen, besser damit zurechtzukommen und alles zu verarbeiten", erzählte er der Bild. Seine Ausbildung musste der 18-Jährige nach dem Unfall abbrechen, seine Familie gibt ihm den jetzt dringend benötigten Halt. „Ich kann nicht sagen, dass ich das Urteil als gerecht empfinde. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte das Urteil auch anders ausfallen können. Aber der Richter hat sich wohl das Richtige dabei gedacht. Kein Urteil kann meine Schmerzen aufwiegen.

Staatsanwalt Branz: "Üblicherweise lässt man so etwas rechtskräftig werden."

Das Urteil ist derzeit noch nicht rechtskräftig. Eine Woche können Staatsanwaltschaft und Verteidigung gegen das Urteil Rechtsmittel eingehen.

Ein Holzkreuz mit der Aufschrift "In lieber Erinnerung - 09.02.2016" und ein paar Grablichter stehen an der Bahnstrecke zwischen Bad Aibling und Rosenheim.

Die Staatsanwaltschaft müsse noch intern abklären, ob sie gegen das Urteil vorgehen möchte. "Zufrieden in diesem Prozess kann ich nicht sein. Ich wäre zufrieden, wenn dieser Unfall nicht passiert wäre", so Oberstaatsanwalt Branz im Interview nach der Urteilsverkündung. Branz betonte aber, dass der Unterschied zwischen der Forderung der Staatsanwaltschaft und dem Urteil relativ gering sei. "Üblicherweise lässt man so etwas rechtskräftig werden." Ob die Verteidigung gegen das Urteil vorgehen wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Bereits nach den Plädoyers am Freitag, den 3. Dezember, kündigte Nebenklagevertreter Friedrich Schweikert in einem Interview an, dass man nun auch gegen die Bahn selbst zivilrechtlich vorgehen möchte.

mh

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser