Prozess um Zugunglück von Bad Aibling

Verteidigerin: "Für einen Laien leuchtet das Pult wie ein Christbaum"

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Verteidigung zweifelt an der Theorie, dass Handyspielen die Arbeit des Fahrdienstleiters nachweislich beeinträchtigte.
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Bad Aibling/Traunstein - Der Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling näherte sich am sechsten Verhandlungstag seinem Ende. In ihren Plädoyers äußerten die Verteidiger Zweifel an der Handyspiel-Theorie. Sie forderten maximal 2,5 Jahre Haft für Michael P.:

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Nachdem am sechsten Verhandlungstag um das tragische Zugunglück von Bad Aibling Oberstaatsanwalt Jürgen Branz in seinem Plädoyer 4 Jahre Haft für den angeklagten Fahrdienstleiter forderte, folgten die Plädoyers seiner Verteidigung.

Verteidigerin Thole macht den Anfang. Ihr Mandant habe sich zu Beginn des Verfahrens bereits an die Beteiligten gewandt. Er wünsche, dass er rückgängig machen könne, was passiert sei. Das sei nicht möglich. Die Beweisaufnahme habe gezeigt, wie der ideale Fahrdienstleiter hätte handeln müssen. Auch der Angeklagte hätte so handeln müssen. Die Vorkommnisse müssten also dediziert betrachtet werden. Der Fahrdienstleiter müsse auf eine zügige Abfolge der Züge achten. Nur so könne der Fahrplan eingehalten werden. Der Angeklagte habe irrtümlich angenommen, dass die Züge in Bad Aibling kreuzen sollten. Zuvor gestellte Weichen und Einstellungen habe er nicht vollständig zurückgenommen. Warum das passiert sei, könne der Fahrdienstleiter selbst nicht beantworten.

Verteidigerin: "Für einen Laien leuchtet das Pult wie ein Christbaum"

Es könne abschließend nicht geklärt werden, ob das Handyspiel für dieses Versäumnis verantwortlich sei. Eine an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit habe der Gutachter Dr. Brunnauer nicht aufzeigen können, so die Verteidigerin weiter. "Es war Herrn P. eine Störung am Bahnhof Heufeld im Gedächtnis", so Thole. Deshalb habe er sich entschieden, den Zug mit dem Sondersignal "ZS1" fahren zu lassen. Aufgrund der diskutierten Beschaffenheit der Strecke und der technischen Ausstattung müssten sehr viele unterschiedliche Faktoren berücksichtigt werden. "Für einen Laien, leuchtet das Pult wie ein Christbaum. Für einen Fahrdienstleiter sieht das wahrscheinlich nicht viel anders aus", summiert die Verteidigerin.

Nachdem der Angeklagte seinen Fehler erkannt hatte, habe er zwei Notrufe abgesetzt. Nur der erste Notruf sei dabei relevant gewesen. Ob das Unglück bei einem richtig abgesetzten Alarm hätte vermieden werde können, habe der Gutachter ebenfalls nicht abschließend klären können. "Als letztes will ich nochmal auf das Handy-Spiel zu sprechen kommen", so Thole. Es stehe fest, dass er während der Dienstzeit gespielt habe. "Es wurde aber nicht festgestellt, inwieweit er dabei aktiv war oder nur das Handy zum Spielen bereitgestellt wurde".

Verteidiger: "Ausgangspunkt war ein Ablesefehler im Fahrplan"

Zusammenfassend habe sich der Angeklagte der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht, erkennt die Anwältin. In Sachen Strafzumessung wird nun der zweite Verteidiger, Thilo Pfordte, weiter plädieren. "Menschliches Leben ist keine kumulative Größe", beginnt der Verteidiger. Deshalb werde er auch nicht über eine konkrete Zahl von Verletzten und Toten reden. Ausgangspunkt seiner Betrachtung sei, dass sich der Angeklagte schuldig gemacht habe. Nun gelte es einen angemessenen Rahmen für die Strafe zu finden. Es gelte zuerst zu klären, in welchem Maß er seine Sorgfaltspflicht verletzt habe. Es seien mehrere Fehler unterlaufen. Viele müssten dabei aber als sogenannte Folgefehler angesehen werden. Ursache sei das falsche Lesen des Plans, welche Züge wo kreuzen sollten, gewesen. Ein weiterer, unabhängiger Fehler sei der falsche Notruf gewesen.

Weiter äußert Thilo Pfordte Zweifel am Gutachten des Sachverständigen WillIn drei Punkten erkenne er Fehler: Beim Bremsweg, dem Wetter am Unfalltag und den Reaktionszeiten. Es könne in diesem Punkten nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesagt werden, ob die Parameter am 9. Februar auch so vorherrschten, wie sie im Gutachten aufgeführt wurden. "Ausgangspunkt war ein Ablesefehler im Fahrplan", man könne aber nicht zweifelsfrei sagen, ob dieser Fehler auch mit der Handynutzung in Zusammenhang zu bringen sei. Hier könnten, dies habe auch eine Nachfrage beim Gutachter ergeben, auch andere Gründe ausschlaggebend gewesen sein. Deshalb könne die Handy-Nutzung nicht alleine für das Fehlverhalten verantwortlich gemacht werden, folgert Pfordte.

"Das Thema ist einfach noch so gut wie gar nicht erforscht"

Manchmal könnten Fehler auch schlicht nicht nachvollziehbar sein. Manche Fehler würden einfach passieren, so der Verteidiger weiter. Ein Problem der selektiven Wahrnehmung. Ein Handy könne ein Aufmerksamkeitsdefizit auslösen, dass es aber immer erfolge, könne daraus nicht gefolgert werden. Weiter geht der Verteidiger auf die Grundlagen des Gutachtens des Diplom-Psychologen Dr. Brunnauer ein. Der Psychologe stütze sich auf eine Analyse, aus der auch hervorgehe, dass viele Menschen, die regelmäßig Computer-Spiele spielten, über ein besseres Arbeitsgedächtnis verfügen. "Das Thema ist einfach noch so gut wie gar nicht erforscht", Pfordte rate daher zur Vorsicht, das Handy als alleinigen Auslöser für eine mögliche Ablenkung zu sehen.

Verteidigung fordert maximal 2,5 Jahre für Fahrdienstleiter

Zum Thema Mitverschulden von Dritten seien fehlende Sicherungssysteme seitens der Bahn auf der Strecke nicht in der Schuldzumessung seines Mandanten zu berücksichtigen. Der Angeklagte habe pflichtwidrig gehandelt. Sein Vorleben sei trotzdem zu berücksichtigen. Weder Probleme im Dienst oder sonstige Versäumnisse hätten bisher stattgefunden. Ein Geständnis und auch eine Entschuldigung sei vom Angeklagten erfolgt.

Sein Mandant wisse nicht wie es weiter gehen könne, eine lebenslange Bürde sei vorhanden. Er werde nie wieder als Fahrdienstleiter arbeiten. Um das Strafmaß besser einschätzen zu können, habe man sich die Urteile der Fälle angesehen, die mit dem Unglück von Bad Aibling vergleichbar seien. In allen Fällen seien die Verantwortlichen zu Strafen mit Bewährung verurteilt worden. Es würde sich um das erste Urteil handeln, folge man dem Vorschlag der Staatsanwaltschaft, in dem ein Mensch für ein Versäumnis zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden würde. Sollte man sich dennoch dazu entscheiden, den Angeklagten ohne Bewährung zu verurteilen, hält Pfordte eine Strafe von maximal 2 Jahren und 6 Monaten für angemessen.

sl/mh

Quelle: rosenheim24.de

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