Prozess um Zugunglück von Bad Aibling

Experte: Unglück von Bad Aibling hätte vermieden werden können

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Angeklagter Michael P. berät sich am vierten Prozesstag mit seiner Rechtsanwältin Ulrike Thole und Rechtsanwalt Thilo Pfordte.
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Bad Aibling/Traunstein - Am Montag wurde die Verhandlung gegen den 40-jährigen Fahrdienstleiter des Zugunglücks von Bad Aibling weiter fortgesetzt. Ein Sachverständiger hat berechnet, dass das Unglück hätte vermieden werden können. Die Voraussetzungen dafür:

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Zum wiederholten Mal sagte am vierten Verhandlungstag Sachverständiger Martin Will aus. Der vereidigte Sachverständige für Schienenfahrzeuge war bei bisher allen Verhandlungstagen anwesend.

Der 61-Jährige arbeitete im Auftrag der Staatsanwaltschaft Traunstein, Zweigstelle Rosenheim und hat ein Gutachten zu den Ursachen des Unglücks erstellt.

Experte: "Unglück hätte vermieden werden können"

Martin Will stellt nun den zeitlichen Ablauf der Geschehnisse am 9. Februar erneut dar:

"Ich habe noch Ergänzungen eingetragen und einen Zeitstrahl aufgestellt", steigt der Sachverständige in seine Betrachtungen ein. Zunächst stellt er jetzt die zusätzlichen Punkte vor. "Wann wurden welche Signale vom Zug von Rosenheim nach Kolbermoor gestellt? (...) Spätestens um 6.39 Uhr hatte der Fahrdienstleiter die Einfahrt nach Kolbermoor gestellt", so der Sachverständige. Frühestens hätte die Ausfahrt somit um 6.21 Uhr freigegeben werden können. Der Gegenzug, von Heufeld nach Bad Aibling, hätte spätestens 6.40 Uhr und frühestens um 6.16 Uhr freigegeben werden können.

"Die Abmeldung bzw. Annahme der beiden Züge seitens des Fahrdienstleiters ist also beinahe zeitgleich um 6.29 Uhr erfolgt", ergänzt Richter Erich Fuchs, der die Daten aus den Fernschreibern und Zugbüchern mit den Ausführungen des Sachverständigen vergleicht. Sowohl Martin Will als auch Rüdiger Muschweck stimmen zu. Aus weiteren Berechnung ergäben sich nun die Zeiten, wie lange die Zuginsassen das ZS1 Signal am Bahnhof in Bad Aibling sehen konnten. "Zwischen 3 und 5 Sekunden leuchtete das Signal und hätte auch von den Zugreienden wahrgenommen werde," so der Sachverständige weiter. "Wenn der erste Notruf richtig an die Triebfahrzeugführer gegangen worden wäre, hätte das Unglück vermieden werden können", ergänzt Will. 10 Sekunden nach dem ersten Notruf seien die beiden Züge noch knapp 900 Meter voneinander entfernt gewesen. Die Entfernung hätte ausgereicht, beide Züge noch vor einer Kollision bis zum Stand abzubremsen.

Schnellbremsung reichte nicht mehr aus

Um 6.43 Uhr fuhr der erste Zug dann aus dem Bahnhof in Bad Aibling Richtung Kolbermoor ab, so Gutachter Martin Will. Um 6.45 Uhr kam er im Kurpark an, die Haltezeit betrug 18 Sekunden, danach Weiterfahrt nach Kolbermoor. Die Schnellbremsung des Zuges sei dann rund zwei bis drei Sekunden vor dem Aufprall erfolgt. Beim Gegenzug aus Rosenheim ergebe sich folgender Zeitablauf: Die Einfahrt im Bahnhof Kolbermoor fand um 6.40 Uhr statt. Dort stand der Zug dann fünf Minuten, bis er planmäßig weiter fuhr. Die Ausfahrt aus dem Bahnhof Kolbermoor erfolgte um 6.45 Uhr. Er sei an einem Punkt auf der Strecke von einem Magneten mit 1.000 Hertz beeinflusst worden; ein technisches Merkmal, dass sich bei einem entgegenkommenden Zug auch nicht ausschalten lässt, so der unabhängige Gutachter. Eine Verzögerung, die die Kollision aber nicht mehr verhindern konnte.

"Er muss damit rechnen, dass die Züge bei der Abfahrtszeit losfahren"

Erst um 6.45 Uhr müsse auch die Anzeige beim Fahrdienstleiter dargestellt haben, dass die Zugstrecke bereits belegt war. Auf Nachfrage des Gerichts bestätigte Will, dass aber auch eine Rücknahme des "ZS1"-Signals keinerlei Auswirkung auf die Situation gehabt hätte, die Züge hätten den Weg weiter fortgesetzt. "Er muss damit rechnen, dass die Züge bei der Abfahrtszeit losfahren", so Martin Will, der Beginn der Fehlerkette sei also schon früher anzusiedeln.

Zusammenfassend sei also zu erkennen, so der Leitende Oberstaatsanwalt Branz, dass der Stelltisch des Fahrdienstleiters schon rund dreieinhalb Minuten lang die freie Fahrt des Zuges aus Rosenheim im Kolbermoorer Bahnhof angezeigt hatte. Und zwar in dem Moment als der Angeklagte dem entgegenkommenden Zug aus Bruckmühl das Sondersignal ZS1 gab. "In diesem Fall haben beide Triebfahrzeugführer mit nichts Bösem gerechnet. (...) Es passiert etwas, was eigentlich nicht passieren kann", so Will weiter. Daraus ergebe sich auch eine leichte Abweichung beim Einleiten der jeweiligen Notbremsung. 

"Es ist ein sicheres System. Aber es treten Störungen auf."

Gegen Ende der Aussage des Sachverständigen stellte Richter Erich Fuchs erneut die Frage, ob zusätzliche Sicherungssysteme existieren, die eine Kollision verhindern können. "Ich habe von Versuchen bei der Eisenbahn im Harz gelesen. Ich halte das aber nur für eine Hilfskonstruktion für die, die keine Sicherheitssysteme haben." Und weiter: "Es ist ein sicheres System. Aber es treten Störungen auf. Und nur dann wird die volle Verantwortung auf den Menschen verlagert."

Die Lösung des Problems könne, laut des Gutachters, aber kein zusätzliches System sein. Vielmehr müsse den Bedienern klar gemacht werden, welche Verantwortung sie hier tragen. "Sie müssen die Strecke vor dem Zug mindestens einen Kilometer frei halten", auch deshalb könnten im Fall der Eisenbahn nur sehr begrenzt Frühwarnsysteme zum Einsatz kommen. Richter Erich Fuchs entließ den Sachverständigen anschließend aus dem Zeugenstand.

sl/mh

Quelle: rosenheim24.de

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