Prozess um Zugunglück von Bad Aibling

Experte: Seitenwand eines Zuges wurde regelrecht abgeschält

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Begleitet von seiner Anwältin Ulrike Thole (M) betritt der Angeklagte Michael P. (l) am ersten Prozesstag den Sitzungssaal im Landgericht in Traunstein.
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Bad Aibling/Traunstein - Am Montag sagte auch ein eigens von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter vor Gericht aus. Er hat zur Erstellung seines Gutachtens zahlreiche Beweismittel untersucht:

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Am Nachmittag des dritten Prozesstages sagte ein Sachverständiger für Schienenfahrzeuge, Diplom-Ingenieur Martin Will aus. Der vereidigte Sachverständige war bei bisher allen Verhandlungstagen anwesend.

Der 61-Jährige arbeitete im Auftrag der Staatsanwaltschaft Traunstein, Zweigstelle Rosenheim und hat ein Gutachten zu den Ursachen des Unglücks erstellt.

Diplom-Ingenieur wertete "Redboxen" aus

Hierzu hat er sich diversen Datensätzen aus Zügen und Stellwerken bedient. Ein neues System sei die sogenannte „Redbox“, die der Sachverständige selbst auch zum ersten Mal auswertete. Sie sei für Fahrzeugentwickler als Hilfe bei der Störungssuche gedacht. Insgesamt 180 analoge und digitale Signale werden dort extrem genau aufgezeichnet und manipulationssicher gespeichert. Die Redbox soll gegen systematische Fehler beim Bau, wie etwa falsches zusammenbauen, und zufällige Fehler im Betrieb sehr gut geschützt sein. Die Aussagewahrheit sei sehr hoch. Zwei Redboxen konnten vollständig ausgelesen werden.

Fahrgast hat Sondersignal beobachtet

Diplom Ingenieur Martin Will hat auch Zeugenaussagen bei der Erstellung seines Gutachtens berücksichtigt. Der Bahnübergang in Kolbermoor soll demnach sehr lange geschlossen gewesen sein. Ein Fahrgast habe aus dem Zug heraus zwei Mal das ZS 1 Signal beobachtet.

Ort, Zeit und Geschwindigkeit passen zusammen

Bei Auswertung der verschiedenen Daten sei der Sachverständige zu dem Ergebnis gekommen, dass eine widerspruchsfreie Datenlage für Ort, Zeit und Geschwindigkeit der Züge ergeben - mit einer Toleranz bis zu einzelnen Sekunden bzw. Metern. Sprich: Ort, Zeit und Geschwindigkeit passen zusammen. Für die Bedienhandlungen im Stellwerk lassen sich keine exakten Zeitangaben rekonstruieren.

Zs 1 Signal rund zwei Minuten zu spät

Die Leuchtzeit für Zs 1 beträgt maximal 90 Sekunden. Das Signal gelte, sobald der Lokführer es wahrnimmt. Die geschätzte Zeit vom Aufleuchten bis zur Abfahrt betrage laut Gutachter 10 Sekunden. Der späteste Zeitpunkt, zu dem das Sondersignal hätte gegeben werden können, sei 6.43 Uhr und 29 Sekunden gewesen.

Das Zs 1 Signal wurde laut Gutachten am Kurpark um etwa 6.45 Uhr und 34 Uhr gegeben; somit wurde es rund zwei Minuten zu spät gegeben.

Seitenwand eines Zuges wurde regelrecht abgeschält

„Die Züge sind aneinander vorbei geglitten“, so der Experte. „Die Fahrgäste die hinten saßen, haben von dieser Konstellation, wenn man so will, profitiert.“ Ein Zug habe sich im entgleisten Zustand nach der Kollision wieder etwa einen Meter nach links bewegt. Somit gebe es nicht „den Kollisionsort“.

An beiden Fahrzeugen habe es laut Gutachter keinerlei Anhaltspunkte für Abweichungen vom regelkonformen Zustand ergeben. Auch die Triebfahrzeugführer hätten einen einwandfreien Lebenslauf nachgewiesen. Die Fahrweise beider Lokführer sei ohne Beanstandung gewesen.

Der Gutachter erläutert darüber hinaus, wie sich die Lokführer bei einer Verlegung der Kreuzung der Züge verhalten müssen: „Der Triebfahrzeugführer fährt mit seinem Zug ab, wenn die Zustimmung des Fahrdienstleiters vorliegt beispielsweise durch Geben des Signals „Fahrt“ oder „Zs 1“ und sonstige Bedingungen erfüllt sind (z.B. Abfahrtszeit gekommen, Fahrgastwechsel abgeschlossen etc.).“

Zustand der Fahrzeuge einwandfrei

Die komplette Infrastruktur (Gleise, Weichen, Oberleitungen etc.) sei aus Sicht des Gutachters nicht zu beanstanden gewesen. Die Stellwerksinnen- und -außenanlagen könne er nicht beurteilen, hier müsse er sich auf Aussagen von Kollegen berufen.

Das Verlegen einer Kreuzung sei ein völlig alltäglicher Vorgang. Das Unterlassen der Räumungsprüfung zwischen Bad Aibling und Kolbermoor sei ursächlich für den Zusammenstoß gewesen.

Im Ergebnis könne man sagen, der Fahrdienstleiter habe seine Pflichten verletzt. Die Technik als solches habe funktioniert. Es habe auch keine auffällige Häufung von Zs 1 nachgewiesen werden können, womit man auf eine Störung hätte schließen können.

Bremsweg hätte bei rechtzeitigem Notruf ausgereicht

Wäre der erste Notruf beim Lokführer angekommen, wäre der Zug unter Berücksichtigung von Reaktions- und Rufaufbauzeit aus Bad Aibling 205 Meter vor dem Kollisionsort zum stehen gekommen. Beim Gegenzug hätte es sich ähnlich verhalten. Die Kollision hätte also verhindert werden können, wenn der Notruf angekommen wäre.

Als Kollisionszeitpunkt sehe der Gutachter den Ausfall der Datenaufzeichnungen. nicht die erste Berührung der beiden Züge. Seriös könne er also keinen genauen Zeitpunkt nennen, es handle sich dabei aber um Bruchteile von Sekunden. Der Bremsweg hingegen könne genau angegeben werden.

Der Gutachter bestätigt ebenfalls, dass ein kleiner Melder anzeigen hätte können, dass die Strecke nicht frei gewesen sei; somit hätte aktuelle Technik das tragische Unglück verhindern können.

jb/mh

Quelle: rosenheim24.de

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