Totschlag-Prozess am Landgericht Traunstein:

Nachbarinnen belasten Angeklagten

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Traunstein/Prien - Seit dem Vormittag steht ein 65-Jähriger vor Gericht, der eine Frau erstochen haben soll. Vier Nachbarinnen belasteten den Mann am Nachmittag bei ihren Aussagen schwer:

UPDATE 16.35 Uhr: Vier Nachbarinnen belasten Angeklagten

Vier Nachbarinnen des Angeklagten machten am Nachmittag ihre Aussage. Eine der Frauen erklärte vor Gericht, sie habe Schreie an dem Nachmittag des 11. August 2013 im Haus vernommen."Zuerst dachte ich, es wären Kinderschreie. Doch dann hörte ich auch, wie jemand 'hilfe, hilfe' rief." Sie sei daraufhin zur Wohnung der Geschädigten gegangen und habe von der Treppe aus die Frau in der Tür liegen sehen. "Der Angeklagte hatte ein Messer in der Hand und war im Begriff, die Geschädigte in die Wohnung zu ziehen." Sie sei daraufhin zu einer anderen Nachbarin gegangen und habe ihr die Situation geschildert. Zusammen seien sie dann zurück zur Wohnung der Geschädigten. 

"Der Angeklagte hat die Tür ein Spalt weit geöffnet und uns erklärt, es sei alles in Ordnung und die Frau hätte nur einen Anfall gehabt. Ich war aber immer noch nicht so ganz glücklich mit der Erklärung." Sie sprach daher noch mit einer weiteren Nachbarin über die Ereignis und diese riet ihr, sofort die Polizei zu rufen. "Das tat ich dann auch." Sie habe dann noch mitbekommen, wie die Tür des Angeklagten von der Polizei aufgebrochen und die tote Frau anschließend hinausgetragen wurde. Die Aussagen der übrigen drei Nachbarinnen decken sich mit ihren Einlassungen.

UPDATE 15.45 Uhr: Beamte widersprechen Angeklagtem

Am frühen Nachmittag ging die Verhandlung weiter. Ein 58-jähriger Hauptkommissar, der für die Spurensicherung am Tatort zuständig war, machte dabei Angaben zu den einzelnen Blutflecken in der Wohnung des Opfers. "Auffällig war, dass in einem Regal im Eingangsbereich sehr viele Blutflecken in den unteren Fächern aufgefunden wurden. Man kann davon ausgehen, dass der Täter nicht ausschließlich aus einer stehenden Position zugestochen hat, sondern auch aus einer tieferen Position." 

Dies widerspricht den Angaben des 65-Jährigen, der in seiner Aussage beschrieb, dass er mit geschlossenen Augen auf die Geschädigte eingestochen hat. Anschließend kamen die beiden Beamten zu Wort, die am Tatnachmittag zuerst die Wohnung betraten und den Angeklagten verhafteten. Der 48-jährige Polizist der Inspektion Prien sagte aus, dass er mit seinem Kollegen den Notruf erhalten habe, dass eine Frau von einem Mann in eine Wohnung gezogen worden wäre. Der Mann habe angeblich ein Messer. "Als wir in das Mehrfamilienhaus kamen, war erstmal alles ruhig." Eine Nachbarin habe ihnen dann erzählt, dass vor der Wohnung der Geschädigten ein riesiger Blutfleck sei. "Wir konnten den Fleck allerdings nicht entdecken, weil die Putzfrau, wie wir später erfahren haben, das Blut zwischenzeitlich schon weggewischt hatte." 

Die Beamten gingen danach zur Wohnung des Opfers und klingelten an der Tür. Eine Männerstimme habe daraufhin aus der Wohnung geantwortet, er komme gleich und was sie denn wollten. "Er hat versucht, uns hinzuhalten. Daher haben wir gleich gewusst, dass etwas nicht stimmt." Nachdem der Angeklagte auch nach mehrmaligen Aufforderungen nicht öffnete, trat einer der Beamten die Tür ein. "Dort haben wir auch gleich den 65-Jährigen mit einem blutverschmierten Hemd im Badezimmer stehen gesehen.Auf der Badewannen-Kante links neben ihm lag ein Messer." Als er versucht habe, nach dem Messer zu greifen, habe ihn der andere Polizist sofort Pfefferspray in die Augen gesprüht. "Danach ließ der Angeklagte das Messer ins Klo fallen. Von der Verhaftung selbst habe ich nicht mehr viel mitbekommen, weil ich auch etwas vom Pfefferspray abbekommen habe", so der 48-Jährige. Auch in diesem Punkt widersprechen sich die Einlassungen der Beamten und die des Angeklagten. Dieser gab in seiner Aussage zu Protokoll, dass er auf der Toilette gesessen habe, als die Polizisten die Wohnung betraten. Außerdem habe er das Messer nicht gegen die Beamten gerichtet. "Ich war viel zu sehr mit mir selbst und meinem Selbstmord beschäftigt in diesem Moment", so der 65-Jährige.

UPDATE 12.23 Uhr: 65-Jähriger beschreibt die Tat

Nach der Anklageverlesung machte der 65-Jährige Angaben zu seiner Person. Er habe im Schutze seines Elternhauses eine glückliche Kindheit verlebt. Überaus eloquent und wortgewandt beschrieb er anschließend seinen schulischen Werdegang und die Zeit mit seiner damaligen Ehefrau und seiner Tochter. Das Sorgerecht sei ihm entzogen worden, nachdem er dem Kind im Urlaub "den Bruchteil einer Schlaftablette" gegeben habe. “Das war ein Fehler von mir,” so der 65-Jährige. Aus zweiter Ehe stammen zwei weitere Kinder. Nach dem Aus der Beziehung sei es zu einem regelrechten "Rosenkrieg" um das Sorgerecht der Kinder gekommen.

Anschließend kam er auf das Morddelikt in Wien zu sprechen. Er habe eine Waffe bei sich getragen, weil er im Zuge seiner Arbeit große Geldmengen mit sich herumtragen musste. Mit euphorischer Stimmung wollte er seine damalige Freundin Diana besuchen. “Als ich sie auf der Straße mit einem anderen Mann sprechen sah, schoss ich auf sie. Ich weiß davon aber gar nichts mehr. Ich bin erst wieder zu mir gekommen, als ein Mann auf mir kniete.” Für seine Tat wurde er zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt. Bei den Ausführungen wirkt der Angeklagte gefasst und abgeklärt. Selbst als er über den Selbstmord seines Sohnes spricht, zeigt er keinerlei emotionale Regung. “Er war in das Drogenmilieu abgerutscht und wurde mit hinter dem Rücken gefesselten Händen und einer Plastiktüte über dem Kopf tot aufgefunden. Doch ich hatte zu dieser Zeit keine Kraft mehr, der Sache auf den Grund zu gehen.”

Danach kommt er auf die Beziehung mit seiner 63-jährigen Nachbarin in Prien zu sprechen. Kennengelernt habe er sie im März 2013. “Ich hatte nie vor, mit ihr eine Beziehung anzufangen, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits mit meinem Leben abgeschlossen hatte.” Doch durch sie blühte seine Lebenslust wieder auf. “Wir haben zusammen Urlaub in Lissabon gemacht und viel miteinander unternommen.” Doch auch sie habe Suizidgedanken mit sich herumgetragen, so der Angeklagte. Bei beiden habe eine gewisse “Lebensmüdigkeit” bestanden. “Ich bestellte daher eine CO2-Patrone, um damit schmerzlos aus dem Leben zu scheiden.” Aber ihre Stimmung habe sich anschließend wieder gebessert – bis es dann im August zu der folgenreichen Auseinandersetzung kam. Vor seinen Einlassungen zum Tatgeschehen selbst, zeigt sich der 65-Jährige dann doch von seiner emotionalen Seite: “Ich neige mein Haupt vor der Trauer und dem Schmerz der Angehörigen.”

Danach beschrieb der Angeklagte die Geschehnisse des 11. August 2013. Er habe für sich und die 63-Jährige in der Früh Kaffee in seiner Wohnung zubereitet. Dazu habe man Sambuka getrunken. “Dabei ist die Trennung immer im Raum gestanden. Ich habe gemerkt, meine Stimmung verschlechtert sich zunehmend.” Um seinem Leben ein Ende zu setzen, habe er sich daraufhin ein Messer genommen, sich im Wohnzimmer zu ihr gesetzt und mit dem Messer an der Brust zu ihr gesagt: “Ich töte mich jetzt”. Sie habe ihm daraufhin das Messer aus der Hand genommen und zu ihm gesagt: “Lass das, wir lieben uns doch.” Dabei habe sie sich an der Hand verletzt. Anschließend habe sie zu ihm gesagt: “Komm, wir gehen jetzt ins Bett.” Doch er sei dazu nicht in der Lage gewesen, weil er das ganze nicht als eine ernsthafte Aufforderung erachtete habe. “Mir stand in diesem Moment nicht der Sinn nach Zärtlichkeiten. Außerdem dachte ich mir, dass sie das nur gesagt hatte, um mich abzulenken.” Sie sei daraufhin zur Haustür gegangen und habe hinausgerufen: “Hilfe, Hilfe! Ich sterbe jetzt hier.” Von dem folgenden Geschehen, habe er nichts mehr mitbekommen. “Ich habe die Augen wohl zu gehabt.” Mit zitternder Stimme beschreibt der Angeklagte, wie er mit dem Messer über ihr stand und auf sie einstach. “Ich habe dann erkannt, dass sie gestorben war.” Da er das Messer danach nicht mehr finden konnte, um sich selbst umzubringen, sei er anschließend in seine Wohnung gegangen. Mit zwei anderen Messern sei er dann wieder zurückgekommen. “Doch da klopfte schon die Polizei an die Tür. Ich habe mir daraufhin ein Messer zweimal durch die Bauchdecke gestoßen.” In der Zwischenzeit hätten die Beamten schon die Tür eingetreten. “Sie haben mich dann mit Pfefferspray attackiert, so dass ich zu keinen Handlungen mehr in der Lage war.”

Vorbericht

Ein 65-jähriger Mann muss sich ab Dienstag vor dem Traunsteiner Landgericht wegen Totschlags verantworten. Im August vergangenen Jahres soll er seine damalige Lebensgefährtin, die in dem Mehrfamilienhaus neben ihm gewohnt hat, mit zahlreichen Messerstichen in Hals- und Oberkörper tödlich verletzt haben. Zwischen zehn und 20 Mal soll er auf sein Opfer eingestochen haben. Grund für die Tat soll ein Beziehungsstreit zwischen dem mutmaßlichen Täter und der 63-Jährigen gewesen sein. 

Im Gespräch mit chiemgau24.de meinte ein Nachbar der beiden, dass er lautstarke Schreie am Nachmittag der Tat in dem Haus gehört habe. "Hau ab, lass mich in Ruhe!", habe eine Frauenstimme geschrien. Auch eine weitere Nachbarin hatte den Streit mitbekommen. "Als ich zur Wohnung der 63-Jährigen ging, entdeckte ich das Blut im Flur vor ihrer Wohnungstür", so die Frau. Die Anwohner verständigten daraufhin sofort die Polizei, die auch wenig später in dem Mehrfamilienhaus eintraf. "Nachdem die Wohnungstür aber nicht geöffnet wurde, haben die Beamten diese gewaltsam aufgemacht. In der Wohnung fanden die Polizisten dann eine tote Frau. Es handelte sich dabei um die 63-jährige Wohnungsinhaberin", berichtete Polizeisprecher Stefan Sonntag.

Hat der Angeklagte erneut getötet?

Für den 65-Jährigen ist es nicht das erste Mal, dass er sich wegen eines Tötungsdelikts vor Gericht verantworten muss. Wie das OVB berichtet, wurde der gebürtige Nordrhein-Westfale bereits 1985 wegen Mordes zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Er hatte seine damalige Ex-Freundin mit einer Pistole erschossen und anschließend einen österreichischen Polizisten mit einem Schuss und mehreren Messerstichen schwer verletzt. 1997 wurde er zur Bewährung aus der Haft entlassen.

Der neue Prozess gegen den 65-Jährigen ist auf vier Tage angesetzt. Chiemgau24.de ist am Dienstag für Sie vor Ort und berichtet zeitnah von den Geschehnissen vor Gericht.

Interview mit Polizeisprecher Stefan Sonntag vom 12. August 2013:

Quelle: chiemgau24.de

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