Prügel-Vorwürfe: Rechtsanwälte "ermitteln" selbst

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Links: Diese Verletzung soll dem 15-Jährigen ein Polizist beigebracht haben. Rechts: Familie E. wird im eigenen Hausflur von Beamten niedergerungen

Rosenheim - Ausgelöst durch die Prügel-Vorwürfe gegen den Inspektionsleiter und den Fall der Familie E. aus Pfaffenhofen stellen Rechtsanwälte im Raum Rosenheim jetzt eigene Recherchen an.

Rund 15.000 Straftaten gab es 2010 in Stadt und Landkreis Rosenheim - fast 70 Prozent davon hat die Polizei aufgeklärt. Und nicht nur das. Sie hat durch ihr beherztes Eingreifen auch dafür gesorgt, dass schlimme Alkoholunfälle erst gar nicht passiert, Drogen nicht in die Hände von Jugendlichen gelangt und viele Schlägereien nicht eskaliert sind. Doch dies rückte mit einem Schlag in den Hintergrund - seit bekannt wurde, dass der Chef der Polizeiinspektion Rosenheim einen 15-Jährigen krankenhausreif geprügelt hat.

Während die Ermittlungen gegen den suspendierten Inspektionschef weiter vorangetrieben werden, scheinen die Vorfälle in der Rosenheimer Wiesn-Wache und in einem Wohnblock in Pfaffenhofen die OVB-Leser weiterhin wie kein zweites Thema zu beschäftigen. Kein Tag vergeht, ohne dass nicht neue Beiträge, Anrufe oder E-Mails zu den Prügelvorwürfen eintreffen. Sie alle berichten von persönlichen Erfahrungen, die sie mit der Rosenheimer Polizei gemacht haben - die einen gute, die anderen schlechte.

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"Lasst die Polizei, die hervorragende Arbeit leistet, endlich wieder in Ruhe arbeiten", fordern nicht nur manche Politiker und Leitende Oberstaatsanwälte, sondern auch zahlreiche Leser. Andererseits klagen Betroffene und Anwälte, dass in jüngster Vergangenheit einige weitere Beamte unverhältnismäßig hart durchgegriffen hätten und sich ohne Not der Körperverletzung schuldig gemacht hätten.

Bemerkenswert: Ausgelöst durch die Prügel-Vorwürfe gegen den Inspektionsleiter und die zehn Beamten, die in Pfaffenhofen eine vierköpfige Familie überwältigt haben, stellten Rechtsanwälte im Raum Rosenheim eigene Recherchen an. Haben sich in weiteren Fällen die Festgenommenen des Widerstands gegen die Staatsgewalt oder der Beamtenbeleidigung schuldig gemacht - oder die Polizisten der Körperverletzung im Amt? Der Austausch unter Verteidigern habe ergeben, dass die Namen bestimmter Polizisten immer wieder auftauchten, sagt Rechtsanwalt Dr. Andreas Michel aus Rosenheim.

Einer seiner Mandantinnen sei bei einer Festnahme in ihrer Wohnung - es war eine Ruhestörung gemeldet worden - der Ellbogen gebrochen worden, so der Anwalt. Sein Kollege Wilhelm Graue schildert einen Fall, bei dem ein Vater (30) vor den Augen seines kleinen Sohnes, der im Einkaufswagen saß, auf dem Parkplatz eines Supermarktes niedergerungen und abgeführt wurde.

Dabei hatte der Mann die Polizei nach einem Bagatell-Unfall - Einkaufswagen gegen ausparkendes Auto - selbst geholt, den Beamten auch seine Personalien bereitwillig gegeben, wollte aber dann heim fahren, was ein Polizist nicht zulassen wollte. Für die Gerichte war der Fall klar: Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung, wobei das Traunsteiner Landgericht das Urteil des Rosenheimer Amtsgerichtes - zehn Monate auf Bewährung - auf eine Geldstrafe von 2700 Euro abminderte. Aber auch die will der junge Vater nicht akzeptieren und zieht jetzt vors Oberlandesgericht.

Helmut Vordermayer, Leitender Oberstaatsanwalt in Traunstein, hat der Vermutung, in Rosenheim würden ein paar Beamte härter zupacken, im Gespräch mit unserer Zeitung mit Vehemenz als haltlos zurückgewiesen. In Rosenheim gebe es diesbezüglich nicht mehr Beschwerden als in anderen Inspektionen.

Aus dem Archiv:

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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