Auentunnel oder Kirchholztunnel?

Interview mit Gerd Spranger: "Verliert Bad Reichenhall sein Umwelt-Gewissen?"

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Dicke Luft in Bad Reichenhall - Auen- oder Kirchholztunnel?
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Bad Reichenhall - Der Verein "Reichenhall Pro Kirchholztunnel" kritisiert den Stadtrat wegen seiner Haltung zu der Frage Auen- oder Kirchholztunnel. BGLand24.de hat den Vereinsvorsitzenden Gerd Spranger zum Interview getroffen:

Der Journalist und Autor Gerd Spranger ist der Vorsitzende des Vereines "Reichenhall Pro Kirchholztunnel". Zusammen mit den anderen Mitgliedern des Vereines wurde die Initiative "Auentunnel-Saalach-Bad-Reichenhall" gegründet. 

Der Verein kritisiert die Vorantreibung des Auenwaldtunnels massiv und fordert, auf Alternativen wie zum Beispiel den Kirchholztunnel zurückzugreifen. Aufgrund der offenen Bauweise des Auentunnels müssen laut dem Verein rund acht Hektar Auwald gefällt werden. Offene Bauweise bedeutet, dass man bei Tunnelarbeiten Bäume fällt und die Röhre gräbt und nach Fertigstellung wieder mit einem Deckel abschließt. Geschlossene Bauweise bedeutet, dass nur "innerlich" gearbeitet wird, also eine Tunnelröhre gebohrt wird.

Interview mit Gerd Spranger

Herr Spranger, Sie kritisieren, dass Bad Reichenhall sein Umwelt-Gewissen verlieren würde. Was haben wir darunter zu verstehen?

Der Stadtrat von Bad Reichenhall beschäftigt sich ernsthaft damit, acht Hektar Auwald entlang der Saalach zu fällen. Im Juni beschloss der Stadtrat sich bei der Ortsumfahrung für Bad Reichenhall eine Variante namens Auen-Tunnel offen zu halten. Das würde bedeuten, dass acht Hektar Auwald entlang der Saalach mitsamt dem Ökosystem geopfert würden. Die Risiken bei Hochwasser für die Stadt Bad Reichenhall wären dabei unkalkulierbar.

Überall sonst, diesseits und jenseits der Grenze nach Österreich, werden alle Bemühungen verstärkt, den Gebirgsflüssen Saalach und Salzach wieder soviel Naturraum wie möglich zu geben, in Bad Reichenhall aber würde dann direkt entlang des Flusses eine etwa fünf bis sechs Meter tiefe und 20 Meter breite Autoröhre als Ortsumfahrung gegraben werden.

Dass dabei ein intakter, alter Auwald im Wege steht, scheint niemanden zu stören, weder die Grünen noch den Bund Naturschutz und die SPD und CSU ebenso wenig. Einzig die FWG (Freie Wählergemeinschaft) stemmt sich gegen das Vorhaben, pocht geschlossen auf die längst beschlossene und genehmigte Ortsumfahrung von Bad Reichenhall über den geplanten und bereits baureifen Kirchholz- und Stadtbergtunnel.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für diese Haltung?

Hintergrund der neu aufgeflammten Bemühungen ist das Ansinnen des Industriellen Max Aicher, der auf dem Predigtstuhl ein Pumpspeicherwerk errichten will, am Poschberg in direkter Nähe dazu den Abbau von Dolomitgestein intensivieren möchte und darüber hinaus eine Möglichkeit sucht, eine Starkstromleitung durch das Reichenhaller Tal zu legen.

Aber es gibt ja auch noch einen Stadtrat, der zu diesem Thema etwas zu sagen hat? 

Die Stadträte greifen den Vorschlag Auen-Tunnel hoffnungsvoll auf, da sie glauben dass sie damit Einwände gegen einen Kirchholz- und Stadtbergtunnel entgehen können. Zuletzt haben sich im Jahr 2013 von 14.078 wahlberechtigten Bürgern 2715 gegen diese Umfahrung ausgesprochen. Mit Argumenten wie die Sole sei unsicher oder es komme dann ein direkter Autobahnanschluss am Grenzübergang Walserberg, wurde Stimmung gegen den Tunnel gemacht. Dabei wurde damals mit vielen Unwahrheiten einfach nur Stimmung gemacht. Und grob gerechnet sind es gerade einmal rund 19 Prozent, also eine absolute Minderheit die gegen den Kirchholztunnel sind.

Welche Auswirkungen hat der Kirchholztunnel Ihrer Meinung nach?

Das Staatliche Bauamt in Traunstein, und auch der von der Saline beauftragte Sachverständige Dr. Kellerbauer, aber hatten längst unmissverständlich klar gestellt, dass eine Gefährdung der Sole in keiner Weise gegeben ist. „Ebenso wenig steht ein Autobahnanschluss am Walserberg in irgendeinem Zusammenhang mit dem Bau der Ortsumfahrung über den Kirchholz- und Stadtbergtunnel“, stellt Martin Bambach vom Staatlichen Bauamt Traunstein klar. Anders aber sieht die Sache bei der von Max Aicher voran getriebenen Variante Auen-Tunnel aus. Es ist völlig ungewiss, wie sich der tiefe, durchgängige Einschnitt direkt neben dem Gebirgsfluss auf das Grundwasser auswirkt und welche Folgen etwa bei einem schweren Hochwasser auf die Stadt zukommen. Bereits in den letzten Jahren liefen viele Keller und Tiefgaragen in der Stadt voll, wenn Dauerregen und Schmelzwasser den meist unscheinbar vor sich hin fließenden Fluss zu einem wilden, alles mit sich reißenden Strom anschwellen lassen.

Was sagen die Behörden dazu?

Das Staatliche Bauamt Traunstein findet ebenfalls deutliche Worte gegen das Wunschprojekt von Max Aicher, denn das Projekt müssen entsprechende topografische und rechtliche Erfordernisse begründen. Ebenso sind auch „etwaige nachteilige Umweltauswirkungen des Vorhabens zu berücksichtigen, heißt es von offizieller Seite. Das aber dürfte beim Auentunnel mehr als schwierig werden.

Max Aicher aber lässt nicht locker. Er versucht über den Oberbürgermeister der Stadt Bad Reichenhall Einfluss zu nehmen, ebenso wie über den ehemaligen Landrat von Traunstein, Hermann Steinmaßl und scheut auch den Gang bis zu Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nicht. 

Hermann Steinmassl hatte er im Frühjahr bereits für die Landesgartenschau bemüht. Er wollte sie nach Bad  Reichenhall holen. Auch hier wäre eine Tunnel-Lösung für den extrem starken Verkehr auf der B20 und B21 in Bad Reichenhall nötig gewesen. Am Besten womöglich mit einem Auen-Tunnel, um das Gelände gleich mit umgestalten zu können. Als Miteigentümer von Predigtstuhlbahn, -Hotel und -Alm, hätte die Landesgartenschau hoch oben auf den Berg einen Part gefunden. 

Der Oberbürgermeister der Stadt Bad Reichenhall ließ eine entsprechende Bürgeranfrage bei der gestrigen Stadtratssitzung bezüglich des Auen- und Kirchholztunnels abblitzen. „Die Wochenfrist sei nicht eingehalten worden“, heißt die lapidare Begründung. Tatsächlich aber ist die Anfrage am Dienstag der Vorwoche der Stadtratssitzung abgegeben worden. 

Gefragt wurde, ob Oberbürgermeister Dr. Herbert Lackner mit dem Bauunternehmer Max Aicher bei dem Bundesverkehrsminister Dobrindt für die Pläne eines Auentunnesl vorstellig waren. Gefragt wurde weiters, ob von Seiten des Stadtrates Bad Reichenhall ein Auftrag dafür bestehe und ob es von Seiten des Staatlichen Bauamtes Neuigkeiten bzgl. des Kirchholz- und Stadtbergtunnels oder im Hinblick auf den (so genannten) Auen-Tunnel gibt. 

Die nächste öffentliche Stadtratssitzung ist erst für den 12, September 2017 angesetzt. Bis dahin müssen sich die Bürger und Räte der Stadt wohl noch in Geduld üben. Wir fragen uns, "Spielt Dr. Herbert Lackner auf Zeit, und was mögen seine Gründe dafür sein?" Wir haben uns übrigens in einem einem dreiseitigen Schreiben an den Stadtrat von Bad Reichenhall gewandt und viele Bedenken gegen eine Variante Ortsumfahrung Auen-Tunnel in Bad Reichenhall ausgesprochen. Wir warten gespannt, wie es weitergeht.

Herzlichen Dank für das Gespräch. Lesen Sie morgen in einem weiteren Artikel, wie die  öffentlichen Stellen auf diese Vorwürfe reagieren.

Quelle: BGland24.de

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