Viel Tumult um die Bewerbung zur Landesgartenschau

"Die Laga 2022 schränkt das Recht der Bürger auf Erholung in der freien Natur ein"

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Die Bewerbung um die Laga 2022 hat rund um Bad Reichenhall für viel Zündstoff gesorgt. Das Angebot von Max Aicher, die Stadt finanziell zu unterstützen, schürte die Gemüter noch mehr. Nun melden sich die Parteien zu Wort:

Auf den diversen Stadtratssitzungen wurde intensiv diskutiert. Ebenso in den sozialen Medien. Über das Für und Wieder einer Bewerbung und über das Angebot von Max Aicher und dem Unternehmen Predigtstuhl, die Stadt Bad Reichenhall finanziell zu unterstützen

"Ich habe den Bericht und das Interview mit Max Aicher gelesen", meldet sich auch Dr. Bernhard Zimmer (Sprecher des Grünen Kreisverbandes Berchtesgadener Land) im Gespräch mit BGland24.de zu Wort. 

Und fährt fort: "Herr Aicher hat ja wieder einmal eine sehr eigene Sicht der Dinge entwickelt. Seine Argumentationskette ist unglaublich einfach und mag aus der Sicht eines direkt beteiligten Unternehmers logisch erscheinen, aber mit einer am Gemeinwohl orientierten Sichtweise hat sie nicht mehr viel zu tun".

BGLand24.de im Gespräch mit Dr. Bernhard Zimmer

BGLand24.de hat bei Dr. Bernhard Zimmer nachgefragt, was es mit diesen Vorwürfen auf sich hat:

Herr Dr. Zimmer, wie müssen unsere Leser die obige Aussage verstehen? 

Ganz einfach, dazu lohnt es, einfach mal einen Blick auf die Homepage der 'Bayerischen Landesgartenschauen' zu werfen. Dort sind die Ziele formuliert, die mit einer durch mit Steuergeldern finanzierten Landesgartenschau verfolgt werden sollen. 

Dort heißt es unter anderem: 'Als Standort für Landesgartenschauen kommen in erster Linie Städte in Betracht, die im Landesentwicklungsprogramm als Oberzentren oder mögliche Oberzentren ausgewiesen sind. 

Gezeigt werden sollen Neu- und Umgestaltungen im innerstädtischen oder stadtnahen Bereich, die Beseitigung städtebaulicher Fehlentwicklungen, bzw. neue, umweltgerechte Formen der Stadtentwicklung unter Berücksichtigung von sozialen Gesichtspunkten, welche für die jeweilige Stadt von Bedeutung sind.'

Das heißt, Sie bezweifeln, dass Bad Reichenhall ein geeigneter Standort wäre für eine Landesgartenschau? 

Nun - seien wir doch mal ehrlich. Traunstein musste sich, was die Landesgartenschau 2022 angeht, dem Willen der Bürger beugen und seine Bewerbung zurückziehen. Daher ist eine Lücke entstanden, es wird dringend eine Ersatzstadt gesucht. Diese Lücke wollen offensichtlich nicht allzu viele Städte schließen, es sind ja offensichtlich nur Zwei weitere. 

Ein Grund dafür ist sicherlich die viel zu kurze Zeitspanne für die Konzeptentwicklung, Planung, Ausschreibung und Umsetzung. Der Unternehmer Max Aicher hat nun darin eine Chance gesehen und schnell ein Konzept entwickelt, das zwar wenig mit den Zielen einer Landesgartenschau, aber dafür um so mehr mit der Entwicklung seines eigenen Unternehmens zu tun hat. Das ist ja aus der Sicht eines Unternehmers auch nachvollziehbar und durchaus verständlich.

Aber der Stadtrat und die Bürger haben die verschiedenen Herausforderungen ja schon sehr intensiv diskutiert?

Prinzipiell ja, aber sowohl der Stadtrat als auch die Bürgerinnen in Bad Reichenhall waren generell zurückhaltend. Vor allem der Stadtrat hat auch die kurze Vorbereitungszeit, den enormen Aufwand für die Verwaltung sowie die finanziellen Belastungen und Risiken gesehen und eher für eine Bewerbung 2026 plädiert. 

Aber dann trat Max Aicher auf die Bühne und brachte mit dem Auentunnel "eine Super-Lösung aller Probleme" ins Spiel. Zumindest stellte er das so dar. Viele begeisterte Stimmen waren zu lesen, aber das Straßenbauamt hat schnell abgewinkt. Immer deutlicher wurde dadurch die zeitliche Enge sichtbar. Das passt ja auch alles gar nicht zusammen: wir haben ein Straßenbauprojekt, welches nach fast 40 Jahren immer noch im Planfeststellungsverfahren feststeckt, der Kirchholztunnel. 

Wie soll das alles auf einer neuen Trasse, ohne Verankerung im BVWP2030 und inklusive neuem Planfeststellungsverfahren bis 2020 baulich umgesetzt werden, um dann noch die Landesgartenschau auf gleichem Terrain umzusetzen? Das kann glauben wer mag. Unternehmer Max Aicher glaubte wohl auf einmal auch nicht mehr daran, denn von einem auf den anderen Tag sah er auf einmal beide Projekte entkoppelt. Was er in Ihrem Interview ja auch bestätigt hat. 

Jetzt hat er nur leider das Problem, dass er den lärmgeplagten Bad Reichenhaller Bürger versprochen hat, dass der Auentunnel das Beste für Sie ist und rasch umgesetzt werden könne. Ich bin gespannt, wie er diesen Menschen nun erklären wird, dass leider die Landesgartenschau dafür sorgen wird, dass dieser Auentunnel nicht mal mehr geprüft werden kann, weil er unmöglich ist, wenn man die Landesgartenschau 2022 ausrichten will. Er wird es nicht erklären! Die Behörden und Planungsverfahren werden Schuld sein!

Was ist dann Ihrer Meinung nach der Hintergrund für sein Engagement? 

Ganz einfach - Die bauliche Entwicklung am Predigtstuhl ist sein eigentliches Ziel. Eine Landesgartenschau in Bad Reichenhall mit dem vorliegenden Ideen hat nur eine einzige Chance ausgewählt zu werden, nämlich für das Jahr 2022. Auch das hat Max Aicher bereits öffentlich in den Medien bestätigt.

Glauben Sie nicht, dass eine 'Alpine Landesgartenschau' für die Region von Vorteil wäre? 

Es gibt in Bayern ja nur eine Handvoll Städte, die sich "Alpenstadt" nennen können, wenn der OB Dr. Lackner also verkündet, es wäre die erste "alpine Landesgartenschau" ist das ein Titel ohne große Bedeutung. Die gärtnerische Gestaltung eines alpinen und außerstädtischen Naturraumes wäre allerdings absolut einmalig in der Geschichte der Landesgartenschau und meiner verfehlt deshalb auch deren Zielen. 

Bad Reichenhall liegt beispielsweise mitten in der Biosphärenregion Berchtesgadener Land und es stellt sich die Frage warum man dieses Prädikat, welches man seit Jahrzehnten hat, nicht längst auch touristisch besser genutzt hat. Einen ökologisch wertvollen Naturraum gärtnerisch zu bearbeiten, halte ich, als Forstwissenschaftler für verfehlt und mit Nachteilen für die Bürger verbunden.

Inwiefern? 

Ganz einfach, in Artikel 141 der Bayerischen Verfassung steht beispielsweise Folgendes geschrieben: 'der Genuss der Naturschönheiten und die Erholung in der freien Natur, insbesondere das Betreten von Wald und Bergweide, das Befahren der Gewässer und die Aneignung wildwachsender Waldfrüchte in ortsüblichem Umfang ist jedermann gestattet.' 

Wie jedermann weiß, erzielt man bei einer Landesgartenschau Einnahmen auch über die Eintrittsgelder. Im Falle von Bad Reichenhall würde das bedeuten, dass man dazu leider erst einmal das verfassungsgemäße Recht der Bürger auf Erholung in der freien Natur wird einschränken müssen. 

Der Auwald und das Gebiet am Predigtstuhl gehören zu dieser 'freien Natur'. Und seien wir doch mal ganz ehrlich: Auch wenn Max Aicher Eigentümer all dieser Flächen ist oder wäre, glauben Sie wirklich dass sich die Bürger sich einfach so aussperren lassen, um sich dann freudestrahlend an der Kasse der Landesgartenschau anzustellen, um ein Ticket zu lösen?

Der Stadtrat hat sich ja nun auf der Sondersitzung für eine Bewerbung entschieden. Wenn Bad Reichenhall den Zuschlag bekommt, welche Schritte sind dann Ihrer Meinung nach nötig, bzw. welche Fragen sind als erstes zu klären? 

Bis zu einer Vergabe ist es ja noch eine weiter Weg, denn es haben sich noch zwei Städte beworben und zwei Ministerien werden prüfen müssen, wie viel "Gartenkultur" in einem alpinen Naturraum verträglich und förderfähig ist.

Die Nachbargemeinden werden sich die Bewerbung genau ansehen, denn in der Tat gibt es auch ein erhebliches Verkehrsproblem zu lösen. Die B20 ist im Bereich Piding eine der am Meisten befahrenen Bundesstraßen, die Brücke über die Saalach ist alt und in die Jahre gekommen und Bad Reichenhall weigert sich seit Jahren auf der B21 mehr Verkehr zuzulassen. Es gibt also noch viel Diskussionsbedarf.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Quelle: BGland24.de

Rubriklistenbild: © dpa / Petra Sobinger

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