Zwei Frauen, die Unglaubliches leisten

+
Zwei starke Frauen: Christin Spindler (links) und Beatrice Soyter, die ersten Heeresbergführerinnen Deutschlands.

Bad Reichenhall - Sie drangen in eine reine Männerdomäne - als erste, als bislang einzige: Beatrice Soyter und Christin Spindler, die Debüt-Heeresbergführerinnen der Bundeswehr.

Beatrice Soyter aus Bad Reichenhall und Christin Spindler aus Mittenwald, offiziell beide jeweils Frau Oberfeldwebel, stellten ihre außergewöhnliche Tätigkeit jetzt auch der Öffentlichkeit vor.

Lesen Sie auch:

Sie bewältigten als erste und bislang einzige Damen die enorm harten Mühlen der 53. Ausbildung zum Heeresbergführer. Vom Kommandeur der Gebirgs- und Winterkampfschule in Mittenwald, Oberst Günter Görsch, erhielt das Duo vor etlichen Wochen nicht nur Bergführerabzeichen und -buch, sondern auch ein Lob der Extraklasse: „Sie haben mich tief beeindruckt“. Insgesamt erhielten im April dieses Jahres 13 frischgebackene Heeresbergführer ihre Ernennungsurkunde.

Eindrücke vom Alltag eines Heeresbergführers

Eine Maxime von Beatrice Soyter und Christin Spindler: Die Männerwelt beeindrucken, sich in ihr durchsetzen. Nicht aus purem Ehrgeiz heraus, vielmehr aus Leidenschaft. „Der Sport, die Bewegung an der frischen Luft, das war schon immer meins“, machen sie deutlich. Sie lieben ihre Sache. Zufällig begannen sie gleichzeitig die höchst anspruchsvolle Ausbildung und waren durchaus froh, jeweils eine weitere Vertreterin des eigenen Geschlechts neben sich zu haben.

Keine Zweifel bezüglich des eigenen Könnens

Sie bissen sich durch, ein langes, hartes Jahr lang. Haben nie ans Aufhören gedacht, weil der Wille stets stärker als alles andere war. Freilich gab’s immer wieder auch mal Zweifel, gemischte Gefühle – aber beide wussten, was sie sich da vorgenommen hatten, ihr Ziel klar vor Augen. „Jetzt sind wir natürlich schon auch stolz, es geschafft zu haben“. Die von Männern dominierte Welt drum herum schaut zu und ist begeistert: „Was die beiden leisten ist einfach unglaublich“, ist bei einem Medientag auf der Reiter Alm im Berchtesgadener Land gleich mehrfach von den Herren der Schöpfung zu hören.

Mit leuchtenden Augen berichten Beatrice Soyter (Gebirgsjägerbataillon 231 Bad Reichenhall) und Christin Spindler (233 Mittenwald) von ihrer Zeit vor der Ausbildung, der Lehrzeit selbst und dem Leben danach bis heute. Beide stammen aus den Neuen Bundesländern, Soyter aus Marienberg bei Chemnitz (Sachsen), Spindler aus Ilmenau (Thüringen). Die DDR haben die 1983 beziehungsweise 1985 Geborenen nur in ganz entfernter Erinnerung gespeichert. In Oberwiesenthal und Oberhof gehörten beide Sportfördergruppen an, waren Mitglieder in Nachwuchskadern, die eine im Biathlon (Soyter), die andere als Langläuferin. Es war früh klar, der Lebensweg wird sportlich.

Das Sieb des Profi-Leistungssports war jedoch etwas zu groß, damalige Kolleginnen wie Martina Glagow (heute Beck), Manuela Henkel, Evi Sachenbacher-Stehle oder Sabrina Buchholz machten ihren Weg. Soyter und Spindler entschieden sich für einen Karriere bei der Bundeswehr und wussten bald, dass sie hier als Zeitsoldatinnen ihre berufliche Heimat für die nächsten zwölf Jahre gefunden hatten. Das jahrelange Ausdauertraining kam ihnen freilich zugute, Probleme, sich in der von Männern beherrschten Truppe durchzusetzen und zu etablieren, bekamen beide nie.

Prüfungen im Hochgebirge

Nach ein paar Jahren war klar: Sie wollen Heeresbergführerinnen werden, die ersten Deutschlands. Nach einer intensiven Vorbereitung standen Eisklettern, Skitouren, Bergrettungsplanung, Wetter- und Lawinenkunde, Erste Hilfe, Wasserfallklettern, eine Sprengausbildung, Geologie, Gletscherkunde, aber auch eine Hubschrauberausbildung in den Prüfungsinhalten – und geprüft wurden sie in diesen zwölf Monaten nahezu täglich. Fast immer im Gebirge, im richtig hoch gelegenen. In Frankreich, der Schweiz, in Österreich, auch daheim. Selbst ein Sturztraining in Gletscherspalten gehörte zum Programm.

Um überhaupt zum Heeresbergführer-Lehrgang, dem längsten und fordernsten der Bundeswehr, zugelassen zu werden, mussten Soyter und Spindler – sozusagen als Aufnahmeprüfung – den berühmten Berglauf (nicht am öffentlichen Wettkampftag) zur Dammkarhütte bei Mittenwald mit rund 800 Höhenmetern in einer Stunde bewältigen. „Mit zehn Kilo Gepäck, was aber wenig ist“, schmunzelt die Jüngere der beiden. Das Ziel wurde klar erreicht.

Die beiden Frauen stellten sich allen Herausforderungen, waren mit Ehrgeiz, Engagement, aber immer auch der nötigen Freude bei der Sache, am liebsten in den französischen Westalpen – und irgendwie war immer klar, dass sie es schaffen würden, weil sie sich schon zuvor mehrfach ausgezeichnet hatten: Beatrice Soyter beispielsweise als Lehrgangsbeste einer Einzelkämpfer-Ausbildung in Altenstadt im August 2009.

Stresssituationen kein Problem

Die Damen hatten auch schon brenzlige Situationen zu überstehen, beide Male waren plötzliche Wetterumschwünge schuld, wie so oft in den Bergen: „Aber das gehört dazu und ist auch gut so – damit man sich selbst austesten kann, wie man in echten Stresssituationen reagiert“, berichtet Soyter. „Die Natur macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau“, erklärte Oberst Görsch bei der Urkundenübergabe.

Am Schrecksattel der Reiter Alm demonstrierten beide ihre Arbeit im Hochgebirge: Bewältigen einer Schlucht in schwindelerregender Höhe, Abseilen (auch von Verletzten) - also das professionelle Überwinden schwierigen Geländes, die Hauptaufgabe von Heeresbergführern.

Diese Auszeichnung trägt man nicht automatisch für alle Zeiten: Selbst wer das schöne Abzeichen an der Uniform heften hat, muss es sich immer wieder neu verdienen und sich beweisen. „Es gibt keinen Stillstand“, erzählt Spindler, „wir müssen dranbleiben, permanent“.

Das Leben danach

Wollen die beiden Frauen einmal nichts von der Bundeswehr und ihrer Arbeit wissen – was höchst selten der Fall ist – lenkt sich die eine (Spindler) mit Zeichnen ab: Acryl, Kreide Wachs. „Ich zeichne gerne ab, am liebsten die Anne Geddes-Babys. Mit dem Rad an einen ruhigen See fahren, Zeichenblock raus und los geht’s – dabei kann ich entspannen. Bea häkelt lieber, warme Wintermützen mit lustigen Bommeln“, lacht Spindler.

Und wenn die Bundeswehr-Zeit irgendwann sicher zu Ende geht, wollen beide dem Sport treu bleiben. „Irgendetwas in dieser Richtung wird es sicher werden“, lacht Christin Spindler, aber darüber macht sie sich wie Kollegin Beatrice Soyter jetzt noch fast keine Gedanken.

bit

Quelle: BGland24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser