Das richtige Verhalten bei einem Lawinenabgang

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Bad Reichenhall/Predigtstuhl -  Wenn sich eine Lawine löst, muss schnell gehandelt werden. Was zu tun ist und wie, das wurde im Lawinenseminar des Skiführerverbandes behandelt.

Unter der Leitung von Alpin-Koryphäe Peter Geyer, dem ehemaligen Präsidenten des nationalen und internationalen Berg- und Skiführerverbandes, fand in der Schlegelmulde am Predigtstuhl ein Lawinenseminar für Skitourengeher, Variantenfahrer und Schneeschuhwanderer statt, das seit 15 Jahren von einem eingespielten Team rund um Organisatorin Maria Leitenbacher vom Sporthaus Riap, Bergwacht-Ausbildungsleiter Hans Lohwieser und Fördervereinsvorsitzenden Martin Neubauer durchgeführt wird.

Die Kurse zur Lawinenkunde und Kameradenrettung kommen gleich doppelt der Sicherheit am Berg zu Gute, denn die Teilnehmergebühren werden abzüglich der Unkosten komplett an die Reichenhaller Bergwacht gespendet.

Notfallausrüstung als Alibi

„Die Ausbilder haben dabei alle honorarfrei gearbeitet“, freut sich Organisatorin Leitenbacher. Nach einer theoretischen Unterweisung am Samstagabend im Bergwachthaus konnten die Wintersportler am Sonntag auf dem Predigtstuhl ihr Wissen in Geländebeurteilung, Risikoeinschätzung und Lawinenrettung praktisch trainieren. „Sicherheit kommt nie von außen, sondern immer nur vom Bergsteiger selbst“, schreibt der Extremkletterer Alexander Huber am Schluss seines Buches „Die Angst, dein bester Freund“.

Viele Skitourengeher, Variantenfahrer und Schneeschuhwanderer wägen sich aber in einer trügerischen Sicherheit, die ihnen ihre Notfallausrüstung mit Verschütteten-Suchgerät (LVS), Schaufel, Sonde, Biwaksack, Erste-Hilfe-Set und Airbag-Rucksack (ABS) vorgaukelt. Sie ist ihr Alibi, wenn sie die Angst ausblenden und sich nicht konkret mit der Situation auseinandersetzen, dass auch wirklich was passieren kann. „Der tollste ABS-Rucksack hilft mir nichts, wenn ich wegen ihm ein höheres Risiko eingehe und damit das gewonnene Plus an Sicherheit wieder zunichtemache“, meint Geyer dazu.

Muss man immer alles tun, was machbar erscheint?

Geyer lebt das, was er lehrt und vertritt, was er denkt: Er sammelt seit Jahrzehnten als Bergführer auf der ganzen Welt einen reichen Erfahrungsschatz und rief bei seinem Risikomanagement-Vortrag auch die Profis zur Demut auf: „Es gibt keine Tour ohne Risiko. Wer in der Natur unterwegs ist, hat trotz aller Erfahrung nie alle relevanten Informationen zu möglichen Gefahren. Umso länger ich mich professionell mit der Lawinenthematik auseinandersetze, desto mehr weiß ich, dass ich trotz aller Wissenschaft eigentlich nichts wirklich sicher weiß! Man muss bei alpinen Projekten deshalb nicht immer alles tun, was machbar erscheint; ein intensives Erlebnis ist auch bei weniger riskanten Unternehmungen möglich.“

Stärken und Schwächen bei LVS-Geräten

Nachdem am Vorabend in der Bergrettungswache die Grundlagen zum Risikoverhalten, zum Beurteilen und Entscheiden in der Lawinensituation sowie zur Kameradenrettung erklärt wurden, durften die Teilnehmer am Sonntag auf der neuen funkgesteuerten Trainingsanlage am Predigtstuhl die Suche und Rettung von Verschütteten nach einem Lawinenabgang unter fachkundiger Anleitung praktisch üben.

Geyer erklärte zunächst den richtigen Umgang mit der persönlichen Notfallausrüstung, bevor Hans Lohwieser und Martin Neubauer mit der Gruppe die Signalsuche, die Grobsuche und die Feinsuche per LVS-Gerät sowie die Punktortung mit Sonde bei einer Einfach- und Mehrfachverschüttung übten.

Hohe Reichweite, besonders genaue Anzeige bei der Feinsuche oder eine gute Markierfunktion bei der Mehrfachverschüttung - modellabhängig hat jedes LVS-Gerät seine Stärken und seine Schwächen, die der Besitzer kennen muss. „Deshalb ist es wichtig, dass auch die Profis regelmäßig die LVS-Suche üben; im Ernstfall kommt der Stress dazu, dann bringen einen Fehlfunktionen sofort aus dem Konzept“, warnte Lohwieser.

Wie viele Helfer unter Zeitdruck Hand in Hand zusammenarbeiten müssen, demonstrierte Lawinenhunde-Staffelleiter Stefan Strecker: Eine vergrabene lebensgroße Puppe musste mittels Sondierung geortet und anschließend geborgen werden. Strecker wiederholte auch die Grundlagen zur Ersten Hilfe mit Wiederbelebung und Wärmeerhalt. Gleichzeitig war Geyer mit einer zweiten Gruppe am Hochschlegel zur Hang- und Schneedeckenbeurteilung unterwegs.

In Lawinenkursen werden immer sehr intensiv die Schneebrettlawine und die Risiken zur Auslösung besprochen. Gleitschneelawinen dagegen wurden bis vor rund fünf Jahren völlig falsch beurteilt und total unterschätzt. Experten sind sich heute überhaupt nicht mehr sicher, wann sie eigentlich abgehen, empfehlen aber, bei Durchfeuchtung (z. B. Regen) solche Hänge mit Altschnee und Schneemäulern auf jeden Fall zu meiden.

Immer mehr tödliche Abstürze

Nur rund 16 Prozent aller Notfälle auf Skitouren sind durch Lawinen verursacht. Allerdings bedingen diese Unfälle etwa 70 Prozent aller Todesopfer bei dieser Sportart und sind damit mit Abstand die häufigste Todesursache. Im gesamten Alpenraum sterben jährlich rund 100 Menschen bei Lawinenunfällen, wobei die absoluten Zahlen abhängig von den Schneeverhältnissen stark schwanken.

Obwohl immer mehr Menschen beim Tourengehen, Schneeschuhwandern und Variantenfahren abseits der gesicherten Pisten unterwegs sind, ist der Durchschnitt an tödlichen Lawinenunfällen im Vergleich zu den Achtzigerjahren leicht zurückgegangen und seitdem etwa gleich. Die Anzahl von tödlichen Abstürzen über Steilgelände mit einem aktivierten ABS-Rucksack nimmt zu, da der Rucksack vielen Sportlern eine vermeintlich komplette Gefahrenfreiheit vorgaukelt. Der Tourengeher wird dann zwar nicht verschüttet, stürzt aber mit einem kleinen Schneebrett ab oder wird von den Schneemassen über eine Felswand hinab gespült, was genauso tödlich sein kann.

Die Realität ist hart: Statistisch betrachtet wird nur jeder dritte Verschüttete durch die schnelle Kameradenhilfe mit LVS-Gerät, Sonde und Schaufel lebend gerettet. Aufgrund des geringen Zeitfensters von rund einer halben Stunde, in dem etwa die Hälfte der Verschütteten trotz Atemhöhle erstickt ist, kommt organisierte Fremdhilfe durch die Bergwacht in 90 Prozent aller Fälle zu spät. Die Vermeidung der Lawinenauslösung ist die wichtigste Strategie, um den Lawinentod zu verhindern.

Risikomanagement ist eine Gemeinschaftsaufgabe

Momentan herrscht in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen oberhalb von 1.700 Metern Warnstufe 3 auf der fünfstelligen Skala, die an Gefahrenstellen wie eingewehten Rinnen sogar noch deutlich höher sein kann – kombiniert mit Sonnenschein und schönstem Neuschnee eine Situation, in der die Bergwacht erfahrungsgemäß zu den meisten Lawinenunfällen ausrücken muss, da trotz der erheblichen Gefahr sehr viele Menschen unterwegs sind und den frischen Pulverschnee erleben wollen.

Der Lawinenlagebericht beinhaltet zwar wichtige Informationen, gibt aber nur den groben Rahmen für die Tourenplanung vor, wobei sich die Gefahr mit jeder Stufe verdoppelt. Man müsse laut Geyer an sich arbeiten, sich laufend intensiv mit dem Thema Lawine auseinandersetzen, viele Erfahrungen im Gelände sammeln und letztlich trotz des gesamten Wissens auch immer noch auf sein Gefühl hören, um ein eigenes, gutes Risikomanagement zu entwickeln.

Oft herrsche nur eine Parkplatz-Mentalität vor: „Man fährt irgendwo hin und rennt ab dem Auto blind einer Spur den Berg hinauf nach, die ein anderer angelegt hat, ohne die eigenen Augen aufzumachen und sich für die reale Situation zu sensibilisieren. Risikomanagement ist auch trotz Bergführer immer eine Gemeinschaftsaufgabe; jedes Gruppenmitglied muss im Rahmen seiner Möglichkeiten dazu beitragen, damit einem im schlimmsten Fall der Berg nicht auf den Kopf fällt“; betonte Geyer.

Das heuer letzte Seminar findet am kommenden Samstag und Sonntag, 7. und 8. Februar statt, wobei das Sporthaus Riap noch Anmeldungen entgegennimmt. Los geht es am Samstagabend um 17 Uhr im Reichenhaller Bergwachthaus.

Pressemitteilung Bayerisches Rotes Kreuz

Quelle: BGland24.de

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