Höhlenrettung wie auf fremdem Planeten

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Freilassing - Außerirdisch anmutende Eindrücke in einer fremden Unterwelt: Die Freilassinger Bergwacht übt den Aufbau eines Wärmezelts und testet neue Stirnlampen.

Die beiden unglaublichen Rettungsaktionen im vergangenen Jahr aus dem Riesending im Untersberg und der Jack-Daniels-Höhle im Tennengebirge sind längst als eigene Kapitel in die Geschichte der organisierten Bergrettung eingegangen, und bei der in Freilassing stationierten Höhlenrettungsgruppe der Bergwacht-Region Chiemgau ist wieder Normalität eingekehrt. „Die gewonnenen Erfahrungen und die Zusammenarbeit im internationalen Team kommen einem Quantensprung für unsere Arbeit gleich, die zuvor eher als Schattengewächs ein Randdasein pflegte und nur wenig Beachtung innerhalb der Bergwacht fand“, erklärt Höhlenrettungschef Peter Hogger.

In den riesigen Schächten verlorengegangene und zerstörte Ausrüstung wurde mittlerweile ergänzt und regelmäßig finden wieder unter dem Decknahmen „Montagshöhle“ praktische Übungen für die Ehrenamtlichen statt. Ziel war diesmal das Lettenloch-Luegloch im Taugl und Schlenken in der Osterhorngruppe, südöstlich von Salzburg, wo die Bergretter von Montag auf Dienstag unter realistischen Bedingungen den Aufbau eines provisorischen Wärmezelts aus Rettungsdecken übten und ihre neuen High-End-Stirnlampen des Schweizer Herstellers Scurion testeten.

Die rund eineinhalb Kilometer lange Höhle wird Lettenloch-Luegloch oder auch Hausloch genannt, da sie sich über dem Anwesen des Hauslehenbauern in Rengerberg bei Bad Vigaun befindet. Beide Höhlen sind Klufthöhlen mit teils sehr bizarren Felsstrukturen und liegen im so genannten Kasbachgraben. Der linke Eingang führt ins Lettenloch, der rechte ins Luegloch. Im Lettenloch befindet sich eine riesige, rund 50 Meter breite und 30 Meter lange Halle; sie ist die größte bekannte Halle im gesamten Taugl-Schlenken-Gebiet. Das Luegloch windet sich rund eineinhalb Kilometer tief in den Berg, wobei sich die vom Wasser geformten Gänge wie Strukturen eines lebendigen Fabelwesens zu wild geschwungenen Röhren wie dem so genannten „Gänsedarm“ verengen, durch den sich gerade noch ein einzelner Retter mit angezogenen Schultern hindurchpressen kann. Die beiden Höhlen wurden 1957 und 1984 erforscht und angeblich reicht das Luegloch bis in die Gaißau hinüber. Das Hausloch, die sogenannte Riesenhalle war den Bauern schon lange bekannt, die die Lehmmassen im Innern früher für landwirtschaftliche Zwecke nutzten – deshalb auch der Name Lettenloch.

„Ohne GPS ist es bei Dunkelheit gar nicht so einfach, den Höhleneingang wiederzufinden“

Nach Feierabend ging es für die insgesamt neun Männer der Bergwachten Freilassing, Berchtesgaden, Bergen und Markquartstein von Höhlenrettungsdepot in Mitterfelden über die Sammelstellen in Piding und Grödig bis zum Hauslehen oberhalb von Bad Vigaun. Danach folgte ein längerer, nächtlicher Orientierungsmarsch entlang eines Wildwechsels unterhalb einer brüchigen Felswand im steilen Bergwald. „Ohne GPS ist es bei Dunkelheit gar nicht so einfach, den Höhleneingang wiederzufinden“, erklärt Hogger, der zunächst in der großen Halle mit seiner Gruppe einen Vergleich der herkömmlichen, wesentlich schwächeren Stirnlampen mit den neuen High-End-Modellen der Firmen Scurion (Schweiz) und Lupine (Oberpfalz) durchführte. Hogger: „Die Lupine-Modelle sind konkurrenzlos die hellsten Stirnlampen überhaupt und leuchten selbst große Schächte und Hallen aus, sie haben aber ein recht kaltes, weißes Licht. Die Scurion-Lampen sind aufgrund ihres äußerst robusten und wasserdichten Gehäuses die Standardlampen von Höhlenforschern. Sie strahlen nicht ganz so hell, dafür aber wesentlich wärmer, weshalb sie sich besonders gut als Arbeitslampen eignen.“

Im Anschluss stieg die Gruppe durch den eng gewundenen „Gänsedarm“ ins Luegloch vor und baute dann in einer kleineren Halle ein provisorisches Wärmezelt auf, das sich in ähnlicher Bauweise bereits beim Einsatz in der Jack-Daniels-Höhle bewährt hatte. Aufbau und Konstruktion sind denkbar einfach, gehen sehr flott, das Material kostet nur wenige Euros und braucht in den Ausrüstungssäcken kaum Platz; der Nutzen für den Patienten ist aber enorm: Einschlagnägel anbohren, mit Maurerschnur verbinden, etwa zehn Rettungsdecken darüber spannen, mit Klebeband fixieren und den Verletzten darunter auf einer Isomatte lagern - fertig. „Mit nur einer Kerze oder der Körperwärme eines einzelnen Retters wird es im Zelt innerhalb weniger Minuten richtig warm und der Patient kühlt in der ansonsten nur wenige Grad kalten Höhle nicht weiter aus“, berichtet Intensiv-Fachkrankenpfleger Tobias Kronawitter, der in der Höhle auch ein neues, sehr kompaktes und robustes EKG-Defi-Gerät mitführte und im feuchtkalten Klima testete.

Als alle Höhlenretter rund um den Patientenmimen Rudi Hiebl im Zelt sitzen, ihre Stirnlampen durch die Rettungsdecken schimmern, das Licht auf den fremdartigen Felsstrukturen flackert, Wasser aus den tiefen Spalten und Rissen von der Decke plätschert und die Tropfen wie viele kleiner Glühwürmchen funkeln, wirkt die bizarre Szene in der ohnehin schon märchenhaft anmutenden Höhle außerirdisch fremdartig; wie eine Weltraum-Expedition, eine Landung auf einem fremden Planeten – Neuland, unendlich weit von der Erde entfernt, aber eigentlich nur wenige hundert Meter unterhalb der Erdoberfläche, wo sich unser gewohntes Leben abspielt. Ein nächtliches Feierabend-Abenteuer direkt unter unseren Füßen, greifbar nah und doch so fern.

Pressemitteilung BRK Berchtesgadener Land

Quelle: BGland24.de

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