Spekulation mit höchster Risikostufe

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Durch Firmenpleiten verlieren Risiko-Anleger viel Geld.

Stephanskirchen - Noch ist kein Geld verloren gegangen. Doch eine Frau aus Stephanskirchen zieht bereits jetzt gegen ihren Anlageberater vor Gericht.

Solide Geldanlage oder hochspekulative Zockerei am Grauen Kapitalmarkt? Wer sein Vermögen auf dem Finanzmarkt anlegt, ist darauf angewiesen, dass ihm vom Vermittler reiner Wein eingeschenkt wird. Eine 69-jährige Stephanskirchenerin verklagte jetzt ihren Anlageberater, weil er eben dies nicht getan haben soll. Eine Viertelmillion Euro hatte sie ihm anvertraut. Nun will sie ihr Geld zurück - vorerst 50.000 Euro.

Das Außergewöhnliche des Zivilverfahrens am Landgericht Traunstein: Die 250 000 Euro, die der freie Vermögensberater aus dem östlichen Landkreis Rosenheim auf sechs Anlagemodelle verteilte (stille Beteiligungen, Genussrechte und Inhaberschuldverschreibungen), sind noch gar nicht verloren.

Doch der Schaden entsteht nach Ansicht von Dr. Jürgen Klass, dem Rechtsanwalt der 69-jährigen Frau, nicht erst, wenn sich das Geld am Grauen Kapitalmarkt in Luft auflöst, sondern schon bei Vertragsabschluss - "und zwar dann, wenn jemand aufgrund falscher Beratung eine Geldanlage erwirbt, die für ihn unpassend ist und die er gar nicht haben wollte", so der Jurist aus Rosenheim, der im Zuge der Aufdeckung der Betrügereien durch die Neubeurer Akzenta AG auch überregional bekannt wurde.

Teilweise sei das Geld seiner Mandantin in Beteiligungen mit der höchsten Risikostufe gesteckt worden, kritisiert er: "Diese spekulativen Anlageformen hätten vom Beklagten gar nicht erst angeboten werden dürfen." Die Kundin, ganz auf eine sichere Altersvorsorge fixiert, habe sich nach mehrfacher Rückfrage auf die Zusicherung des Beraters verlassen, dass mit derartigen Finanzmodellen nichts passieren könne und das Geld sicher angelegt sei.

Ihren Anfang hatte die Geschichte übrigens mit einem Ratsch unter Frauen genommen. Beim Einkaufen in Rosenheim erzählte die 69-Jährige einer Ladeninhaberin von ihrer Scheidung, ihrem Ersparten, dem Hausverkauf im Zuge der Trennung - und den niedrigen Zinsen. Sie wusste nicht, wie sie das Ersparte und das Geld aus dem Immobilienverkauf anlegen sollte. So riet die Geschäftsfrau ihrer Kundin, mit ihrem Ehemann darüber zu reden. Der sei Finanzexperte und könne ihr vielleicht helfen. Wenig später bekam die 69-Jährige Besuch von dem Anlageberater. Weil er einen freundlichen, vertrauenerweckenden und kompetenten Eindruck machte, stellte sie ihm den Großteil ihres Vermögens zur Verfügung.

Für Klass, der für zahlreiche Akzenta-Opfer erfolgreich hohe Schadensersatzsummen eingeklagt hat, eine klassische Konstellation: Hier die Rentnerin, seit 40 Jahren Hausfrau und in Kapitalanlagen völlig unbedarft - dort der freie Vermittler, der viel Geld verdient, wenn er Kunden dazu überreden kann, ihm die Ersparnisse anzuvertrauen. "Denn im Regelfall bezahlen die Anlagefirmen, Versicherungen und Fonds die Vermittler prächtig, wenn sie ihre Produkte verkaufen", erklärt der Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht. Die Provisionen seien in vielen Fällen so hoch, "dass das vielleicht doch vorhandene schlechte Gewissen des Beraters verstummt". Besonders im Grauen Kapitalmarkt sei der Verdiensthebel für den Vermittler gewaltig.

Klass' Mandantin, die um ihr Geld bangt, wehrt sich gegen die Vermittlung einer sogenannten Inhaberschuldverschreibung, die ein Solarunternehmen aufgelegt und an Privatleute ausgegeben hatte, um sich frisches Kapital zu besorgen. Es handelt sich um eine besondere Form der Wertpapieranlage, eine Anleihe. Die 69-Jährige hat 2011 auf Anraten des Vermittlers 50 000 Euro investiert.

Als sie später von Firmenpleiten in der Solarbranche hörte, bat sie ihren Rechtsanwalt, den Vorgang juristisch zu prüfen. Dieser kam zu dem Ergebnis, dass die Anlageempfehlung erkennbar an den Bedürfnissen der Rentnerin vorbei gegangen sei. Er vermisst insbesondere die Aufklärung über wesentliche Eigenschaften der Geldanlage. Auf die Schadensersatzklage hat der Vermittler noch nicht reagiert. Das Landgericht ordnete ein schriftliches Vorverfahren an. Vermutlich kommt es zu einer mündlichen Verhandlung.

Dabei wird das Gericht allerdings auf zahlreiche Dokumente stoßen, die von der 69-Jährigen unterschrieben wurden - und auf denen im Kleingedruckten sehr wohl auf die Risiken hingewiesen wird. Aber Klass lässt das kalt: Es könne nicht die Aufgabe von unbedarften Anlegern sein, sich bis ins letzte Detail durch hochkomplizierte und für sie unverständliche Vertragswerke zu quälen, um zu überprüfen, ob die Angaben, die ihr Berater macht, richtig sind: "Dann wären Finanzberater ja komplett überflüssig."

Ludwig Simeth/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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