Ärzteprotest: Praxen bleiben wieder zu

Arzt mit Kind
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Die Fachärzte kämpfen weiter gegen "Zwei-Klassen-Medizin".

Rosenheim - Am Dienstag, 26. Mai,  bleiben in Stadt und Landkreis Rosenheim wieder fast alle Türen der 180 Facharztpraxen geschlossen.

Die niedergelassenen Mediziner setzen bei einem Marsch zur Staatskanzlei in München ihren Protest gegen die neue Honorarregelung fort. "Wir werden so lange demonstrieren, bis die politischen Entscheidungsträger die ruinöse Honorarpolitik, die unsere Existenzen und die medizinische Versorgung in der Fläche massiv gefährdet, beenden", kündigt Dr. Dolf Hufnagl, Vorsitzender des Facharztvereins Rosenheim, an.


Bereits seit Februar befinden sich die Fachärzte in ganz Bayern im Ausnahmezustand: Sie demonstrieren, protestieren, "streiken", veranstalten Kundgebungen wie jene auf dem Max-Josefs-Platz und Märsche wie jene zur Rosenheimer Agentur für Arbeit, wo sie symbolisch Wäschekörbe voller Anträge auf Kurzarbeit abgegeben hatten. Sogar "italienische Wochen" liegen hinter den niedergelassenen Medizinern: Vormittags haben sie Kassenpatienten behandelt, nachmittags in einer "Komfortsprechstunde" nur Privatpatienten und Notfälle - so wie in Italiens ungewünschter "Zwei-Klassen-Medizin".

Der öffentliche Druck hat sich zwar noch nicht in konkreten Reformen der Reformen ausgezahlt, jedoch in einem gewachsenen Bewusstsein für das nach Ansicht der Fachärzte drohende Ausbluten ihrer Praxen. "Bei der Politik ist unser Anliegen angekommen", freut sich Hufnagl angesichts der Tatsache, dass sich Parteien wie die CSU und ihr Gesundheitsminister Dr. Markus Söder unter anderem für mehr Regionalität bei der Zuordnung der zentral von Berlin aus verteilten Gelder des Gesundheitsfonds stark machen.


Proteste bis zur Bundestagswahl

Im Landkreis Rosenheim geht ein von dem CSU-Landtagsabgeordneten Klaus Stöttner und der CSU-Bundestagsabgeordneten Daniela Raab initiierter Arbeitskreis die Problematik federführend aktiv an: Unter Leitung von Professor Dr. Dieter Benatzky, Leiter des neuen Instituts für Gesundheitswirtschaft an der Hochschule Rosenheim, entwickeln Fach- und Hausärzte sowie Vertreter von Kliniken zur Freude von Hufnagl ein gemeinsames Konzept für eine neue Gesundheitspolitik. Sie soll sich auf bewährten Grundprinzipien wie der Versorgung mit niedergelassenen Fachärzten in der Fläche berufen, ohne die Notwendigkeit der erhöhten Effizienz aus den Augen zu verlieren.

Die aktuelle Politik geht nach Überzeugung des Facharztvereins in eine andere Richtung: "Gesundheitsministerin Ulla Schmidt steht für das Ende der selbstständigen, freiberuflichen Ärzteschaft", so Hufnagl. Ziel sei die Gründung zentraler Versorgungszentren mit angestellten Fachärzten. Bis zur Bundestagswahl wollen die Fachärzte in Stadt und Landkreis Rosenheim deshalb weiter protestieren - jeden letzten Dienstag im Monat mit geschlossenen Praxistüren. Auf erstaunlich großes Verständnis stößt dies nach Hufnagls Informationen bei den Patienten. "Kaum jemand hat sich bisher aufgeregt." Die Aufklärung der Patienten haben die Fachärzte mit Hilfe von Plakaten und Handzetteln selber in die Hand genommen: "Auch in Sachen Informationsvermittlung fühlen wir uns von den kassenärztlichen Vereinigungen nicht kompetent vertreten", kritisiert Hufnagl offen.

Ersatzlos muss nach seiner Meinung sofort das sogenannte Regelleistungsvolumen abgeschafft werden. Es weist pro Patient und Quartal für ein Krankheitsbild eine Pauschalsumme zu. Schon beim ersten Besuch in der Praxis zahle der Facharzt drauf, komme der Patient aufgrund komplexer Behandlungen häufiger, mache der Leistungserbringer ein hohes Minus, ärgert sich Hufnagl.

Dass ausgerechnet der ambulante Bereich mit hohen Honorareinbußen zu kämpfen hat, kann er nicht nachvollziehen. Seit den 80er-Jahren sei die Maxime der Politik schließlich: "ambulant vor stationär". Die anteiligen Kosten für die ambulante Medizin seien trotzdem von 22 auf 14,5 Prozent gesunken. "Wir niedergelassenen Fachärzte stehen für die billigste und zugleich beste Versorgung und trotzdem werden wir so in unserer Existenz bedroht, dass vielen von uns die Pleite droht", ärgert sich Hufnagl.

von Heike Duczek

Quelle: rosenheim24.de

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