Nicht zu schnell mit dem Skalpell

Rosenheim - Experten aus der Region warnen jetzt vor künstlichen Gelenken. Häufig werde zu schnell eine Operation als für Beschwerden Lösung gewählt.

Kunstgelenke, die bereits nach wenigen Jahren aufgrund mangelnder Qualität wieder ersetzt werden müssen, Infektionen bei Operationen, Schmerzen, die auch nach dem Eingriff anhalten: Prothesenimplantationen, viele Jahre das Nonplusultra im Kampf gegen starke Gelenkbeschwerden, stehen zunehmend in der Kritik. Auch das Orthopädiezentrum Rosenheim bestätigt: "Es wird zu schnell operiert."

Nach der Gartenarbeit schmerzt die 55-Jährige regelmäßig das Kniegelenk, es bilden sich Schwellungen, die die Beweglichkeit stark einschränken. Doch muss das Kniegelenk sofort durch ein künstliches ersetzt werden? Nein, sagt Dr. Horst Müller-Kittnau, Facharzt für Orthopädie und Kniechirurg. "Eine Operation stellt nur eine von vielen Therapeutiken dar, die erst spät, am besten gar nicht, zum Einsatz kommt."

Klare Worte, die bei der Pressekonferenz des Orthopädiezentrums Rosenheim zu den aktuellen Diskussionen über den angeblich oft übereilten Griff zum Skalpell verwundern mögen. Denn die Orthopäden Dr. Oliver J. Braunsperger, Dr. Frank Keller, Dr. Michael Goebel und Dr. Horst Müller-Kittnau führen im Jahr selber 2400 Operationen durch - 1400 stationär als Belegärzte in der Schön Klinik Vogtareuth, 1000 ambulant in der Praxisklinik. Pro Jahr widmen sich die insgesamt sieben Fachärzte im Zentrum nach Informationen von Goebel 25000 Behandlungsfällen.

Keller bestätigte, dass die Zahl der bundesweit implantierten Gelenkprothesen in den vergangenen Jahren überproportional angestiegen war: Von 2005 bis 2007 verzeichnete nach seinen Angaben allein die Knieendoprothetik Zuwachsraten von etwa 20 Prozent. Im Vorjahr seien erstmals 3,8 Prozent weniger künstliche Kniegelenke eingesetzt worden.

Nach wie vor gehören Implantationen von Gelenken nach seinen Informationen zu den Top Ten der Kostentreiber im Gesundheitswesen.

Dass sie so oft angewendet werden, führt Keller auf wirtschaftliche Gründe zurück. Die standardisierten Eingriffe seien gut plan- und kalkulierbar. Die 2006 eingeführte Mindestmengenregelung für künstliche Kniegelenke habe sich außerdem als falsches politisches Steuerungselement herausgestellt: Die Operationszahlen hätten stark zugenommen, weil der Eingriff nur dann von den Krankenkassen gezahlt wurde, wenn die betroffene Abteilung mindestens 50 dieser Operationen im Jahr durchführte. Nach wie vor gelte die sogenannte Endoprothetik als profitabel, weshalb gewinnorientierte Klinikbetreiber schon einmal ihren Ärzten empfehlen würden, "den OP-Plan erlösoptimiert zu gestalten". Die Tatsache, dass nach wie vor in Deutschland pro Jahr 220000 künstliche Hüft- und 175000 künstliche Kniegelenke eingesetzt werden, liege außerdem in der demografischen Entwicklung begründet: Auch Senioren würden sich nicht mehr mit Einschränkungen ihrer Beweglichkeit abfinden wollen.

Doch nicht eingehaltene Qualitätsversprechen bei künstlichen Gelenken und die Zunahme der Operationsrisiken durch Problemkeime haben dazu geführt, "dass die Patienten verunsichert sind", stellen die operativ tätigen Fachärzte fest. Mit Recht, findet Müller-Kittnau, der sogar so weit geht, eine zu früh eingesetzte Prothese als "Form der Körperverletzung" zu charakterisieren. Vor dem Griff zum Skalpell sollte das gesamte Spektrum der konservativen Behandlungsschiene ausgereizt werden, empfehlen auch seine Kollegen. Injektionen, Bandagen, Medikamenteneinnahme, Lymphdrainagen, Physiotherapie: Diese Maßnahmen erfordern jedoch einen langen Atem und hohe Disziplin. Der schnelle Schnitt erschien jahrelang als effektiver.

Doch jede Operation birgt auch Risiken. Der Patient sollte deshalb auf eine eingehende Beratung und eine Erläuterung des therapeutischen Konzeptes mit allen Alternativen zur OP bestehen, raten die Orthopäden. Um das Qualitätsmanagement rund um die Implantation künstlicher Gelenke zu verbessern, fordert Braunsperger außerdem die Einführung eines Endoprothesenregisters mit Daten über den Erfolg der Methoden, über das Können von Chirurgen und Kliniken - und über die Qualität der Produkte.

Heike Duczek (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

Rubriklistenbild: © dpa

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