Sie kann es nicht lassen

Rosenheim - Anna S. aus Rosenheim ist zum wiederholten Mal verurteilt worden. Sie kann es einfach nicht lassen, immer wieder Menschen aus ihrem Umfeld zu verleumden.

Ist es eine Sucht, eine Krankheit oder einfach nur Bösartigkeit? Anna S. (46) aus Rosenheim (Name geändert) kann einfach nicht damit aufhören, immer wieder Menschen in ihrem Umfeld mit abenteuerlichen Lügenmärchen zu verleumden. So reihte sich Straftat an Straftat. Inzwischen sitzt die Frau wegen der rufschädigenden Kampagnen im Gefängnis. Und dort kommt sie vermutlich so schnell nicht wieder heraus. Denn soeben ist Anna S. wieder einmal verurteilt worden.

In Rosenheimer und Traunsteiner Justizkreisen kennt man Anna S. inzwischen gut. Kam sie in den ersten Verfahren noch mit Strafbefehlen und Bewährung davon, war damit 2008 Schluss: Als Wiederholungstäterin wurde sie in Rosenheim zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt - wegen Verleumdung, Beleidigung und Betrugs. 2010 kam eine weitere Gefängnisstrafe von zehn Monaten dazu, weil sie 2008 - kurz nach dem Schuldspruch - in Rosenheim zwei Radfahrer mit Pfefferspray attackiert hatte.

Verteidiger Harald von Koskull ging in Berufung. Der Rosenheimer Rechtsanwalt schaffte es zwar, das Gesamtstrafmaß von 28 auf 22 Monate zu drücken. Aber 2012 hatte das Urteil Rechtskraft - und seine Mandantin musste ins Frauengefängnis nach München-Stadelheim.

Betroffene als Nazis hingestellt

Dass Anna S. diese Woche von dort zurück nach Rosenheim gefahren wurde, war keinem Hafturlaub zu verdanken. Stattdessen saß sie im Amtsgericht Rosenheim erneut auf der Anklagebank. Manche der nun angeklagten Straftaten beging sie unmittelbar nach dem Traunsteiner Berufungsurteil von 2011 - unter anderem gegen eine Zeugin, die in dem Prozess ausgesagt hatte.

Unter dem Namen der Zeugin, einer Malerin, richtete Anna S. im Internet einen Blog ein, twitterte Parolen wie "Ausländer raus aus Deutschland" und lud zum "Nazitreffen" in die Wohnung der Künstlerin oder in einer Tankstelle ein. Für die Betroffenen war das nicht nur unangenehm. Sie bekamen auch Ärger. So wurde der Tankstellenpächter in die Rechtsabteilung des Mineralölkonzerns zitiert.

Zudem stellte Anna S. ihre Nachbarin auf einer Internetseite als Bordellbetreiberin und "Schlampe" hin, die "euch rund um die Uhr für einen Euro verwöhnt" - auch Adresse und Telefonnummer stellte sie ins Netz. Sie schickte auch eine Mail an ein Gemeinderatsmitglied im südlichen Landkreis und behauptete, dass Ausländer aus dem Nachbarort vor einem Supermarkt mit Messern auf Kunden losgehen - im Auftrag des Bürgermeisters.

Weil die Frau die meisten Lügenmärchen übers Internet verbreitete und die Richter wenig Hoffnung auf Besserung hatten, wurden schon mehrmals Computer oder W-Lan-Sticks eingezogen - ohne Erfolg, wie die neuen Delikte zeigen.

Zwar wurden im aktuellen Prozess einige Anklagepunkte fallen gelassen, dennoch verhängte Richter Heinrich Loeber eine Haftstrafe von einem weiteren Jahr, das auf die bereits rechtskräftigen Urteile, 22 Monate, "draufgepackt" wird. Anwalt Koskull wird das Urteil erneut anfechten.

Ihr "Straftatenkonto" bei der Justiz hatte die ehemalige Bankkauffrau 1997 mit Urkundenfälschungen eröffnet. Dann ging es mit den üblen Nachreden, Beleidigungen, Verleumdungen und falschen Verdächtigungen weiter. Den Anfang machte ein Ehepaar, das sie 2001 beim Jugendamt und der Staatsanwaltschaft anschwärzte. Die drogenabhängige Mutter gehe auf den Strich. Die Tochter werde vernachlässigt und misshandelt. Der alkoholkranke Vater mache mit seiner Pistole, Kaliber neun Millimeter, munter Schießübungen auf dem Balkon, schrieb sie unter Verwendung mehrerer Tarnnamen.

In diesem Stil ging es weiter. Immer wieder versuchte sie, per Mausklick Menschen in Verruf zu bringen. Manche Opfer kannte sie, andere nicht. Alle Vorwürfe waren frei erfunden. Anna S. diffamierte in Rosenheim und Umgebung Männer wie Frauen - darunter Mitarbeiter in führenden Positionen und Gemeinderäte. Von ihrem Computer aus bestellte sie im Namen ihrer Opfer sogar Sex-Spielzeug oder richtete Sex-Hotlines ein. So bekam ein Angestellter in leitender Stellung Erotikbücher ins Büro geliefert. Eine Telefonsexnummer war in Wahrheit die Nummer der Störungsstelle der Stadtwerke.

"Hysterisch- narzisstische Störung"

Die Hartz-IV-Empfängerin streitet bis heute alle Taten ab. Die E-Mails hätten andere geschrieben, ihr Rechner sei manipuliert worden, behauptet sie. Ihr Verteidiger Koskull ist überzeugt davon, dass seine Mandantin krank und schuldunfähig ist. Gutachter und Richter sehen das anders. Psychiatrische Sachverständige stellten zwar eine "hysterisch-narzisstische Persönlichkeitsstörung" und eine "hysterische Amnesie, die zum vollständigen Verdrängen oder Ausblenden von tatsächlich Geschehenem" führt, fest. Aber diese Auffälligkeiten seien nicht schwerwiegend genug, um strafrechtlich von Bedeutung zu sein. Auf einen Richter wirkte die Angeklagte einmal so, "als ob sie die durch den Prozess gewonnene Aufmerksamkeit sichtlich genoss".

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

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