Wenn sich das Glück Zeit lässt

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Zum Abheben: Nia Künzer schrieb 2003 Sportgeschichte und machte Deutschland zum Weltmeister im Frauenfußball. "Die Kinderdorfhäuser gehören zu meiner Geschichte", sagt sie.

Rosenheim/Neubeuern - Die Weihnachtsaktion der OVB-Heimatzeitungen hat eine prominente Unterstützerin: Nia Künzer. Was in diesem Jahr mit Hilfe der Aktion entstehen soll:

Es sind Bilder, die 2003 um die Welt gingen. Nia Künzer steigt zum Kopfball hoch - es ist das 2:1 und Deutschlands Frauen sind Fußball-Weltmeister. Künzer wuchs als Tochter eines Hauselternpaares mit einem leiblichen Bruder und sieben Pflegegeschwistern in einem Albert-Schweitzer-Kinderdorfhaus auf. Ein solches Kinderdorfhaus soll jetzt mit Hilfe der Weihnachtsaktion "Ein Platz für Kinder in Not" in Neubeuern entstehen.

Wegen ihres Kopfballtores ist Nia Künzer (32) so etwas wie der Oliver Bierhoff des Frauenfußballs. Auch sie hat ein historisches "Golden Goal" erzielt - das letzte überhaupt in der Fußballgeschichte. Danach wurde wieder die traditionelle Verlängerung eingeführt. Künzers Heldentat wurde auch zum "Tor des Jahres", als einziges Tor einer Frau bislang.

Nia Künzer verkörpert aber auch eine Idee - die Idee der Albert-Schweitzer-Kinderdorfhäuser. Während SOS-Kinderdörfer in der Regel von alleinerziehenden Frauen geleitet werden, kümmern sich beim Albert-Schweitzer-Modell Ehepaare, sogenannte Hauselternpaare, um traumatisierte Sozialwaisen. Oft ziehen Hauselternpaare auch eigene Kinder in der Einrichtung groß. Nia war ein solches Kind.

Künzer heute: Sie drückt der OVB-Weihnachtsaktion fest die Daumen.

"Die Kinderdörfer gehören zu meiner Geschichte", sagt Künzer, inzwischen selbst Mutter: "Die kompromisslose Hinwendung zu jedem Menschen, die Albert Schweitzer Zeit seines Lebens vertreten hat, wird heute noch jeden Tag in den Kinderdörfern und Familienwerken gelebt." Deshalb betont die Diplom-Pädagogin und TV-Moderatorin immer wieder, wo, wie und mit wem sie aufgewachsen ist. "Als zweitjüngstes von acht Kindern habe ich gelernt, mich durchzusetzen - aber auch, dass es nur gemeinsam funktioniert." Durchgesetzt hat sie sich auch bei ihrem Kopfball ins Glück, als sie in den Strafraum vorpreschte, dorthin, wo es weh tut, wie man in der Fußballersprache sagt.

Weihnachtsaktion der OVB-Heimatzeitungen:

  • Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling, Spendenkonto 19521, BLZ 71150000
  • VR Bank Rosenheim-Chiemsee eG, Spendenkonto 9090266, BLZ 71160161

Diese Tat in die Alltagswelt der Kinderdorfhäuser zu übertragen, ist nicht schwer. Fünf vor zwölf ist es auch für viele misshandelte oder vernachlässigte Kinder, wenn die Behörden einschreiten. Auch diese Buben und Mädchen müssen ihr Herz in die Hand nehmen, einen Sprint nach vorn ins richtige Leben wagen. Nur mit den Schmerzen ist es andersherum. Die Kinder kommen aus realen Strafräumen - solche, in denen es oft täglich Schläge setzt, der Hunger quält, Kinderseelen mit Füßen getreten werden.

45 Sozialwaisen, die nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, sind derzeit in Albert-Schweitzer-Kinderdorfhäusern untergebracht. Die Gründe hierfür sind Chaos, Verwahrlosung, Krankheit, Gewaltexzesse oder Überforderung - "alles, was so durch die Medien geht", sagt Heiner Koch, Geschäftsführender Vorstand. Psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsstörungen sind die Folge.

"Seelisch verletzte Kinder brauchen mehr Schutz und Kontrolle als Gleichaltrige", sagt der Diplom-Sozialpädagoge und Erzieher. Für Kinder und Jugendliche mit besonders großen psychosozialen Defiziten, die in Heimen oder Pflegefamilien gescheitert sind, bedeuten die Kinderdorfhäuser oft die letzte Chance, noch die Kurve zu kriegen. Das heißt: in eine normale Schule gehen dürfen und später einmal ein selbstbestimmtes Erwachsenenleben führen können.

Wenn diese Buben und Mädchen in einer Kinderdorffamilie ein Zuhause finden, merken die Hauseltern schnell, dass das Erlebte tiefe Spuren hinterlassen hat. Manche reißen zwanghaft dreimal am Tag die komplette Kleidung aus dem Schrank, andere bekommen unvermittelt Wutanfälle oder verweigern sich stumm. Einige haben so große Lernschwierigkeiten, dass sie die Förderschule besuchen.

Solche Kinder in familiären Kinderdorfhäusern unterbringen zu können, bleibt in vielen Fällen ein unerfüllter Wunsch. Denn es gibt zu wenig Plätze für sie. Das ist der Grund, warum im Neubeurer Ortsteil Pinswang ein neues Kinderdorfhaus entstehen soll - gleich neben einer bereits bestehenden Einrichtung. Jeder Cent der Weihnachtsaktion "Ein Zuhause für Kinder in Not" der OVB-Heimatzeitungen fließt in den Umbau eines Bauernhauses aus dem Jahr 1906, das erst noch renoviert, umgebaut und speziell auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten werden muss.

Ob Nia Künzer zur Einweihung kommt? Ausgeschlossen ist das nicht, schließlich engagiert sie sich weiter für die Kinderhaus-Idee. "Gerade im Erwachsenenalter habe ich schätzen gelernt, viele Geschwister zu haben. Meine große Familie hilft mir, über den Tellerrand zu schauen und das zu würdigen, was ich habe." In zwei Jahren sollen die ersten Kinder einziehen - ein großer Tag für die Buben und Mädchen, der heute noch weit weg ist. Aber manchmal lässt sich das Glück halt Zeit - so wie bei Nia Künzer und ihrem "Golden Goal" in der Verlängerung.

ls/OVB-Heimatzeitungen

Quelle: rosenheim24.de

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