Online-Sucht: "Heroin aus der Steckdose"

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Tim Pfeiffer-Reischel während seines Vortrages über die "Legal Highs" im KU'KO in Rosenheim.
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Rosenheim - Online-Sucht und "Legal Highs": Das sind die "neuen Drogen". Die eine aus dem Netz, die andere das Internet selbst - doch was steckt hinter diesen neuen Abhängigkeiten?

Das Internet ist ein Schlüsselbegriff in der Diskussion um „neue Drogen“ und „neue Süchte“. Viele halten das Internet selbst für die böse neue Droge, das „Heroin aus der Steckdose“. Doch wie viel steckt tatsächlich dahinter? In seinem Vortrag im KU'KO im Rahmen des dritten Rosenheimer Suchthilfetags  „Online-Sucht – Erschaffung eines neuen Krankheitsbildes?“ erörterte Benjamin Grünbichler, Geschäftsführer von „neon“ in Rosenheim, diese Frage und beleuchtete das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln. Es sei unbestreitbar: In der heutigen Zeit sei das Internet nicht mehr weg zu denken. Bereits seit geraumer Zeit würden Generationen mit der neuen Technik groß und würden somit ein Leben ohne Computer, Smartphones oder Spielekonsolen überhaupt nicht mehr kennen.

Und obwohl auch für viele Erwachsene ein Leben ohne die modernen Geräte kaum noch vorstellbar ist, gibt es dennoch genügend Menschen, die dem Thema weiterhin skeptisch gegenüber stehen. Benjamin Grünbichler beschreibt diese Meinungsverschiedenheiten als typischen Generationenkonflikt: “Solche Streitereien gab es schon immer. Früher hat man sich genauso über die Jugend empört wie heutzutage, nur waren es damals eben andere Themen“.

Trotzdem ist auch dem Suchttherapeut Benjamin Grünbichler bewusst, dass das Internet eine verführerische Anziehungskraft auslöst, die schnell zur Sucht werden kann. Doch wie schmal ist der Grat zwischen obsessiver Leidenschaft und Sucht?

Wenn das Spielen süchtig macht

Das Krankheitsbild der „Online-Sucht“ gibt es offiziell nicht. Die „Internet Gaming Disorder“  hingegen, eine Sucht nach Online-Spielen, gilt als weitgehend anerkannt. Kriterien für die Diagnose dieser Krankheit stehen fest. Die Anzeichen für die „Internet Gaming Disorder“ sind unter anderem eine obsessive Beschäftigung, das Auftreten von Entzugserscheinungen oder die Gefährdung des sozialen und beruflichen Alltages.

Die Abhängigkeit rühre jedoch nicht zwangsläufig von den Spielen selbst, so Grünbichler, sondern sei oftmals eine Begleiterscheinung anderer psychischer Erkrankungen, wie sozialer Phobien oder ADHS. Sobald der Umgang mit dem Internet oder Online-Spielen das Familienleben beeinträchtige, sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, so der Suchthilfeberater von neon.

Benjamin Grünbichler gibt jedoch zu bedenken, dass die Streitigkeiten um exzessive Mediennutzung zwischen Eltern und ihren Kindern häufig „normale“ Abgrenzungskonflikte seien. Es handle sich dabei um Entwicklungsphasen, in denen die Jugendlichen sich ausprobieren wollten.

Legal Highs: "Die neuen Drogen aus dem Internet"

Spice - eine bekannte neue synthetische Droge.

Doch es gibt weitaus gefährlichere Mittel und Wege sich auszuprobieren - und auch diese lauern im Internet: Gemeint sind sogenannte „legal highs“. Hierbei handelt es sich um synthetische Substanzen, die als Kräutermischungen, Badesalze oder Lufterfrischer deklariert sind und als vermeintlich legale Alternative zu illegalen Drogen offen im Internet angeboten werden.

Tim Pfeiffer-Gerschel, Geschäftsführer der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD), legte in seinem Vortrag „Je lauter die Hühner, umso größer das Ei?“ den aktuellen Kenntnisstand über „die neuen Drogen aus dem Internet“ dar. „Es handelt sich um ein ernstzunehmendes Phänomen. Diese „neuen Drogen“ sind gar nicht immer neu, denn die „legal highs“ sind bloß chemisch leicht veränderte Substanzen.“ Dadurch fielen sie häufig nicht mehr unter das strengere Betäubungsmittelgesetz (BtMG), sondern lediglich unter das Arzneimittelgesetz, weiß Pfeiffer-Gerschel. Die Risiken und Wirkungsweisen der „legal highs“ seien unkalkulierbar; nicht einmal die Konsumenten selbst wüssten, was in ihrem „Badesalz“ oder ihrer „Kräutermischung“ enthalten ist. „Oft befinden sich in den Mischungen synthetische Cannabinoide, ähnlich dem Wirkstoff THC. Doch die künstlich geschaffenen Substanzen haben meist eine deutlich höhere Wirkstoffskonzentration als das natürliche Hanfprodukt, sodass es nach dem Konsum zu lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen kommen kann“, erklärt Tim Pfeiffer-Gerschel.

An einer Eindämmung der Problematik scheitere der Gesetzgeber im Moment noch: „Sobald man ein Produkt verbietet, taucht das Nächste auf, mit einer leicht abgeänderten chemischen Zusammensetzung“, so Pfeifer-Gerschel weiter. Ein Problem, das in den europäischen Nachbarländern aktuell durch Bestrafung des Handels - und nicht des Besitzes - bekämpft wird.

Die beiden weiteren Teile unserer Serie zum Thema "Sucht", "Suchthilfe - gestern, heute, morgen" und "Suchttherapie - den medizinischen Ursachen und Wirkungen auf der Spur", folgen noch in dieser Woche.

Melina Buchner/redro24

Quelle: rosenheim24.de

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