Die Seelenflüsterin für Kinder

+
Sie hält alle Fäden fest in der Hand: Maren Halle-Krahl leitet seit sieben Jahren das Kinderdorfhaus in Pinswang bei Neubeuern. Den Weihnachtsschmuck auf dem Bild haben "ihre" Kinder selbst gebastelt.

Rosenheim/Mühldorf - Maren Halle-Krahl ist Erzieherin und Hausmutter im Kinderdorf. Dass sie damit eine schwierige Aufgabe hat, zeigt ein Blick auf ihren Alltag.

Erzieherin und Hausmutter im Kinderdorf: Das klingt nach viel Wäsche und täglichen Putzeinsätzen. Dabei ist der Haushalt nur ein kleiner Teil eines Berufes, der vielseitiger und abwechslungsreicher nicht sein könnte. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen und Überraschungen. Und das 24 Stunden lang. Maren Halle-Krahl weiß das. Sie ist Kinderdorfmutter in Pinswang bei Neubeuern. Sie freut sich schon auf das neue Kinderdorfhaus, das bald gebaut werden soll.

Seit acht Jahren leitet Halle-Krahl ein Kinderdorfhaus in Pinswang. Dort haben sieben Buben und Mädchen, die in ihren Familien Opfer von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung wurden, ein neues Zuhause gefunden.

Weil auf einen freien Platz dutzende Anfragen kommen, will das Albert-Schweitzer-Familienwerk als Träger der Einrichtung bald ein zweites Kinderdorfhaus in Neubeuern eröffnen. In das Projekt fließt jeder Cent der Weihnachtsaktion der OVB-Heimatzeitungen.

Der Alltag im Kinderdorfhaus läuft für die Buben und Mädchen nicht anders als in gewöhnlichen Familien ab: Aufstehen, waschen, Zähne putzen, anziehen, frühstücken, zur Schule gehen, heim kommen, essen, Hausaufgaben erledigen und so weiter.

Das klingt banal und unspektakulär - aber wie viel Kraft, Mühe und Beharrlichkeit man aufbringen muss, um in traumatisierten Kindern die Lust auf einen neuen Tag und ein neues Leben zu wecken, kann man nur erahnen. Wofür Zähne putzen, sich anständig anziehen oder Englisch-Vokabeln büffeln, wenn sie doch immer auf der Verliererseite stehen? Gerade die Neuankömmlinge sträuben sich dagegen, sind verstört und machen - natürlich - genau das Gegenteil von dem, was man ihnen sagt.

Maren Halle-Krahl, selbst dreifache Mutter, Heilpädagogin, Physiotherapeutin, Jugend- und Heimerzieherin, ist darauf samt ihrem multiprofessionellen Team (Heilerziehungspflegerin, Sozialpädagogin, Erlebnispädagoge, Dorfhelferin) gut vorbereitet. Sie verfügt über das Gespür, das Wissen, die Ausdauer und die Ruhe, um angemessen zu reagieren und die richtigen Worte zu finden. Mal ist der Ton leise und einfühlsam, mal laut und bestimmt. Mal ist sie Seelentrösterin, mal Trainerin, mal Erzieherin, mal Chefin.

Was zeichnet eine glückliche Kindheit aus? Darüber gibt es viele Studien. Alle kommen auf einen gemeinsamen Nenner: Geborgenheit, Liebe, Kontinuität, Zuverlässigkeit, Harmonie, eine vertraute Umgebung mit festen Bezugspersonen, Regeln und Rhythmen - das alles spielt dabei eine große Rolle.

Das alles verkörpert die Kinderdorfmutter. Sie kann sehr liebevoll sein, aber auch sehr konsequent. Sie gibt den Takt vor, lässt kein Chaos zu und verliert nie den Überblick - so wie es den leiblichen Eltern der Kinder passiert ist, die sich aus verschiedensten Gründen aus der Bahn werfen ließen und die Kontrolle über ihr Leben verloren hatten.

Manches bleibt im Kinderdorfhaus immer gleich, anderes verändert sich. Halle-Krahls Wecker klingelt um 6 Uhr früh. Wenn sie wenig später Clarissa (Namen geändert), eine notorische Langschläferin, die Decke vom Kopf zieht, dann kann es sogar sein, dass sie dem Mädchen ein Lächeln entlockt.

Benny ist inzwischen im Zähneputzen ein wahrer Weltmeister. Manchmal gibt es deshalb sogar Reibereien - wenn es Benny für den Geschmack der anderen Kinder übertreibt und länger als zwei Minuten putzt. Zwei Bäder für sieben Kinder - die erste logistische Herausforderung wartet gleich nach dem Aufstehen.

Halle-Krahl gibt auf drei Etagen die Motivationstrainerin und Streitschlichterin: Unten am Frühstückstisch, bei den Mädchen im ersten und den Buben im zweiten Stock. Wenn die Kinder in der Schule sind, schlüpft die Hausmutter in andere Rolle. Dann arbeitet sie als Finanzbuchhalterin, Sekretärin und Managerin, telefoniert mit Schulen, Ärzten, Familienrichtern, Herkunftsfamilien und Jugendämtern.

Dabei geht es nicht nur ums Erstellen von Dienstplänen, ums Abrechnen von Kosten oder Terminvereinbarungen. Manchmal muss sie um das Glück und die Zukunft "ihrer" Kinder kämpfen wie eine Löwin, mit Partnern und Behörden zäh verhandeln. Es steht viel auf dem Spiel, wenn Kindern mit besonders schweren Schäden oder Traumata der Rauswurf aus der Schule oder die stationäre Psychiatrie droht.

Manche Gespräche und Behördentermine ziehen sich lange hin. Fürs Kochen bleibt da keine Zeit. Deshalb bekommt Halle-Krahl Unterstützung. Zum Beispiel von Anneliese Warter. Neben dem Gruppendienst ist sie diejenige, die das Kochen am häufigsten übernimmt und auch den Haushalt zu größten Teilen bewältigt.

Heute gibt es Gulasch mit Knödeln. Clarissa (9) und Benny (11) lassen es sich schmecken. Dass sie Teil einer Familie sein dürfen und wissen, dass Maren Halle-Krahl immer für sie da ist, ist für die beiden Sozialwaisenkinder die beste Therapie.

Helfen auch Sie mit, dass Kinder in Not ein neues Zuhause finden. Jeder Spender, der bis 31. Dezember zehn Euro oder mehr spendet, kann einen Ford B-Max, gestiftet von Auto Eder Kolbermoor, gewinnen.

Ludwig Simeth (Oberbayerisches Volksblatt)

Quelle: rosenheim24.de

Zurück zur Übersicht: Bayern

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser